Generaloberst Nikolai Bersarin (l.) am 8. Mai 1945 in Berlin.
Foto: imago images / ITAR-TASS

BerlinFeiern wir den 75. Jahrestag der deutschen Niederlage am 8./9. Mai 1945! Malen Sie sich bitte aus, „wir“, die Deutschen, hätten diesen Krieg gewonnen. Wie würden unsere Straßen heißen? Welche Lebenserinnerungen hätten viele unserer „arischen“ Väter, Großväter oder Urgroßväter fabriziert? Wie würden wir denken und handeln? Wie sähen Europa und die Welt aus? Ein Albtraum! Jedoch einer, der uns Heutige zu tiefem Dank an die Soldaten der Anti-Hitler-Koalition verpflichtet. Deshalb ehren wir in Berlin die Sowjetsoldaten, die vor 75 Jahren unsere Stadt von ihrer mörderischen Besessenheit befreiten und dabei zu Zehntausenden ihr Leben ließen. Sie sind auch unsere Helden.

Was hat Generaloberst Nikolai Bersarin damit zu tun? Für alle, die es nicht wissen: Er kommandierte die 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front und stieß vom 21. April an mit seinen Rotarmisten als erster Richtung Brandenburger Tor vor. Deshalb wurde er drei Tage später Stadtkommandant von Berlin. Viele haben ihn in guter Erinnerung. Ernst Lemmer, ein Mitbegründer der CDU, bezeugte: „Bersarin stellte keine politischen Fragen, er wollte hören, was geschehen solle, um die schweren Schäden zu beseitigen“; sein Handeln galt dem „Wohl der Berliner Bürger“. Allerdings nur kurz, denn er starb am frühen Morgen des 16. Juni 1945 bei einem Motorradunfall.

Ein paar Stunden später erhielt ein Berliner namens Leon Nebenzahl diesen Befehl: „Bersarin wird in Karlshorst aufgebahrt, und wir brauchen Rosen für die Ausschmückung des Saals. Du sollst Rosen besorgen – es müssen schon ein paar Tausend sein.“ Also fuhr Nebenzahl nach Marienfelde: „Diese ganzen Gärtnereien dort standen in voller Blüte. Aber damals hatte kein Mensch Interesse an Blumen. Und der Besitzer der Gärtnerei, den ich als Ersten ansprach, der war ganz platt, als ich ihm sagte, ich möchte Rosen kaufen. ‚Wie viele‘, fragte er. Na, sagte ich, das, was Sie in zwei Stunden schneiden können. Na, und in zwei Stunden schnitten sie dann 15.000 Rosen.“

Der Blumenbote Leon Nebenzahl (1910–1996) hatte russisch-jüdische Eltern und lebte seit den 1920er-Jahren in Berlin. Mit Müh und Not konnte er sich durch die Nazijahre schmuggeln und zuletzt versteckt halten. Anders als die meisten damaligen Berliner freute er sich auf die sowjetischen Befreier und half ihnen sofort als ortskundiger Übersetzer.

Auch an diesem 8./9. Mai werden die Berliner mit 15.000 Rosen an Bersarin erinnern. Für die sowjetischen Soldaten sollten es entsprechend mehr Blumen sein - Blumen, so unterschiedlich wie diese Armee zusammengesetzt war. Wir gedenken aller: der ukrainischen wie der russischen Rotarmisten, der lettischen, kirgisischen, kasachischen, jüdischen, polnischen, georgischen, armenischen und aller anderen sowjetischen Soldaten, die an der Befreiung Berlins mitgekämpft haben. Selbstverständlich gedenken wir auch der westalliierten Soldaten, die von Westen und Süden heranrückten, um Europa von dem allein von Deutschland verursachten Krieg, Terror, Rassenhass und Elend zu erlösen. Über die Frage, wie all das – trotz Pandemie – geschehen kann, berichtet die Berliner Zeitung in den nächsten Tagen. Schreiben Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns weiterhin Ihre Ideen.