Eine dicke Hummel fliegt in aller Ruhe von Blüte zu Blüte. Das ist in Zeiten des Insektensterbens durchaus schon fast eine Seltenheit. Nicht aber auf diesem Stück Erde. „Wir bezeichnen das Ganze hier als Arche-Fläche“, sagt Patrick Loewenstein vom Botanischen Garten in Potsdam.

Bei dieser Arche geht es aber nicht vordergründig um die Rettung von Tieren wie einst bei Noah, sondern in erster Linie darum, seltene Pflanzen zu bewahren, die oft schon vom Aussterben bedroht sind.

Bestechend einfache Idee

Die Idee der Potsdamer ist bestechend einfach: Damit ihre seltenen Pflanzen in möglichst viele Ecken von Brandenburg und Berlin gelangen, wollen sie so viele Hobby-Gärtner wie möglich gewinnen. Die bekommen die Pflanzen kostenlos und pflanzen sie dann in ihren heimischen Gärten und auf Balkonen ein.

Mit der Zeit verteilen sich in der jeweiligen Umgebung die Pflanzensamen – und das Ganze sorgt dafür, dass die Artenvielfalt steigt. Und wer keinen eigenen Garten oder Balkon hat und trotzdem mitmachen will, kann auf der Arche-Fläche eines der 900 Mini-Beete bepflanzen.

"Pflanzen adoptiert"

Als die Potsdamer Botaniker das Projekt unter dem Namen „Urbanität und Vielfalt“ im vergangenen Jahr starteten, gab es keinen besseren Ort, um möglichst viele Interessierte zu erreichen als das Gelände der Internationalen Gartenschau (IGA) in Berlin-Marzahn. Und dort ist es nun eines der wenigen IGA-Projekt, das auch in diesem Jahr weiterläuft.

„Am Sonntag feiern wir hier auf unserer Arche-Fläche ein Frühlingsfest mit Pflanzenausgabe“, sagt Loewenstein. „Die Sache mit den Pflanzen kann jeder. Im vergangenen Jahr haben 300 Paten unsere Pflanzen adoptiert.“ Das seien entweder einzelne Privatleute gewesen, Vereine oder Schulklassen. „Die Leute kamen sogar weit aus Brandenburg.“ Es gibt auch Anfragen aus anderen Bundesländern.

1,5 Millionen Euro in vier Jahren

Das Projekt wird vier Jahre lang mit 1,5 Millionen Euro vom Bundesamt für Naturschutz mit Geld aus dem Bundesprogramm für Biologische Vielfalt gefördert. „Wir wollen, dass das Projekt nicht nach vier Jahren endet, sondern wollen es fortführen“, sagt Loewenstein.

Deshalb sind die 900 Mini-Beete auf der Archefläche in Marzahn so wichtig. Dort sollen sich die Leute ab und an treffen, sollen die Pflanzen gießen und pflegen und so zu einer lockeren Gemeinschaft von Gleichgesinnten werden – einer Art Bürgerbewegung mit grünem Daumen.

"Der Garten ist mein Paradies"

Auch Gabriele Decker hat im Vorjahr mitgemacht. Die 67-Jährige hat 40 Jahre in Berlin gelebt, zuletzt am Tegeler Hafen. „Dort hab ich meinen kleinen Balkon sehr voll bepflanzt“, sagt die Frau, die früher im Marketing arbeitete. „Ich habe mich immer für schöne Gärten und Pflanzen interessiert.“ Dann sei sie, auch um einen Garten zu haben, nach Birkenwerder bei Oranienburg gezogen.

„Ich erleben jetzt hier meinen vierten Sommer“, erzählt sie. „Und seit ich meinen Garten habe, bin ich nur noch glücklich. Ich schaue jeder Pflanze beim Wachsen zu. Der Garten ist mein Paradies.“ Als ihr eine Freundin von dem Pflanz-Projekt erzählte, habe sich ein paar Gräser geholt – Steppen-Lieschgras und Ohrlöffel-Leimkraut. „Ich habe irgendwas genommen.“ Sie pflegt ihre Gräser und hofft, dass sie sich in Birkenwerder weiter verbreiten. „Und wenn ich es schaffe, hole ich mir am Sonntag neue Pflanzen.“

In Berlin bereits ausgestorben

Loewenstein und Studentin Jil Roßberg bereiten die Mini-Beete für Sonntag vor, rupfen alles heraus, was massenhaft wächst und wie der Klee die seltenen Pflanzen überwuchert. Loewenstein zeigt auf Berg-Sandknöpfchen oder Haar-Pfriemengras. Und er zeigt die lilafarbenen Blüten der Tauben-Skabiose. „Die gilt in Berlin bereits als ausgestorben. In Brandenburg ist sie gefährdet.“