Berlin - Warum nennt man den Gang der Enten eigentlich „Watscheln“? Diese beiden da in der Mitte der Wiese gehen recht anmutig. Schwenken ihre dicken Hintern mit lässiger Eleganz. Ab und zu stecken sie die Köpfe zusammen, als besprächen sie die nächsten Schritte. Dabei werden sie den gleichen Weg nehmen, wie so oft in den letzten Wochen, nämlich, bei aller Gemütlichkeit, Richtung Straße.

Spräche ich doch nur ihre Sprache. Ich würde ihnen erzählen, dass eine der ihren letztens tot auf dem Bürgersteig lag. Würde ihnen erzählen von Autos, die manchmal zu schnell fahren, und von denen, die dicht an dicht parken, und den Fahrern, auch den langsamen, welche die Sicht versperren auf Kinder und noch kleinere Passanten. Von der Baustelle, die die Straße unübersichtlich macht. Ich würde ihnen so gerne sagen: Geht zurück zum See! Und passt auf Euch auf.

Ich beherrsche aber die Sprache der Enten nicht, weiß nur, dass sie manchmal klingen, als würden sie laut lachen. Diese beiden spazieren immer still. Ich habe schon überlegt, ob sie um ihren toten Artgenossen wissen und immer wieder an die Stelle seines Ablebens zurückkehren.
Kürzlich las ich, dass es immer mehr Tiere in der Stadt gebe, nicht nur in Berlin. Sie wenden sich von der unnatürlich gewordenen Natur ab, fliehen vor Landwirtschaft und Windrädern und suchen Schutz und Nahrung in urbanen Parks, auf Baustellen, Brachen und in Schrebergärten.

Marder, Füchse, Waschbären, Wildschweine, Wanderratten – sie alle suchen ein besseres Leben unter Menschen. Ausgerechnet bei uns.

Der Mensch lernt nicht 

Was mir nicht mehr aus dem Kopf geht, ist, was der Autor des Textes über die Veränderungen schrieb, welche die Stadttiere durchmachen. Von Echsen war da die Rede, die mit der Zeit Haftlamellen an den Füßen entwickeln, die ihnen mehr Halt auf Beton geben. Er schrieb von Mücken in der Londoner U-Bahn, an denen man genetische Unterschiede festgestellt hat, je nachdem, auf welcher Linie sie hausen.

Die Weißfußmäuse in New York vertragen Fast Food, das das Verdauungssystem ihrer Artgenossen in der freien Natur komplett überfordern würde.  Als Berliner Beispiel nannte der Text den Haubentaucher, der sein Prachtkleid in der Stadt nicht nur in der Balz- und Brutzeit trage, sondern immer. Er hat hier keine Feinde.

Wirklich nicht? Am See stehen seit einiger Zeit Schilder, die eine Schulklasse aufwendig und mit viel Liebe gestaltet hat. In hübschen Bildern und kurvenreicher Grundschulschrift werden die Spaziergänger darauf informiert, warum sie die Enten nicht füttern dürfen. Fast alle Schilder waren innerhalb kürzester Zeit mit Graffiti beschmiert. Man konnte sie kaum mehr lesen.

Vielleicht tun die Enten das Richtige, wenn sie dem See ab und zu den Rücken kehren. Ich hoffe, auch sie lernen schnell, das Leben auf der Straße und wie man jenseits des Seeufers auf sich aufpasst. Denn der Mensch lernt nicht. Nicht einmal dann, wenn seine Kinder darum bitten.