Für Beatrice Grundheber schrie diese Stadt geradezu danach. Nach einem Blog wie sie ihn mit „Berlinograd.com“ ins Leben gerufen hat, denn immerhin leben Abertausende russischsprachige Menschen in Berlin, darunter unzählige Kreative – seien es Künstler, Musiker, Grafiker, Bastler, Tüftler, Köche oder Bargründer. Grundheber gibt ihnen eine Plattform und eine virtuelle Heimat. Und den Lesern eine Landkarte durch das russisch-kreative Berlin.

Grundheber sitzt am Tisch eines Neuköllner Cafés und hält einen Tablet-Computer in der Hand. Sie durchforstet, Mails, Facebook-Kommentare, Reaktionen auf ihren Blog, auf die von ihr präsentierten Menschen. Mehr als 50 hat sie schon porträtiert. Die Auswahlkriterien sind rein subjektiv: „Die Leute und das, was sie tun, muss Berlin ein wenig schöner machen.“ Wie beispielsweise Inna Stein, eine Mode-Designerin. Grundheber sah sie in der U8, hörte, wie sie auf Russisch mit der Mutter telefonierte, und sprach sie an. Oder Anatolij Pickmann, ein Grafiker und ehemaliger Mitschüler aus Grundhebers Heimat, Trier. Als Freiberufler pendelt Pickmann mittlerweile zwischen Berlin und Odessa. Aber auch Menschen wie der Comic-Zeichner Dominik Heilig sind für die Bloggerin interessant. Der gebürtige Baden-Württemberger hat sieben Jahre lang als Wahl-Moskauer für das renommierte Studio von Artemy Lebedev gearbeitet, dem bekanntesten Designer Russlands. Nun ist Heilig Mitorganisator der „Comicinvasion“, einem Festival in Friedrichshain.

Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion

Die meisten Menschen, die Grundheber kennenlernt, haben ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, in Russland, der Ukraine, Kasachstan oder Moldau. Viele sind in den 90er-Jahren als Kinder und Jugendliche nach Deutschland gekommen. „Ich wollte zeigen, dass es ganz tolle, interessante russischsprachige Menschen unter uns gibt.“

Die 34-Jährige hat selbst mehrere Monate in St. Petersburg und Moskau gelebt, in Mainz Slawistik studiert. „Ich habe es geliebt.“ Heute arbeitet sie hauptberuflich im Eventmanagement. Ihre Leidenschaft für Russland und seine Sprache begann sie vor zwei Jahren mit dem Blog als Hobby auszuleben.

Ihre Webseite funktioniert dabei wie ein kleiner Reiseführer, der durch Berlin und zu vielen Orten hinter den vorgestellten Menschen navigiert. Zum Beispiel zum interkulturellen russischen RuBeroid-Festival, das Genia Markova und Anna Deeva jedes Jahr organisieren. Oder zum „Skazka Orchestra“, einer Ska-Band mit russischen Texten, bei der Anton Gorlatschov als Sänger sein musikalisches Zuhause gefunden hat. Mit dabei ist auch Artem Hein mit der russischen „Vater Bar“ in der Reuterstraße 27 unweit vom Hermannplatz. Dort veranstaltet Grundheber mittlerweile Berlinograd-Partys als Plattform zum Vernetzen. Zwei gab es schon, neue Termine sollen folgen. Tipps zu Kunst, Kultur und Kulinarischem gibt es außerdem auf Facebook – zu allem, was ihr aus „Berlinograd“ interessant erscheint.

Wichtig sind ihr eine schöne Idee oder eine Berufung, mit der die Vorgestellten Berlin bereichern. Nicht umsonst hat Grundheber den Blog „Berlinograd“ genannt, eine Referenz an die russischsprachigen Kunstschaffenden, die Berlin in den 1920er- Jahren prägten. Der berühmteste darunter ist der Schriftsteller Vladimir Nabokov.

Vorurteile abbauen

Dabei macht Beatrice Grundheber es sich nicht einfach, spricht mit allen Leuten, besucht sie in ihren Kiezen. So wachsen die Kultur- und Ausgehtipps langsam mit jedem neuen Porträt auf der Seite. Dennoch müsse bei dem, was ihre Protagonisten tun, kein direkter Bezug zu Osteuropa vorhanden sein. Den Künstler Slava Ostap hat sie zum Beispiel allein wegen seiner Skulpturen und Bilder ausgesucht. Oder Alex Utapov wegen seiner Comedy-Auftritte.

So wie Grundheber ihre Protagonisten beschreibt, erinnert der Blog am ehesten an den Stil des „Lonely Planet“, den englischsprachigen Reisebegleiter mit herzerwärmender Note. Auch Grundheber schreibt auf Englisch. Denn das sei nun einmal „die Sprache, die alle in Berlin sprechen“, behauptet sie. Sie wolle viele Leser damit erreichen, auch Vorurteile abbauen. Ihr wurde klar, dass sie tatsächlich mehr erreicht, als nur Einblick in die russischsprachige Community zu gewähren, weil sie zugleich eingeschliffene Stereotype von Russland und Osteuropa einreißen kann.

Vorstellungen von grimmig dreinschauenden, schnauzbärtigen, Wodka trinkenden Russen in schwarzer Lederjacke zum Beispiel – ein Bild, das ihrer Erfahrung nach in vielen Köpfen verankert ist. So will sie auch zeigen, wie wenig das stimmt. Mit all diesen Porträts von Menschen, die einfach Ideen haben, etwas gründen, gestalten und andere inspirieren, in Hipster-Cafés oder angesagten Kneipen. So wie es überall sonst auf der Welt ist, sei es in Moskau, New York, Paris oder eben in Berlin.