Bitterfeld war sein Schicksal: Was ein Berliner Bahnfahrgast dort erlebte

Der Mann reiste zweimal kurz hintereinander im ICE durch die Stadt. Jedes Mal passierte etwas, das eigentlich nicht vorgesehen war. Was steckt dahinter?

Gute Reise - hoffentlich nach Plan. Fahrgäste steigt in einen Intercity Express der Bahn.
Gute Reise - hoffentlich nach Plan. Fahrgäste steigt in einen Intercity Express der Bahn.Andreas Arnold/dpa

Bahnfahrgäste sind schon eine ziemlich sensible Sorte Mensch. Sie reagieren ungehalten, wenn ihr Zug an einem Bahnhof, an dem er eigentlich halten sollte, ohne Stopp durchfährt. Und wenn ein anderer Zug dann einen zusätzlichen Halt einlegt, obwohl der Fahrplan dies gar nicht vorsieht, ist es auch wieder falsch. Wenn beides bei ein und derselben Reise vorkommt – hat man zumindest etwas zu erzählen. Wenn sich beides in ein und demselben Ort ereignet – umso bemerkenswerter.

Werner B. hat das jetzt erlebt. Der Berliner, der dienstlich des Öfteren mit der Bahn zu tun hat und deshalb seinen wahren Namen nicht veröffentlicht sehen will, hat bis heute noch nicht herausgefunden, warum sich beide Vorfälle ausgerechnet in Bitterfeld ereigneten. Ein Wink des Schicksals, das Leben zu ändern und sich in Sachsen-Anhalt anzusiedeln? Wann- und Müggelsee sind passé, nun geht es zum Großen Goitzschesee?

Mit 50 Minuten Verspätung ins Urlaubsvergnügen

Oder eine Ost-West-Geschichte? In den vergangenen Jahren war es ja vor allem die niedersächsische Stadt Wolfsburg, die von Lokführern fahrplanwidrig ignoriert wurde. Nachdem dort mehrmals ICE-Züge ohne Halt durchgerauscht waren, witzelte die Welt in DDR-Manier: „Den ICE in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“

Zu den Fakten: Der erste Vorfall ereignete sich, als Werner B. am 8. Juli in den Urlaub fuhr. „Wir sitzen im verspäteten (Signalstörung !) ICE 701 nach München, der planmäßig in Bitterfeld halten sollte“, notierte er damals. Doch der Zug fuhr am Bahnsteig vorbei. Der Zugbegleiter erklärte, was passiert war: „Leider hatte sich der Lokführer verbremst. Er leitete kurz vor dem Bahnhof eine Schnellbremsung ein, kam aber erst deutlich hinter dem Bahnhof zum Stehen. Nach geraumer Zeit setzten wir nach Bitterfeld zurück, die staunenden Fahrgäste stiegen ein, und mit inzwischen 50 Minuten Verspätung ging es weiter ins Vergnügen.“ So weit, so schlecht.

Ein Paradies für Wassersportler - und an den Ufern Rad- und Wanderwege. Der Große Goitzschesee bei Bitterfeld.
Ein Paradies für Wassersportler - und an den Ufern Rad- und Wanderwege. Der Große Goitzschesee bei Bitterfeld.imago

„Ein echtes Highlight, da waren sich alle einig“

Die Anschlusszüge waren natürlich nicht mehr erreichbar, so Werner B. Immerhin: „Die Stimmung an Bord war gut. Man ist ja manches von der Bahn gewohnt, aber das war ein echtes Highlight, da waren sich alle einig.“ Ein Bahnsprecher bestätigte den Vorfall.

Von der Hinfahrt konnten Werner B. also schon einiges erzählen. Von der Rückfahrt am 16. Juli aber erst recht. „Die Bahn überraschte uns erneut“, und erneut war Bitterfeld der Schauplatz. „Der ICE 1000 war mit 20-minütiger Verspätung in München abgefahren, wegen verspäteter Bereitstellung des Zuges. Zuvor gab es die üblichen Querelen: unverständliche Durchsagen, Gleiswechsel zu einem anderen Bahnsteig, von dem wiederum andere Fahrgäste zu einem anderen Bahnsteig rennen mussten.“

„Greif zur Bremse, Kumpel“

Also erst einmal nichts Besonderes - bis Bitterfeld in Sicht kam. „Dort hielt unser Sprinter dann außerfahrplanmäßig.“ Noch ein Rätsel. „Greif zur Feder, Kumpel“ hieß es 1959, als die DDR in Bitterfeld eine neue Phase der Kulturpolitik einleiten wollte. Und jetzt: „Greif zur Bremse, Kumpel“?

Warum? Im Zug gab es keine Begründung. Doch fünf Fahrgäste nahmen die Chance, die sich ihnen plötzlich bot, wahr – sie stiegen flugs in Bitterfeld aus, wie Werner B. berichtete. „Das trug trotz zwischenzeitlicher Verspätungsaufholung allerdings dazu bei, dass wir dann mit 30 Minuten Verspätung in Berlin-Südkreuz ankamen“, so schließt sein Rapport. Der ICE endete außerplanmäßig bereits im Hauptbahnhof, wegen technischer Probleme. Da war also schon wieder alles wie gewohnt.