Sven Marx nimmt Sebastian Fietz an die Hand und führt ihn zu einem der freien Plätze in einer Bäckerei an der Greifswalder Straße. Fietz ertastet sich einen Sitz und setzt sich. Marx holt den Kaffee. Man merkt schnell: Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team. Nicht nur auf dem Tandem.

Sie kennen einander seit zwei Jahren. Bei Sven Marx diagnostizierten die Ärzte 2009 einen Hirntumor und erklärten ihn für einen Pflegefall. Sebastian Fietz ist auf beiden Augen blind und bereits mit 38 Jahren Frührentner. Das Handicap ist ihr gemeinsames Schicksal. Aber sie lassen sich davon nicht unterkriegen. Jetzt wollen die beiden zeigen, wie wichtig Inklusion ist: Die Berliner wollen in 61 Tagen 4000 Kilometer mit ihrem Tandem durch Deutschland radeln.

Sebastian Fietz ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. „Bei jeder Tour müssen wir im Sommer an einem Badesee anhalten, damit Sebastian ins Wasser springen kann“, sagt Sven Marx. Der 55-Jährige muss seinen Freund dann vom Ufer aus lenken, damit er nicht plötzlich mit einem anderen Schwimmer zusammenstößt oder sich in die falsche Richtung bewegt. „Er ist sonst ganz unabhängig und braucht meine Hilfe kaum“, betont er. Es sei für ihn eine Bereicherung, Zeit mit Sebastian zu verbringen und zu erfahren, wie er als nicht sehender Mensch, seine Umwelt ganz anders wahrnimmt als er.

Diesen für ihn selbstverständlichen und respektvollen Umgang mit einem Menschen, der eine Behinderung hat, wünscht er sich verbreiteter in unserer Gesellschaft. „Es gibt noch immer zu viele Berührungsängste“, sagt Marx. Vor allem traue man Menschen mit Handicap zu wenig zu.

Trotz abgeschlossenem Studium keinen Job

Deshalb will er gemeinsam mit seinem Freund am 26. Juni morgens um 11 Uhr am Brandenburger Tor starten und alle Landeshauptstädte Deutschlands anfahren, um sich überall vor Ort für eine stärkere Inklusion einzusetzen und mit Politikern, Bürgern, Verbänden und Vereinen ins Gespräch zu kommen. In jeder Stadt haben sie eine Fahrraddemo angemeldet und es finden Konzerte statt. Finanziert wird ihr soziales Projekt von Aktion Mensch. Der Berliner Verein Handiclapped Kultur barrierefrei unterstützt sie bei der Organisation.

Sebastian Fietz hat schmerzvoll selbst erfahren, wie schnell man als Behinderter auf dem Jobmarkt ins Abseits geraten kann. „In unserer Gesellschaft hat man immer voll leistungsfähig zu sein und zu 100 Prozent einsatzbereit“, sagt er. Sebastian Fietz, ein großer, schlanker junger Mann, hat ein abgeschlossenes Volkswirtschaftsstudium, aber sieht für sich keine Chance mehr im Berufsleben. Als er ein Kleinkind war, entdeckten die Ärzte bösartige Tumore auf seiner Netzhaut. Nur wenige Monate nach der Diagnose erblindete er.

Seit ein paar Jahren bezieht er eine Erwerbsunfähigkeitsrente, weil er auch laut eines Gutachters nicht arbeitstauglich ist. „Ich bin ständig vor Erschöpfung eingeschlafen. Das macht kein Chef lange mit“, erklärt er. Schon der Weg zur Arbeit durch die kaum barrierefreie Stadt habe ihn sehr angestrengt. Er habe das Gefühl, es gebe auf dem ersten Arbeitsmarkt nur ein Ganz oder gar nicht. In eine Behindertenwerkstatt zu gehen, dazu habe er sich aber überqualifiziert gefühlt.

Sebastian Fietz engagiert sich jetzt in sozialen Projekten, unter anderem für den Dunkelparcour „Stockdunkel “ und die „Lebendige Bibliothek“, einen Ort, an dem sich Menschen zu Gesprächen treffen. „Langweilig wird mir ohne Job trotzdem nicht“, sagt er. Dennoch möchte er trotz seines Handicaps gesellschaftlich dazugehören.

Unabhängigkeit ist wichtig, auch für Blinde

Auch die Wohnungssuche in Berlin gestaltete sich schwer, weil viele Vermieter ihm ein eigenständiges Leben gar nicht zutrauten. „Ein Vermieter hat mir mal gesagt, die Treppen schaffst Du doch gar nicht alle rauf. Dabei habe ich doch kein Beinproblem.“ Erst vor ein paar Monaten hat Sebastian Fietz in Hellersdorf seine eigene Wohnung bezogen. Nahe der Wohnung seiner Eltern. Ans Alleinsein muss er sich erst gewöhnen. „Ich habe gern Menschen um mich herum“, sagt er. Aber Unabhängigkeit sei wichtig. Auch als blinder Mensch.

Sven Marx betreibt gemeinsam mit seiner Ehefrau Annett einen Laden für Fahrradersatzteile und Reparaturen. Auch er hat mit Rückschlägen zu kämpfen. 2019 erfuhr er nach einem MRT, dass sein Tumor gewachsen ist. Er  musste erneut eine Strahlentherapie über sich ergehen lassen.

