Berlin - Es kann kritisch werden in Berlin, weil Blut fehlt. Zum Beispiel, wenn jemand in diesem Augenblick einen Motorrad-Unfall hat und viel Blut verliert. Die hundertprozentige Sicherheit, dass dieser Patient versorgt werden kann, gilt derzeit nur für die Dauer von 36 Stunden. 1,5 Tage nämlich reicht der Vorrat an Konserven mit dem lebensrettenden Stoff in Berlin und Brandenburg, so sagt es das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Fünf Tage Vorlauf wären wünschenswert.

„Rund 800 Blutspenden werden momentan täglich benötigt, um den Regelbedarf zu decken und überdies für Notfälle gerüstet zu sein“, erläutert Kerstin Schweiger vom DRK-Blutspendedienst Nord-Ost. „Bundesweit werden täglich 15.000 genötigt.“ Die Versorgungslage aber spitzt sich deutlich zu, besonders wegen der bevorstehenden Reisezeit.

An diesem Dienstag ist der Weltblutspendetag. Das DRK eröffnet zu diesem Anlass im Alexa-Shoppingcenter in Berlin-Mitte ein Blutspendezentrum. Schon jetzt bietet die Organisation an Wochentagen bis zu fünf Termine im gesamten Stadtgebiet an. Die Logistik steht, das Angebot aber deckt die Nachfrage gerade so, die Reserven sind extrem knapp. Das hat mehrere Gründe.

Die Krankenhäuser haben einen anhaltend hohen Bedarf. Der ist bis 30 Prozent höher als unter normalen Bedingungen. Mit einer sich einer sich entspannenden Corona-Lage auf den Intensiv- und Normalstationen haben die Kliniken damit begonnen, im Lockdown aufgeschobene Eingriffe nachzuholen, parallel zum alltäglichen Betrieb. Allein fast 19 Prozent aller Blutspenden werden in der Onkologie benötigt. Jeder dritte Bundesbürger ist laut Statistik mindestens einmal im Leben auf eine Blutkonserve angewiesen.

„Gleichzeitig haben die aus den Blutspenden gewonnenen Blutpräparate nur eine kurze Haltbarkeit von fünf Tage bis sechs Wochen“, sagt Schweiger. „Maximal 42 Tage sind Präparate aus roten Blutkörperchen haltbar, solche aus Blutplättchen sind sogar lediglich fünf Tage einsetzbar.“ Rote Blutkörperchen, Blutplättchen, dazu außerdem Blutplasma – mit einer einzigen Spende kann drei Menschen geholfen werden. Soweit die Nachfrageseite.

Beim Angebot spielt die Pandemie weiterhin eine Rolle. Viele mit Sars-Cov-2 Infizierte fallen als potenzielle Spender aus. Gehört Fieber zu den Symptomen, kann erst 28 Tage nach der Genesung Blut für medizinische Zwecke abgegeben werden. Bei einem milden Krankheitsverlauf beträgt die Frist sieben Tage.

Nur drei Prozent spenden regelmäßig Blut

Lediglich rund drei Prozent der Bevölkerung spenden hierzulande regelmäßig Blut, bis zu 33 Prozent erfüllen nach Angaben des DRK die gesetzlichen Vorschriften. Zwischen 18 und 68 Jahre alt und mindestens 50 Kilogramm schwer sollten die Kandidaten sein und natürlich gesund. Ein Arzt überprüft das vor der Blutabgabe.

Ausgeschlossen ist eine Teilnahme nicht nur bei bestimmten Erkrankungen, sondern auch während einer Schwangerschaft oder nach Aufenthalten in Gebieten, in denen sich Reisende mit Krankheiten wie Malaria anstecken können. Frische Tätowierungen oder Piercings zählen ebenfalls zu den Ausschlusskriterien.

Frauen dürfen höchstens viermal, Männer sechsmal binnen eines Jahres Blut spenden. Zwischen zwei Terminen müssen mindestens acht Wochen liegen, damit der Körper den Eisenverlust ausgleichen kann. Bei Frauen kann dieser Prozess auch länger als acht Wochen dauern.

An Solidarität in der Gesellschaft mangelt es offenbar nicht. Das zeigte sich Mitte März 2020 kurz vor dem ersten Lockdown. Damals rief das DRK in Medien dringend zu Blutspenden auf, um die Reserven aufzustocken und für mögliche Engpässe gerüstet zu sein. Die Resonanz war groß. Die Zahl der Erstspender stieg teilweise auf bis zu 17 Prozent, die übliche Quote liebt bei neun.

Damals haben viele jüngere Jahrgänge einmalig die Risikogruppen entlastet. Sie zurückzugewinnen, ist nun das Ziel einer Kampagne am Weltblutspendetag: „#missingtype – erst wenn’s fehlt, fällt’s auf.“ Der demografische Wandel macht sich auch beim Blutspenden bemerkbar, verschiebt das Ungleichgewicht zwischen Nachfrage der Alten und Angebot durch die Jungen. Kerstin Schweiger sagt: „Gesunde Menschen können hier für schwer kranke Mitmenschen in der eigenen Region Verantwortung übernehmen.“

Vor allem in der akuten Situation ist das nötig. Die Lage droht sich weiter zuzuspitzen. „Wir müssen damit rechnen, dass viele Stammspendende in den Urlaub fahren“, sagt Schweiger. Außerdem sei unklar, wie sich die Pandemie in den Sommermonaten entwickle, ob sich eine neue Welle aufbaut oder das Infektionsgeschehen abflaut. „Blutspenden ist heute wichtiger denn je“, sagt jedenfalls die DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt: „Ein Notstand muss unter allen Umständen vermieden werden.“