"Kennst du XY? Die sitzt auch im Rollstuhl.“ Das ist eine der Fragen, die sich Laura Gehlhaar von Unbekannten auf der Straße immer mal wieder stellen lassen muss. Denn sie sitzt im Rollstuhl, und offenbar stellen sich manche Menschen, die nicht im Rollstuhl sitzen, vor, dass sich die Rollstuhlfahrer doch alle kennen müssten. Als handele es sich um eine große, vernetzte Community von Menschen im Rollstuhl.

Und dann dieses Schlagloch

„Das sind diese Übersprungshandlungen, die kennst du bestimmt auch aus anderen Bereichen. Du erzählst jemandem, dass du aus Köln kommst, und dein Gesprächspartner glaubt dann, du kennst bestimmt den Michael, denn der kommt auch aus Köln“, erzählt Gehlhaar. Die 32-Jährige ist Bloggerin, Texterin, Aktivistin und Coach. Seit rund eineinhalb Jahren schreibt sie in ihrem Blog „Frau Gehlhaar“ über das Berliner Großstadtleben und das Rollstuhlfahren. Manchmal über Diskriminierungen, aber meistens über ihren Alltag, übers Ausgehen, Freundschaften, Liebe, Flirten und Sex.

Sie beschreibt, wie sie nass geschwitzt zur Frauenärztin hetzt, ihr unterwegs der BH-Verschluss aufgeht. Auf dem Rückweg lächelt sie ein schöner Mann an. „Ich lächle zurück, hebe gekonnt leicht eine Augenbraue. Ein wohliges Gefühl durchstößt meinen Körper. Und dann ist da dieses Schlagloch“.

200.000 Aufrufe hat ihr Blog bereits. Auch wenn Gehlhaar ironisch anmerkt, dass bestimmt 135.000 davon von ihr oder ihrer Mutter seien, stößt ihr Blog auf großes Interesse. Nach ihrem Studium der Sozialpädagogik arbeitete Gehlhaar einige Jahre in der Psychiatrie, anschließend eine Zeit lang als Werbetexterin. „Dann habe ich festgestellt, dass sich die Branche nicht wirklich von der Psychiatrie unterscheidet“, meint sie trocken. Es ist auch diese Art von Humor, der ihren Blog so lesenswert macht.

Gehlhaar begann, für einen sozialen Verein zu arbeiten, rief ihren Blog ins Leben. Laura Gehlhaar schreibt witzig und selbstironisch, analysiert schlau und erzählt, wie es ist, als junge Frau mit Behinderung ein normales Leben zu führen. „Ich bin nicht offener als andere, als meine Freundinnen zum Beispiel. Aber ich mache meine Themen öffentlich“, erklärt sie. Denn dass eine Frau, die im Rollstuhl sitzt, Beziehungen führt, One-Night-Stands und Sex und Spaß dabei hat – und darüber offen spricht, ist offenbar für viele ein Tabu. „Ich will aufklären, und ich breche gerne Tabus“, beschreibt sie ihren Antrieb. Sex sei zwar allgegenwärtig in Medien und Werbung. „Aber das ist oft so eine komische Art von Sex, nur eine kleine Facette. Da fehlen Themen wie Homosexualität oder Behinderung.“ Dabei sei doch gerade die Sexualität ein so wichtiger Teil der Identität.

In ihrem Blog bekommt sie viel Lob dafür auszusprechen, was viele andere auch beschäftigt. In den Kommentaren erzählen Leser von ihren Erfahrungen, etwa zur Partnersuche als Mensch mit Behinderung. Andere mögen einfach ihre Schreibe: „Scheiße, was für ein fluffiger Schreibstil!“, lautet ein Kommentar. Nur wenige kritisieren ihren offenen Umgang mit Liebe, Sex und Behinderung. Einer schreibt: „Warum schreibst du nicht mehr über dich? Plakativ formuliert: mehr Laura, weniger Rollstuhl.“ Von so etwas lässt sich Gehlhaar nicht beirren. Die Behinderung sei nun einmal ein wichtiger Teil ihres Lebens, und sie schreibe gern darüber.

Umzug nach Berlin hat geholfen

Dass sie so selbstbewusst auftritt, ist für sie nicht selbstverständlich. Lange habe sie versucht, die Folgen ihrer Muskelerkrankung zu verstecken. Zog sich nicht vor ihrem damaligen Freund, sondern heimlich im Badezimmer um, wenn es zu kompliziert war, in eine Hose zu schlüpfen. Bis sie merkte, wie viel Kraft sie das kostete und sie sich von der Scham befreite. „Ich bin meinem Körper heute nicht mehr böse. Im Gegenteil, ich mag ihn“, erklärt sie.

Ihr Umzug von Düsseldorf nach Berlin habe ihr bei der Entwicklung geholfen. Hier seien so viele unterschiedliche Menschen, da falle sie nicht auf. Meistens jedenfalls. Blöde Sprüche bekäme sie auch hier immer mal wieder zu hören. Wie: „Soll ich schieben? Ich hab mal Zivi gemacht.“ Einige hat sie gesammelt und in einem „Rollstuhlfahrer Bullshit-Bingo“ veröffentlicht, einer Sammlung der blödesten Sprüche.

Je nach Stimmung klärt sie dann auf. Denn jeder Mensch mit Behinderung habe auch eine gewisse Verantwortung, andere an das Thema heranzuführen, findet Gehlhaar. Doch auch sie hat nicht immer den Nerv dazu. Wie zum Beispiel neulich, als sie nach einer durchzechten Nacht morgens mit Freunden im Pizzaladen saß und sie zwei Fremde ansprachen und fragten, warum sie im Rollstuhl sitze. Sie antwortete, dass sie Stewardess bei einer russischen Airline gewesen sei, es zu einem spektakulären Absturz kam und sie die einzige Überlebende war. Doch diese Geschichte erzähle sie wirklich nur denen, die es nicht anders verdient hätten, sagt Gehlhaar und lacht.