Enno Lenze, 34, ist Geschäftsführer des Berlin Story Verlags sowie von Berlin Story Museum und -Bunker. Doch in den Ferien wird ihm Berlin als Operationsgebiet zu klein, dann zieht es ihn seit Jahren in den Nordirak zu den kurdischen Peshmerga, die einen großen Anteil am Kampf gegen den Islamischen Staat haben und Waffen aus Deutschland erhalten. Gerade ist er von einer Reise aus der Gegend um Kirkuk heimgekehrt, hat Informationen aus erster Hand und widerspricht einem Bericht von Human Rights Watch.

Was treibt Sie, Ihren Urlaub in einem Kriegsgebiet zu verbringen?

Ich war 2011 zum ersten Mal im Nordirak, als die Region noch friedlich war, habe Freunde gefunden, die zum Teil später in den Flüchtlingslagern gearbeitet haben oder zu Kämpfern wurden. Auf diese Weise kam der Krieg dichter an mich heran. Und dann wollte ich sehen, was die Leute dort tun. Je häufiger man dort war, desto stärker wächst das Interesse, mehr zu wissen. Man kann natürlich auch eine Woche auf Mallorca rumhängen; aber ich habe so das Gefühl, etwas Sinnvolleres getan zu haben.

Sie bloggen über Ihre Reisebeobachtungen. Spüren Sie einen Effekt?

Ich habe inzwischen viel mit Politikern, Diplomaten und Sicherheitsleuten zu tun. Am vergangenen Wochenende, auf der Rückreise aus der kurdischen Region, habe ich in Antalya mit dem deutschen Konsulat und Sicherheitsbehörden über die Situation im Kampfgebiet und die Ausstattung der Peshmerga geredet. Im vergangenen Jahr habe ich darüber mit Frank-Walter Steinmeier gesprochen, auch mit der Bundeswehr. Ich halte regelmäßig Vorträge, erreiche Leute, die sich sonst nie mit dem Thema beschäftigt hätten. Ich halte das für ein Puzzleteilchen der deutschen Hilfe.

Was können Sie, ein mit frischen Informationen versorgter Augenzeuge, berichten?

Die Versorgung der Peshmerga ist unglaublich schlecht. Diese Soldaten der regulären Streitkräfte sind völlig unzureichend ausgestattet mit Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen. Das ist kein frisches, aber ein akutes Problem. Ein neues Phänomen gibt es im Zusammenhang mit derzeitigen Großoffensiven zur Vertreibung des IS aus Mossul, nämlich Überfälle von Kleinstkommandos des IS zum Beispiel in der Gegend von Kirkuk und weiter südlich. Da kommen zwei, drei Mann, schießen um sich, zünden einen Sprengsatz. Aus militärischer Sicht ist das belanglos, aber sie versetzen mit geringem Aufwand die ganze Region in Angst und Schrecken und treiben die Bewohner in den Wahnsinn. Früher versuchte der IS mit vielen Leuten Stärke zu beweisen, jetzt sieht man, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Das kann man positiv sehen. Klar ist aber, der IS verschwindet nicht, er verlagert seine Aktivitäten von einem Land ins andere.

Neu ist auch, dass sich die schiitischen, vom Iran unterstützten Hash-al-Shabi-Milizen, die eigentlich die irakische Armee im Kampf gegen den IS unterstützen sollen, Feuergefechte mit den Peshmerga liefern. Das könnte der nächste große Konflikt im Irak werden.

Human Rights wirft den Peshmerga vor, beim Vorrücken in Dörfern gezielt arabische Häuser zu zerstören und kurdische zu verschonen. Was haben Sie gesehen?

Solche Vorwürfe kommen alle sechs Monate, und sie stammen aus einer einzigen Quelle, immer tritt die gleiche Person an unterschiedlichen Orten auf. 2014 war ich nach solchen Berichten in Ninive, und da war einfach alles kaputt, die Häuser von Kurden und Arabern gleichermaßen. Jetzt soll es in Kirkuk passiert sein. Dort war ich vor ein paar Tagen, habe auch mit der arabischen Bevölkerung gesprochen und erfahren, dass kurdische wie arabische Häuser mit Bulldozern zerstört wurden, wenn sich Sprengfallen darin befanden. Und aus Satellitenbildern lässt sich nicht ablesen, wer die Bewohner der zerstörten Häuser waren. Mit diesen Informationen kann ich die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Dass so respektable Organisationen wie Human Rights Watch solche Dinge verbreiten, kann ich mir nur damit erklären, dass sie einer falschen Quelle aufsitzen.

Sie kritisieren in Ihrem Blog mangelnde Sorgfalt von Medien bei der Berichterstattung. Worum geht es da?

Mein Hauptpunkt ist: Wenn man über etwas schreibt, sollte man hingehen oder entsprechende Quellen haben. Eigentlich Handwerkszeug.

Wie reagieren die Peshmerga auf die Wahl Trumps zum US-Präsidenten?

Wie der Rest der Welt: geteilt. Die einen sagen, super, weil die Clinton eine Kriegstreiberin ist. Die anderen sagen, immerhin wollte Clinton keine Atombomben auf uns werfen. Letztere schienen mir leicht in der Mehrheit zu sein.