Hinweis auf Corona-Tests am Flughafen Schönefeld.
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BerlinGeschlossene Testschalter, wenn noch Flugzeuge aus Risikogebieten landen. Langes Warten auf das Testergebnis. Keine Kontrolle darüber, ob die Fluggäste sich wirklich testen lassen. Kein nachvollziehbares Management, was mit den Aussteigerkarten geschieht, die Fluggäste bei der Landung ausfüllen. Der Streit, ob die Tests künftig kostenpflichtig werden sollen. Die Ankündigung der Labore, demnächst keine Tests mehr auszuwerten. Ein Kompetenzgerangel im Senat, wer künftig testen soll. Die Liste der Pannen und Ungereimtheiten bei der Testung von Reiserückkehrern aus Risikogebieten wird täglich länger und sorgt in der Berliner Politik für immer mehr Ärger. Doch ein Ausweg ist nicht in Sicht.

Tag für Tag landen derzeit in Tegel und Schönefeld rund 4000 Rückkehrer aus Risikogebieten. Dazu gehören mittlerweile nicht nur fast alle Länder außerhalb der EU sowie große Teile des Urlaubslandes Spanien, sondern seit Freitag auch die belgische und EU-Hauptstadt Brüssel. Wer von dort kommt, muss sich testen lassen – entweder gleich am Flughafen oder innerhalb von 72 Stunden in einer Arztpraxis. Entsprechend groß ist der Andrang an den Airports. Zudem ist, wie auch viele andere Ministerpräsidenten, mittlerweile der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) dafür offen, dass die Rückkehrer ihre Tests selbst bezahlen sollen.

Inzwischen sind es so viele Tests, dass die auswertenden Labore überlastet sind. Vorige Woche schrieben sie dem Senat, dass sie ab Mittwoch die Tests nicht mehr auswerten werden. Außerdem hat der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller angekündigt, dass sich das ihm unterstehende Universitätsklinikum Charité demnächst von den Teststellen zurückziehe. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) soll sich kümmern. Nun soll die Kassenärztliche Vereinigung (KV), der Zusammenschluss der niedergelassenen Kassenärzte, die Stellen übernehmen. Anders als etwa beim Hauptbahnhof oder am Zentralen Busbahnhof (ZOB). Dort ist der Betreiber das Deutsche Roten Kreuz mit Unterstützung der Bundeswehr.

Wenn nun die KV Tegel übernehmen soll, wird sie dies jedoch allenfalls unter Protest tun. Kaum hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Anfang August Tests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten zur Pflicht gemacht, meldete sich die KV Berlin zu Wort: „Das macht das Chaos perfekt.“ Die Vereinigung bemängelte eine „fehlende Einbindung der ambulanten Versorgung“. Es sei „ein Unding, dass der KV kaum Zeit bleibt, um die Praxen rechtzeitig zu informieren, und die Praxen keine ausreichende Vorbereitungszeit haben, um sich auf eine mögliche Flut an Testanfragen einzustellen“. Die zuvor in langen Absprachen und komplizierten Verhandlungen festgeklopfte Regelung für freiwillige Tests in Berlin werde damit torpediert.

Besonders hart geht Wolfgang Albers mit dem Vorpreschen von Minister Spahn ins Gericht. „Das ist blinder Aktionismus“, sagt der Linken-Politiker und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses, der im Hauptberuf Arzt ist. „Und mit den Konsequenzen kommt jetzt keiner klar.“ Nicht einmal im Senat verstehe man die Teststrategie offenbar noch.

Aus Albers’ Sicht werde im Moment ohnehin eine Hysterie geschürt, die man dann durch solche Massentests „vermeintlich beruhigt“. Dabei sei das massenhafte Testen von Menschen ohne Symptome „kein Instrument, die Pandemie einzudämmen“. Richtig wäre es dagegen, gezielt zu testen.

Damit ist Albers auf Position des Vereins der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM). Nach Ansicht von ALM-Vorstand Jan Kramer führten Massenuntersuchungen asymptomatischer Personen zu Fehlern. „Wir sehen schon heute, dass Reiserückkehrer bei der Ankunft zwar einen negativen Test aufweisen, ein paar Tage später jedoch symptomatisch getestet werden. Solche Tests wiegen die Menschen nur in falscher Sicherheit“, so der Internist und Facharzt für Laboratoriumsmedizin.

SPD-Gesundheitspolitiker Thomas Isenberg erkennt insgesamt ein „dysfunktionales Management“. Erschwerend komme der Streit im Senat um die Teststellen hinzu. Isenberg spricht von einem „Scharmützel zwischen Ressorts“ und mahnt eine „Einheit von Aufgabe und Verantwortung“ an. Und diese könne nur bei der Gesundheitsverwaltung liegen – alles andere habe sich ihr unterzuordnen. So sei es von Anfang an nicht hilfreich gewesen, dass die Charité die Stellen leitete. Auch das Management mit den Aussteigerkarten sei mangelhaft. So verstehe niemand, warum nicht zum Beispiel die Bundespolizei wenigstens Stichproben nehme und die Daten an die Gesundheitsämter weitergebe.

Auch Isenberg sieht die Massentestung prinzipiell kritisch. Wenn es knappe Ressourcen gebe, müsse eben die Quarantäne wieder im Vordergrund stehen. Das hieße, dass jeder Rückkehrer aus einem Risikogebiet in 14-tägige Quarantäne müsse. Ähnlich hat sich vor zwei Tagen auch Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) geäußert.

Auch der Berliner FDP-Gesundheitspolitiker Florian Kluckert findet es „völlig irre, was an den Flughäfen im Moment ins Blaue getestet wird“. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung bringt er einen Befragungskatalog für Reiserückkehrer ins Gespräch. „Man könnte doch Schalter einrichten, an denen die Passagiere gefragt würden, ob sie sich an ihrem Aufenthaltsort in Corona-kritischen Situationen befunden haben“, sagte Kluckert. Sei das der Fall, müsste auf jeden Fall unter Aufsicht getestet werden. Die Befragungen könnten Medizinstudenten oder Kräfte der Bundeswehr vornehmen.