Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus schließt Verkehrssenatorin Regine Günther Reduzierungen im Berliner Nahverkehr nicht mehr aus.
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BerlinNoch rollen Busse und Bahnen wie gewohnt in großer Zahl durch Berlin. Doch angesichts der Ausbreitung des Coronavirus‘ schließt Verkehrssenatorin Regine Günther Reduzierungen im Berliner Nahverkehr nicht aus. Zwar sollen Bahnen und Busse so lange wie möglich weiterfahren, damit Krankenschwester, Polizisten und andere Berufstätige zur Arbeit gelangen. „Unser Ziel ist es, den öffentlichen Verkehr solange wie möglich aufrechtzuerhalten“, sagte die Grünen-Politikerin am Donnerstag im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses. Allerdings: „Falls es doch zu Einschränkungen kommt, weil ein Beschäftigter erkrankt, gibt es Notfallpläne, die wir gerade aktualisieren.“ Der Senat stünde mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der S-Bahn in Kontakt.

Damit war das Wort draußen: Einschränkungen. Schon seit Tagen wird diskutiert, ob Busse und Bahnen einfach so weiterfahren können, während eine Großveranstaltung nach der anderen aus Angst vor einer Ausbreitung von Corona abgesagt wird. Bislang wurde die BVG täglich für rund drei Millionen Fahrten genutzt, die S-Bahn für zirka 1,4 Millionen Fahrten. Es gebe die „Möglichkeit der Ansteckung“, warnte die Senatorin.

Stadt des Nahverkehrs

Große Bedeutung: Längst nicht in allen Metropolen werden Bahnen und Busse so gut frequentiert wie in Berlin. 27 Prozent aller Wege werden mit dem Nahverkehr zurückgelegt.
Gut genutzt: Die Zahl der Fahrgäste ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. 2019 wurden BVG und S-Bahn für insgesamt mehr als anderthalb Milliarden Fahrten genutzt.
Hohes Risiko: Einschränkungen des Nahverkehrs würden die Berliner Wirtschaft hart treffen. Weil der Motorisierungsgrad niedrig ist, kämen vIele Berufstätige nicht mehr zur Arbeit.

Darum war es richtig, dass die BVG den Fahrscheinverkauf in Bussen eingestellt habe, so Günther. Seit Donnerstag dürfen Busfahrgäste nicht mehr vorn einsteigen, rot-weiße Bänder sperren die Fahrerbereiche ab. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen, dass ein BVG-Beschäftigter an Corona erkrankt, sagte die Senatorin.

Wenn Deutschland nicht richtig reagiert, drohe in sechs Wochen eine Situation wie in Italien, wo es besonders viele Todesfälle gebe. „Noch gibt es die Möglichkeit, die Ausbreitung einzuschränken, wenn wir bereit sind, entsprechende Maßnahmen zu treffen.“ Am Dienstag werde darüber im Senat beraten.

„Die Gesundheit geht vor“

Muß der Nahverkehr eingeschränkt, vielleicht sogar eingestellt werden? „Das kann passieren, wenn wir das Virus nicht eingedämmt bekommen“, sagte der Ausschussvorsitzende Oliver Friederici (CDU). „Die Gesundheit geht vor“, so der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz. „Das bedeutet, dass wir über harte Einschränkungen reden müssen.“ Grundsatz müsse aber sein, den Nahverkehr so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, mahnte Harald Moritz von den Grünen.

Buchholz regte an, Busse und Bahnen öfter zu desinfizieren. „Doch das würde sehr schwierig“, gab Andreas Hoppe vom BVG-Gesamtpersonalrat zu bedenken. Die BVG haben viele Fahrzeuge, deren Sitze mit Stoff bezogen sind. Dort wäre es kaum sinnvoll, große Mengen Flüssigkeit zu versprühen. Außerdem gebe es in Bussen und Straßenbahnen viel Elektronik, die geschädigt werden könnte, so Hoppe. Andere BVGer geben zu bedenken, dass die Fahrzeuge nur kurz keimfrei wären. Wenn sich darin wieder Fahrgäste drängen, würde der Effekt gleich wieder verfliegen.

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Dass die BVG Busfahrer vor Ansteckung schützen will, indem sie die vorderen Bustüren für Fahrgäste gesperrt hat, findet Andreas Hoppe richtig - und nicht nur er. „Bei den Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, ist die Maßnahme gut angekommen“, berichtete Hoppe. Die Anweisung des Busbetriebsleiters Carsten Schuster gilt bis auf Widerruf. Sie folgt dem Beispiel der Verkehrsbetriebe Zürich und anderer Unternehmen in der Schweiz.

Busfahrer rechnen nun damit, dass es mehr Verspätungen gibt und Anschlüsse verpasst werden. An den verbleibenden Bustüren kämen sich ein- und aussteigende Fahrgäste in größerem Maße als bisher in die Quere, sagen sie. „Doch auf den vollen Straßen haben sich unsere Busse auch vorher oft verspätet“, hieß es.

Einstiege beim Bus nur noch hinten möglich

Für die alte Berliner Regel, dass Fahrgäste im Bus nur vorn einsteigen dürfen, galten schon vor Corona Ausnahmen. Bei großem Andrang durften die Fahrer auch die hinteren Türen öffnen. Trotzdem waren am Donnerstag einige Busfahrgäste überrascht, dass die Vordertür zu blieb. „Einige sind gegen die Tür gelaufen“, sagte ein BVG-Mitarbeiter. Für Blinde und Sehbehinderte könnte die Neuregelung kritisch werden, sagte Buspendler Matthias Winkler aus Spandau.

Bereits am Mittwochabend habe es für einen Rollstuhlfahrer, der an der Haltestelle Moritzstraße einsteigen wollte, Probleme gegeben. „Der Busfahrer wollte die Rampe nicht ausklappen. „Die Leitstelle hätte ihm auch diesen Kontakt zu Fahrgästen untersagt“, so Winkler. Aus seiner Sicht bedeute dies, dass Rollstuhlfahrer im Bus nicht mehr befördert werden. Doch das stimmt nicht, sagte BVG-Sprecherin Petra Nelken. „Die Anweisung gibt es so nicht. Wir werden die Fahrer sensibilisieren.“