Noch ist es am Flughafen Berlin Brandenburg, kurz BER, leer. Das dürfte sich ab Ende Oktober ändern.
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BerlinDas Coronavirus beschert dem Luftverkehr die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Pandemie hat den Höhenflug der Passagierzahlen auf absehbare Zeit gestoppt, auch in Berlin und Brandenburg. Das zeigen aktuelle Prognosen der Flughafengesellschaft FBB. Hatten im vergangenen Jahr 35,6 Millionen Menschen die Flughäfen der Hauptstadt-Region genutzt, so wird für dieses Jahr nur noch mit zehn Millionen gerechnet. Für das kommende Jahr rechnet der staatliche Airport-Betreiber mit 17 bis 18 Millionen Fluggästen – wobei diese Vorhersage noch mit einem Fragezeichen versehen ist. Das wirkt sich auch auf den Finanzbedarf der FBB aus. Derzeit wird erwartet, dass er sich auf rund eine halbe Milliarde Euro beläuft. Es gibt aber auch düstere Prognosen.

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Die deutschen Flughäfen brauchen Geld vom Staat: Das wird eine der Botschaften sein, die Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) während des geplanten Luftverkehrsgipfels vernehmen wird. Intern ist von einer „bedrohlichen Lage“ die Rede. So erwartet die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen, dass die Umsatzerlöse in diesem Jahr um etwas mehr als die Hälfte unter dem Stand von 2019 liegen werden. Für das kommende Jahr rechnet sie mit einer Lücke von 40 Prozent.

Während sich die Gewinne und Verluste fast aller deutschen Verkehrsflughäfen 2019 auf ein Plus von fast 800 Millionen Euro summierten, wird diese Zahl im Corona-Jahr 2020 tiefrot sein. Erwartet wird ein Minus von 1,7 Milliarden Euro. Das wirkt sich auch auf den einstmals boomenden Arbeitsmarkt aus. Allein bei den Flughafenbetreibern wird ein Verlust von knapp einem Viertel der Arbeitsplätze erwartet.

Die Prognosen für die Passagierzahlen unterstreichen, wie ernst die Lage ist. Für dieses Jahr erwartet die ADV im Vergleich zu 2019 ein Minus von 72 Prozent. Um diesen Betrag schrumpft auch das Fluggastaufkommen in Berlin und Brandenburg, heißt es bei der FBB in Schönefeld. Besonders stark schwächelt der Geschäftsreiseverkehr. Ein Bereich, der für viele Airlines bislang besonders profitabel war, wurde von der Krise extrem hart getroffen: „Der Interkontinentalverkehr liegt völlig am Boden“, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup während einer Podiumsdiskussion. Erwartungen, dass die Region nach der Eröffnung des BER weitere Nonstop-Verbindungen zu anderen Kontinenten bekommt, ließen sich in den nächsten ein oder zwei Jahren nicht einlösen.

Für 2021 sehen die Vorhersagen ebenfalls nicht gut aus. „Wir hoffen, dass wir im Vergleich zu 2019 zumindest rund die Hälfte der Fluggäste haben werden“, so Lütke Daldrup. „Wir hoffen auf einen halbwegs erträglichen Reisesommer.“ Doch nur wenn ein verlässlicher Impfstoff verfügbar sei, könne sich die Lage wieder entspannen.

„Wir können heilfroh sein, jetzt den BER zu haben“, sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup.
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Der Blindflug betrifft auch das Geld. Für dieses Jahr rechnet die FBB mit einem Finanzbedarf von rund 260 Millionen Euro. „Wie viel Geld wir 2021 brauchen, wissen wir noch nicht“, so der FBB-Vorstandschef. Sicher sei nur: „Je tiefer Corona einschneidet, desto mehr ist nötig.“ Wie berichtet geht die düsterste Vorhersage davon aus, dass die Flughafengesellschaft im kommenden Jahr insgesamt 640 Millionen Euro benötigt.

Derzeit geht man bei der FBB von einer mittleren Prognose aus, die den Finanzbedarf auf etwas mehr als eine halbe Milliarde Euro beziffert, hieß es. Davon waren 375 Millionen Euro Fremdkapital schon vor Corona eingeplant – für Kosten, die nach der Eröffnung dem BER entstehen. Dazu zählen Ausgaben für den Schallschutz. Zu diesem Betrag kämen nach dieser Prognose 150 Millionen Euro als coronabedingte Beträge hinzu.

21 Schuss Salut am Regierungsflughafen

„Wir können heilfroh sein, jetzt den BER zu haben“, sagte Lütke Daldrup. „Der Flughafen Tegel mit seinen knappen Flächen wäre nicht in der Lage, unter Corona-Bedingungen ein Hochfahren des Verkehrs zu ermöglichen.“ Wenn er daran denkt, dass sich die Fluggäste in den beengten Terminals C oder D drängen müssten, werde ihm „Angst und Bange“. Am BER sei wesentlich mehr Platz, um Abstandsregelungen durchzusetzen.

Am neuen Schönefelder Flughafen, der am 1. Oktober die Betriebsgenehmigung bekam, hat inzwischen der Countdown zur Eröffnung begonnen. Am 15. Oktober kommen zum letzten Mal interessierte Bürger dorthin, um Passagiere zu spielen und Abläufe zu testen. Dann endet der Probebetrieb, an dem insgesamt rund 9000 Komparsen und 20.000 Mitarbeiter teilgenommen haben.

Am 21. Oktober will der Bund den Regierungsflughafen in Betrieb nehmen. Das Testprogramm hat begonnen. So wurde simuliert, dass ein hochrangiger Politiker Berlin besucht – inklusive Eskorte durch Eurofighter und 21 Schuss Salut. Am 22. Oktober soll der erste „echte“ Staatsgast eintreffen: der Ministerpräsident von Slowenien.

Am 26. Oktober soll der S-Bahn-Betrieb zum neuen Flughafen beginnen. Zunächst verkehrt die S9, die im 20-Minuten-Takt bedient wird, während des Berufsverkehrs – zwischen 5.30 und 9 sowie zwischen 14 und 18 Uhr. Die erste S-Bahn soll laut Fahrplan um 5.37 Uhr im Flughafenbahnhof eintreffen. Vom 29. Oktober an fährt die S9 dann ganztägig zum BER, und auch die Linie S45 wird dorthin verlängert. Bei der Bahn ist man ganz entspannt. Die Bahnanlagen unter dem Flughafen sind seit zehn Jahren fertig.