„Ich lebe ständig mit der Angst, dass mich meine Erkrankung wieder einholt, aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen“, sagt der sportliche Mitfünfziger. Von außen kann niemand sehen, durch welche Lebenskrise er gegangen ist. „Auch meine Ärzte halten mich inzwischen für ein medizinisches Wunder und hätten nie geglaubt, dass ich wieder auf die Beine komme“, so Marx.  Er ist optimistisch und stellt sich gern großen Herausforderungen.

Von März 2017 bis Oktober 2018 ist er allein mit dem Fahrrad in 17 Monaten 32.000 Kilometer um die Welt gereist. Im März 2020 war leider sein größter Traum geplatzt. Gemeinsam mit seinem damaligen blinden Tandempartner wollte er zu den Paralympischen Spielen nach Tokyo radeln, aber Corona machte den Abenteurern einen Strich durch die Rechnung. Sie kamen nur bis Warschau. Als die ersten Länder ihre Grenzen schlossen, mussten sie umkehren. Anderthalb Jahre Training umsonst. Aber auch davon ließ sich Sven Marx nicht beirren.

Vier Fahrradtaschen für beide

Nun startet er in acht Tagen sein nächstes Experiment. Die beiden Männer haben auch für diese Reise viele Monate vorher zusammen trainiert und haben ein spezielles Fahrrad ausgewählt: Ein sogenanntes Liegetandem. Sebastian Fietz liegt vorn im Sattel, Sven Marx sitzt hinter ihm und muss das Rad steuern. „Ich merke schon, dass Sebastian deutlich jünger als ich ist, er tritt ganz schön in die Pedalen“, sagt er. Übernachten wollen sie in einem Zweimannzelt, das sie in den vier Fahrradtaschen verstauen wollen. Viel Platz für Kleidung und persönliche Sachen bleibt nicht, sie müssen sich auf Weniges beschränken.

Beim Berliner Behindertenverband stößt ihr Inklusionsprojekt handiclapped-berlin.de auf großes Interesse. „Es ist ein tolles Engagement“, sagt Sprecher Dominik Peter der Berliner Zeitung. Viele behinderte Menschen erhielten in Deutschland nicht die Hilfe, die sie benötigen. Und es gebe Fälle, wie den von Sebastian Fietz, die deutlich machten, dass das System versage. „Der junge Mann hätte eigentlich einen Arbeitsassistenten gebraucht. Viele Betroffene wissen gar nicht, was ihnen zusteht“, erklärt Peter.

Aber auch die Arbeitgeber müssten mehr in die Pflicht genommen werden. „Viele Unternehmen ziehen sich da raus und zahlen lieber die Ausgleichsabgabe, die in meinen Augen viel zu niedrig ist, als einen behinderten Menschen einzustellen.“ Gerade Akademiker mit Handicap hätten es schwieriger, wie Statistiken bewiesen.

Allerdings setzt sich das Land Berlin bereits stärker für die Integration von schwerbehinderten Menschen auf dem Jobmarkt ein. Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sowie die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit haben vereinbart, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die besonders betroffene schwerbehinderte Menschen einstellen, über ein neues Arbeitsmarktprogramm zusätzlich zum bekannten Eingliederungszuschuss eine Arbeitsplatzunterstützung in Höhe von 20 Prozent des Arbeitsentgelts erhalten. Außerdem bekommen Unternehmen, die schwerbehinderten Menschen bis einschließlich 1. Oktober einen Ausbildungsplatz anbieten, zusätzlich zum Zuschuss der Ausbildungsvergütung eine Inklusionsprämie in Höhe von 2000 Euro nach dem ersten Ausbildungsjahr.

Erst vor Kurzem berichtete die Deutsche Presse-Agentur, dass etliche landeseigene Unternehmen in Berlin nicht die Pflichtquote an Angestellten mit Schwerbehinderung erfüllen und stattdessen eine Ausgleichsabgabe zahlen. Das war in den Jahren 2020 und 2021 in 30 Fällen so, wie aus der Antwort des Senats auf eine schriftliche Anfrage des SPD-Abgeordneten Lars Düsterhöft hervorging.

Erst Potsdam, dann Magdeburg, dann Dresden

„Menschen mit Behinderung haben nicht dieselben Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt wie andere Jobsuchende“, sagt auch Alexandra von Winning vom Personalforum Inklusion in Frankfurt. Die Unternehmen seien zurückhaltend, wenn es darum ginge, Menschen mit Behinderung einen Job anzubieten. „In Gesprächen hören wir oft die Angst eines erhöhten Kündigungsschutzes oder die Annahme, das Unternehmen müsse komplett barrierefrei sein.“ Inklusion sei kein Selbstläufer, dafür müsse gearbeitet und geworben werden.

Sven Marx und Sebastian Fietz wollen jetzt für eine bessere Inklusion werben und sich dafür 4000 Kilometer in 61 Tagen abstrampeln. Die erste Station nach Berlin ist Potsdam, dann geht es weiter nach Magdeburg und Dresden. „Unser Ziel ist es, so viele Politiker, Vereine und Verbände wie möglich zu erreichen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber das beste Projekt nützt nichts, wenn keiner darüber spricht“, sagt Sven Marx. Er hat den Krebs besiegt und wird auch diese Hürde nehmen.