Das ist sie: die erste runderneuerte S-Bahn im Werk Schöneweide. Am Nachmittag ging die Zwei-Wagen-Einheit 481 381 in den Einsatz.
Foto: Bernd Friedel / Berliner Zeitung

BerlinAuf den ersten Blick ist sie eine S-Bahn wie andere S-Bahnen auch. Doch wer sich die Wagen genau ansieht, wird die Neuerungen entdecken – die schwarzen Türen, die helleren Ocker- und Rottöne der Außenlackierung, die blauen Sitze. Am Dienstagnachmittag ging der Zug nach längerem Werkstattaufenthalt wieder in den Betrieb. Wie das Fahrzeug, das als erstes das 250 Millionen Euro schwere Modernisierungsprogramm der Berliner S-Bahn absolviert hat, werden 998 weitere Wagen künftig aussehen. Gut geeignet für das Spiel: Finde die Unterschiede!

Bei Sekt und Selters wurde im S-Bahn-Werk Schöneweide das erste runderneuerte Fahrzeug der Baureihe 481 gefeiert. Geladene Gäste inspizierten die Zwei-Wagen-Einheit 481 381, bevor sie zu ihrem ersten Startpunkt nach der Modernisierung aufbrach: Tempelhof auf der S47. Wenn der Zug am Abend unterwegs ist, wird er von Sicherheitskräften begleitet. Denn er soll möglichst lange gut aussehen, hieß es.

Schwarze Türen – gut oder schlecht?

„Das wird ein Umgewöhnungsprozess, den die Berliner mitmachen müssen“, sagte Susanne Henckel, Chefin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg. Heute tragen die Sitzbezüge ein schmuddeliges Grün zur Schau – nach der Erneuerung leuchten sie blau. Es ist die Sitzfarbe von DB Regio, jenem Teil der Deutschen Bahn, zu dem die S-Bahn gehört.

Auch wenn die neuen Sitze etwas hart sind: Susanne Henckel lobte die „Wohlfühlatmosphäre“ im Inneren des runderneuerten Fahrzeugs. So ist der Zug, der am Dienstag vorgestellt wurde, die erste S-Bahn in Berlin, die mit Videokameras ausgestattet ist – ein Novum. „In jedem Wagen gibt es fünf Kameras“, sagte Maik Nachtigall, der das Modernisierungsprojekt leitet. Auf einer Festplatte im Führerstand werden die Bilder 48 Stunden lang gespeichert. Wenn es gilt, eine Straftat aufzuklären, kann die Bundespolizei sie einsehen – sonst darf das niemand.

Blau - und hart: die neuen Sitze.
Foto: Bernd Friedel

Ebenfalls neu: In den modernisierten Zügen gibt es auch horizontale Haltestangen. Sie sollen es den Fahrgästen erleichtern, ins Wageninnere aufzurücken – damit mehr Menschen in den Zug passen. Oder die Türöffnungstaster: Sie reagieren auch auf leichtes Antippen, und sie merken sich die Tippbefehle, falls die Bahn noch nicht angehalten hat.

Andere Änderungen wurden dagegen verworfen. Anders als 2008 projektiert werden die Züge weiterhin keine Klimaanlage im Fahrgastraum haben. Der Umbau wäre zu aufwendig, erklärte Maik Nachtigall.

„Die schwarzen Türen gefallen mir sehr gut“, sagte Verbundchefin Henckel. Blinde und Sehbehinderte hatten die Farbgebung ebenfalls gelobt, weil die Eingänge so besser erkennbar seien. Dem DB-Konzernbevollmächtigten Alexander Kaczmarek fiel schon ein Spitzname für die modernisierten Bahnen ein: „Zorro“.

Bei S-Bahn-Puristen, von denen es eine ganze Menge gibt, kommt das viele Schwarz dagegen schlecht an. Manche stoßen sich auch daran, dass bei der Außenlackierung das Ocker nun einen größeren Anteil hat als das Rot – und dass beide Farben etwas heller wirken. Ihnen ist weniger Braun beigemischt als bislang.

Rückgrat des Verkehrs

Wichtigster Zugtyp: Die Baureihe 481 ist mit tausend Wagen das Rückgrat der S-Bahn. Die Züge wurden 1996 bis 2004 in Hennigsdorf (heute: Bombardier) gebaut. Nun wird dafür gesorgt, dass die Baureihe bis 2033 im Einsatz bleibt.

Projekt Langlebigkeit: Erst werden 309 Zwei-Wagen-Einheiten runderneuert. 2019 werden sieben oder acht „Viertelzüge“ fertig, dann 100 pro Jahr. Wenn der nächste Verkehrsvertrag mit Berlin unter Dach und Fach ist, folgen die übrigen 191.

Viel zu tun: Verglichen mit den nun anstehenden Arbeiten müsste man den Bundestag 70 Mal neu bestuhlen, das Brandenburger Tor 30 Mal neu lackieren und sieben Fußballfelder mit Fußböden ausstatten, sagte Martin Aurich von der Bahn.

Viele wichtige Änderungen können die Fahrgäste dagegen nicht sehen. Viele Technikbauteile, vor allem mechanische Komponenten, wurden getauscht oder erneuert, damit die Lebensdauer zunimmt. Denn das vorrangige Ziel des Programms „Langlebigkeit Baureihe 481“ ist es, dass der wichtigste S-Bahn-Typ weitere zehn Jahre zuverlässig durchhält, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne).

Die größtenteils vom Land Berlin finanzierte Modernisierung ist ein Kraftakt, der dazu beiträgt, dass das Werk Schöneweide bis 2024 gut ausgelastet ist. Im Schnitt werden die Wagen dort 55 Arbeitstage zubringen. „Für uns ist das eine Riesen-Herausforderung, denn im Betrieb dürfen keine Fahrzeuge fehlen“, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner. „Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, so ein Werk in Berlin zu haben“ – ein Werk, das frühere DB-Planer schließen wollten.

Ärger mit den neuen Sitzen

Zu einer besonderen Herausforderung wurden die neuen Sitzgelegenheiten. Ein portugiesischer Hersteller hat den Auftrag für die 27 192 festen Sitzplätze und die 3 708 Klappsitze erhalten. Es gab aber große Probleme, weil die Stabilität nicht den Anforderungen entsprach. Auch passten Bohrungen nicht. Sitze mussten wieder demontiert werden. Bemängelt wurde zunächst auch die mangelnde Stabilität der "Konnektoren", in denen die vertikalen Haltestangen münden. Dadurch hat sich das Projekt um vier bis fünf Monate verzögert. S-Bahner flogen nach Portugal, um vor Ort zu sein. Doch jetzt kann die Serienfertigung beginnen, hieß es.

„Neuer Lack, neue Polster – das sollte es sein?“ fragte ein S-Bahner, der ungenannt bleiben will. Dagegen würden die störanfälligen Hilfsantriebe nicht ausgetauscht. Auch andere Bauteile blieben – weshalb weiterhin die Gefahr bestünde, dass die Lüftung der Bremswiderstände und im Antriebscontainer ausfällt. Einige solcher Bauteile würden bei Revisionen gewechselt, falls dies notwendig sei, erklärte Projektleiter Nachtigall. Doch ein kompletter Austausch der Elektrik würde zu aufwendig.