Zunächst dachte Polizeikommissar Christian Zipp, dass er sich verhört hat. Doch er hatte die Autofahrerin richtig verstanden. „Ich muss dringend aufs Klo“, lautete ihre Ausrede, deshalb sei sie viel schneller als erlaubt gefahren. Zur Bestätigung trat sie nervös von einem Bein aufs andere. „Ich muss schnell zu meiner Oma“, bekam der Polizist von einem anderen Raser zu hören.

An diesem Donnerstag werden wahrscheinlich wieder einige Ausreden dazukommen. Berlin beteiligt sich am zweiten bundesweiten Blitzmarathon. Rund 1400 Beamte werden in der Stadt im Einsatz sein, um an 290 Kontrollstellen das Tempo zu messen. In Berlin findetein solcher Marathon zum dritten Mal statt.

24 Stunden lang will die Polizei alle Geräte, die sie für die mobile Geschwindigkeitsmessung angeschafft hat, einsetzen. 24?Stunden lang, von Donnerstag, sechs Uhr, bis Freitag, sechs Uhr. Die Polizisten werden sich einiges anhören müssen. Warum ich und nicht die anderen? Ich muss weiter!

Und, vor allem: Der Blitzmarathon ist eine groß angelegte Abzocke! Nein, stimmt nicht, entgegnete Polizeipräsident Klaus Kandt am Dienstag. „Je weniger Verstöße wir feststellen, umso besser. Unser Ziel ist es nicht, möglichst viele Raser zu erwischen, sondern Bewusstsein zu wecken“ – Bewusstsein dafür, dass Rasen unsozial ist und Leben zerstören kann. Kandt berichtete auch, dass sich viele Berliner Kontrollen wünschen. Im August hatte die Polizei dazu aufgerufen, Einsatzorte zu nennen. „Die Resonanz war groß“, sagte er. 4?821?Meldungen gingen ein.

Mit Tempo 180 durch Berlin

Zwar ist der Anteil der Verkehrsunfälle, die durch zu schnelles Fahren verursacht werden, in Berlin nicht hoch: Von den fast 131.000 Unfällen, die im vergangenen Jahr in dieser Stadt registriert wurden, hatten rund 2?940 diese Ursache. Doch fast jeder zweite führte zu einer Körperverletzung, berichtete Kandt. Neun Menschen starben.

Jeder der Polizeibeamten, die am Dienstag ihre Tempomessgeräte vorführten, konnte von rekordverdächtigen Geschwindigkeiten berichten. „Wir haben schon Autofahrer erwischt, die mit Tempo 200 über die Stadtautobahn rasten“, sagte Polizeihauptkommissar Jörg Richter. Christian Zipp konnte sich gut an Motorradfahrer erinnern, die mit Tempo 180 über die A?113 fuhren – bis er und sein Kollege sie stoppten. Zipp: „Ein illegales Rennen, mitten in der Stadt.“ Polizeikommissar Dirk Diedering ist öfter in Wohngebieten unterwegs. „60 Kilometer pro Stunde ist in Tempo-30-Bereichen wirklich nichts Ungewöhnliches.“

Zum Konzept des Blitzmarathons gehört es, dass die Polizei die Aktion ankündigt und die Kontrollstellen bekanntgibt – unter www.polizei.berlin.de. „Beim ersten Berliner Blitzmarathon im Oktober 2013 ging das Konzept auf“, sagte Kandt. Die durchschnittliche gemessene Geschwindigkeit sei zurückgegangen, Autofahrer seien vorsichtiger gefahren. 2746 Temposünder wurden erwischt – nicht mehr als sonst, obwohl es viel mehr Tempomessungen gab.

„In der Regel wird täglich an 55 Orten in Berlin kontrolliert“, sagte Andreas Tschisch aus Kandts Stab. Übrigens: Bei jeder Messung werden Toleranzwerte berücksichtigt. So gibt es in einer Tempo-50-Zone erst ab Tempo 59 ein Verfahren.

„Reiner Luxus“

Für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sind Blitzmarathons vor allem Schau und „reiner Luxus“. „Solche Aktionen täuschen darüber hinweg, dass die Polizei personell nicht mehr in der Lage ist, die Raserei auf den Straßen an 365?Tagen im Jahr nachhaltig zu bekämpfen“, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow.

Wenn große Demos begleitet werden müssen, bleibe für Tempokontrollen oft kein Personal mehr übrig, bestätigte ein Berliner Polizist. Es gibt auch technische Handicaps. Der Infrarotlaser Leivtec XV 2 kann nicht mehr lange eingesetzt werden. Das betagte Gerät arbeitet mit einem Videorecorder. Doch Videokassetten seien kaum noch zu haben, hieß es.