Wer vom Dach des einstigen Hauses des Berliner Verlags am Alexanderplatz aus nach Südwesten sieht, kann in der Ferne einen schlanken, gebogenen, rötlich im Abendlicht blitzenden Riegel entdecken: Das einstige GSW-Hochhaus an der Kochstraße.

Es lugt hervor zwischen dem DDR-Trommelwirbel der Hochhäuser an der Leipziger Straße und dem West-Berliner Paukenschlag des Springer-Hochhauses. Großartige Metapher, die der Architekturkritiker Michael Mönninger einmal für diese Stadtlandschaft des Kalten Kriegs prägte, damals, als er um 2000 mit seinen Kollegen, darunter auch der Schreiber dieser Zeilen, die Baukultur zum Swing-Thema der Berliner Zeitung machte.

Die Jerusalemer Straße, die Linden-, Admirals-, Friedrich- und Kochstraße, das war der Kern des Berliner Zeitungsviertels. Dies ist der mythische Ort des liberalen, konservativen und radikalen Journalismus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, der grandiosen Feuilletons und brillanten Recherchen, des Kampfes für die Demokratie und gegen sie.

Im Berliner Zeitungsviertel fehlt das Denkmal für die Pressefreiheit

Hier herrschte ein dem Neuen immer offenes, vehement neugieriges Berlinertum, das vor allem von Einwanderern geprägt wurde. Wo ist das Newseum wie in Washington D.C., in dem sich neue und alte Medienkultur versöhnen konnten; wo das Denkmal für die Pressefreiheit wie in Brasilia oder auf Mindanao, wo sind die Statuen herausragender Journalisten wie in Lissabon, Oslo oder Helsinki?

Es war das Trauma, dass die allermeisten deutschen Medien einbrachen vor dem Zivilisationsbruch der Nazis, das auch nach dem Krieg das Zeitungsviertel veröden ließ. Nur Springer und die taz versuchten, seinen Ruhm wieder zu beleben. Aber die taz ist inzwischen verzogen an die südliche Friedrichstraße und Springer strebt ins globale Netz der angeblich nicht mehr lokal zu bindenden Medienwelt.

Zu dieser gehört auch – Achtung, Themensprung, wie er nur Kolumnisten gestattet ist – eine in Hamburg gemeldete Immobilienfirma, der eben das vom Alex aus gesichtete einstige GSW-Hochhaus gehört.

1999 wurde es nach den Plänen des Berliner Büros Sauerbruch Hutton eröffnet. Die in Rot, Orange und vielen anderen Tönen schillernde Streifenfassade wurde zur Sensation, ebenso die raffinierte Klimatisierung, der zarte Schwung nach Westen, die ökologisch vorbildliche Verbindung mit dem eigentlich banalen, aber als Ressource an Grauer Energie wichtigen Bürotürmchen.

Das GSW-Hochhaus soll umgebaut werden

Dieses GSW-Hochhaus nun soll umgebaut werden. Muss möglicherweise sein. Nicht aber, dass die Fassade mit waagerecht breiten Rollos statt der aufklappbaren bunten, schmal-senkrechten Paneele versehen wird.

Diese Barbarei muss gestoppt werden. Dieses Kunstwerk ästhetisch zu banalisieren, dessen Modell im New Yorker Museum of Modern Art zu bewundern ist, das unzählige Preise gewonnen hat, wäre eine unentschuldbare Sünde.

Zur Not muss der Denkmalschutz einschreiten. Wozu ist er da? Denn dieser Bau steht für eine Zeit, in der das legendäre Zeitungsviertel zwar längst Geschichte war, West-Berlin aber den Aufbruch in die Klimadebatten, den ökologischen Stadtumbau wagte. Er ging damals unter in unsinnigen Fassadendebatten. Doch das GSW-Hochhaus zeigt: Öko und Eleganz, die passen zueinander, Berlin kann mehr als steinerne Stadt sein.

Deswegen sei diesem Turm, liebe Leserinnen, liebe Leser, dieser letzte Spaziergang mit mir durch die aufregende, anregende Stadt Berlin gewidmet. Danke für viele liebe, viele streitbare und sogar einige fiese Briefe. Man wird nie dümmer in Berlin, einer Stadt, die sich gewaschen hat, wie man einmal sang, die allen ihre Chance gibt. Oder jedenfalls geben sollte.