Berlin - Sand liegt auf dem Gehweg, darunter sind Blutspuren zu sehen. Hier, an der Rudower Straße in Neukölln, hat ein unbekannter Täter in der Nacht zum Donnerstag auf fünf junge Männer geschossen. Dabei kam der 22-jährige Burak B. ums Leben. Zwei 16 und 17 Jahre alte Jugendliche wurden schwer verletzt. Die Opfer stammen aus Einwandererfamilien. Am Freitagabend liegen Blumen auf dem Boden, Kerzen brennen, auf Briefen steht „Du fehlst uns!“ Immer wieder halten Autos an der Stelle, Männer und Frauen steigen aus, verharren für einen Augenblick in stillem Gedenken und fahren dann weiter. Auf Transparenten steht „Deutschland, wir wollen Gerechtigkeit!“ und „Warum?“

Diese Frage beschäftigt auch die Polizei. War es Eifersucht oder Rache? Ging es um Geld oder steckt Ausländerfeindlichkeit hinter der Tat? Die Polizei hat noch keine Spur zum Täter. Auch dessen Motiv ist noch völlig unbekannt. Der Fall gehört zu den schwierigsten Mordfällen der vergangenen Jahre, sagen Ermittler. Es werde in alle Richtungen ermittelt, erklärt Polizeisprecher Michael Maaß. „Konkrete Hintergründe sind zurzeit nicht bekannt.“

22 Zeugenaussagen

22 Zeugen haben sich bisher bei der Polizei gemeldet. Die Aussagen werden gegenwärtig ausgewertet. Erst danach könne mehr zur Motivation des Schützen gesagt werden.  Eine heiße Spur zum Täter gebe es aber nach wie vor nicht. Beamte hatten am Ostersonntag erneut den Tatort abgesucht und Anwohner befragt

Bekannt ist bislang nur, dass der Mann gegen 1.15 Uhr auf eine Gruppe von fünf Jugendlichen im Alter von 16 bis 22 Jahren zugegangen ist. Als er vor ihnen stand, zog er eine Pistole aus der Tasche und schoss aus nächster Nähe mehrmals auf die jungen Männer. Anwohner wollen zunächst drei Schüsse gehört haben. Nach einer kurzen Pause habe es zwei weitere Male geknallt, sagte ein Zeuge.

Dann flüchtete der Schütze zu Fuß. Die Besatzung eines Rettungswagens der Feuerwehr, die zuvor einen Patienten in das nahe gelegene Vivantes-Klinikum Neukölln gebracht hatte und auf dem Weg zurück zum Stützpunkt war, bemerkte die Verletzten und kümmerte sich um sie. Gleichzeitig riefen die Sanitäter Kollegen um Hilfe und alarmierten die Polizei. Funkwagenbesatzungen suchten die Umgebung ab – jedoch erfolglos.

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Die Gruppe hatte auf einer Parkbank direkt am Klinikum gesessen, als der Täter feuerte. Ein Projektil traf den türkischstämmigen Burak B. in den Kopf. Er starb auf dem Weg in das Klinikum. Die beiden Jugendlichen, die angeschossen wurden, wurden noch in der Nacht notoperiert. Mittlerweile seien sie außer Lebensgefahr, teilte die Polizei mit. Sie sollen zum Tathergang bereits befragt worden sein. Das habe allerdings noch nichts gebracht, so Fahnder.

Einige Freunde und Bekannte des Getöteten schworen Rache. Ein Freund sagte, dass Burak B. ein lebenslustiger Mensch gewesen sei. Er habe Selbstverteidigung trainiert, für Autos geschwärmt – und gerne Arztserien im Fernsehen angeschaut. Er galt als Frauenschwarm. Burak B. sei froh darüber gewesen, beim Autobauer Fiat eine Lehre als Einzelhandelskaufmann bekommen zu haben, sagte der Freund. Zeugen spekulieren, dass Eifersucht als Tatmotiv in Frage kommen könnte. So soll sich Burak B. von einer Freundin getrennt haben. Ein Mitglied der Familie des Mädchens könnte sich dafür gerächt haben. Aber auch von Ausländerfeindlichkeit war in der Rudower Straße die Rede.

Ausländerfeindliche Parolen

In den Neuköllner Ortsteilen Buckow und Rudow registriert die Polizei nach eigenen Angaben seit Längerem verstärkte Aktivitäten von Mitgliedern der rechtsextremen Szene. Häufig seien in der Vergangenheit Stromkästen, Bänke und Hauswände mit ausländerfeindlichen Parolen sowie mit Runen beschmiert worden. Regelmäßig komme es auch zu Rangeleien mit Angehörigen der linken Szene.

Für die Ermittler ist die Fahndung nach dem Schützen kompliziert, da die Zeugen sich zum Teil vehement widersprechen. Die einen sagen, dass sie den Mann nicht kennen, andere wollen ihn schon einmal gesehen oder von ihm gehört haben. Zudem gibt es Anwohner, die von einem Streit sprechen. So sollen die fünf jungen Männer angetrunken gewesen sein. Nur eines scheint klar zu sein: Der Täter ist etwa 1,80 Meter groß und trug einen dunklen Kapuzenpullover. Das haben Zeugen einstimmig ausgesagt. Die Tatwaffe ist verschwunden. Möglicherweise trägt der Täter sie noch bei sich, so die Polizisten.

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Die Polizei setzt jetzt auch auf Hinweise aus der Bevölkerung. Gefragt wird, wer am Tatort - auch vor den Ereignissen - ungewöhnliche Beobachtungen gemacht hat. Zudem werden Tatzeugen, die bisher noch nicht befragt wurden, aufgefordert, sich zu melden.
Hinweise nehmen die 6. Mordkommission des Landeskriminalamtes in der Keithstraße 30 in Tiergarten unter der Rufnummer (030) 4664 - 911 601 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen.