Börsengang für Rocket Internet aus Berlin: Das steckt hinter der hochriskanten Milliardenwette der Samwers

Berlin - Die Start-Up-Fabrik Rocket Internet aus Berlin will innerhalb der nächsten vier Wochen an die Börse gehen. Die sich auf das Kopieren von Internetfirmen spezialisierte Unternehmen erklärte am Mittwoch, mit dem Börsengang 750 Millionen Euro einnehmen zu wollen. Dafür sollen mit dem Vorgang betrauten Personen zufolge rund 15 Prozent der Anteile ausgegeben werden. Rocket Internet soll dem Vernehmen nach eine Bewertung von knapp über fünf Milliarden Euro anstreben. Zuletzt wurde das erst 2007 gegründete Unternehmen beim Einstieg von United Internet mit 4,3 Milliarden Euro bewertet.

Rocket Internet ist mehrheitlich im Besitz der Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer. Bei dem Börsengang handelt es sich um eine reine Kapitalerhöhung, bei der die bisherigen Anteilseigner keine Aktien abgeben. Sie verpflichten sich zudem dazu, innerhalb von zwölf Monaten nach dem Börsengang keine Aktien zu veräußern.

Der Erlös aus dem Börsengang solle in die Gründung neuer Unternehmen fließen und das internationale Expansion beschleunigen. Erklärtes Ziel von Rocket Internet ist es, das größte Konglomerat von Online-Handelskonzernen neben Amazon und Alibaba aufzubauen. Ihre bekannteste Firmengründung ist die Online-Modefirma Zalando, die vor kurzem ebenfalls Pläne für den Börsengang in diesem Jahr bekannt gegeben hat.

Rocket nicht im regulierten Börsenhandel

Anders als Zalando strebt Rocket Internet allerdings eine Notierung im nur schwach regulierten Entry-Standard der Frankfurter Börse an, der eigentlich für deutlich kleinere Unternehmen gedacht ist. . „Dort ist Rocket angesichts seiner Größe völlig fehl am Platz“, sagte Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger dieser Zeitung. „Für die Investoren bedeutet dies ein höheres Risiko. Haltefristen der Aktionäre können so nicht kontrolliert werden.“

Der Vorstandsvorsitzende Oliver Samwer erklärte dies am Mittwochmorgen in einer Telefonkonferenz mit Verweis auf das geringe Durchschnittsalter der Rocket-Firmen, das unter zwei Jahren liege. Man benötige noch Zeit, die Rechnungsführung in den einzelnen Beteiligungen anzupassen. Eine Listung im regulierten Börsenhandel in Frankfurt solle aber binnen 24 Monaten erfolgen.

Eine Fabrik für Start-Ups

Rocket Internet beschreibt sich selbst als Internet-Plattform. Eine Anlehnung an die Plattform-Strategie von Autokonzernen wie Volkswagen, die auf einer Plattform unterschiedliche Modelle zusammensetzen, also etwa eine andere Karosserie auf dem gleichen Fahrwerk aufsetzen und damit das Fahrwerk für zehn verschiedene Modelle nur einmal entwickeln müssen. Ähnlich modularisiert geht Rocket Internet beim Zusammenbau von Internetfirmen vor: Wird ein Start-Up kopiert, werden nach dem Baukasten-Prinzip vorhandene Bestandteile wie Online-Marketing, Web-Entwicklung oder Human Resources nur noch zusammengesetzt und angepasst. So kann eine Internetfirma in weniger als einem Monat auf den Markt gebracht werden. Im Durchschnitt gründet Rocket nach eigenen Angaben etwa zehn Firmen pro Jahr.

Voraussetzung ist, dass ein Geschäftsmodell sich bereits als erfolgreich erwiesen hat. Alle Firmen, die das Berliner Unternehmen hervorbringt, sind Kopien. Dies senkt das Risiko einer Firmenpleite. Zalando wurde etwa nach dem Modell des von Amazon aufgekauften US-amerikanischen Fashion-Website Zappos geformt. Die gerade gestartete Putzkraftvermittlung Helpling folgt dem Modell der US-Firma Homejoy.
Konzentrierte sich Rocket Internet anfangs darauf, US-amerikanische Internetfirmen in Deutschland und Europa zu kopieren, ist der Fokus inzwischen auf die aufstrebenden Märkte in Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Mittleren Osten gerückt. Unter Namen wie Zalora, Lazada oder LaModa hat Rocket in diesen Regionen das Zalando-Modell exportiert. Firmen von Rocket-Internet sind in mehr als hundert Ländern auf dem Markt, über 20.000 Mitarbeiter werden rund um den Erdball beschäftigt.

Enorme Verluste

Auch wenn Rocket Internet für zahlreiche Firmen die Marktführerschaft in ihren Regionen reklamiert: Bislang ist angesichts des geringen Durchschnittsalters der Beteiligungen völlig unklar, wie profitabel die Beteiligungen einmal sein werden. Keine der von Rocket Internet am Mittwoch als Vorzeigefirmen präsentierten „proven winners“, also Marktführer, ist bereits profitabel. Im Gegenteil: Ein explosives Umsatzwachstum ist meist mit hohen Verlusten verkauft. So standen dem Gesamtumsatz der Rocket-Vorzeigefirmen von 757 Millionen Euro im vergangenen Jahr nach Angaben des schwedischen Rocket-Investors Kinnevik Verluste von mindestens 431 Millionen Euro gegenüber. Insider halten sogar Gesamtverluste der Beteiligungen von bis zu 50 Millionen Euro im Monat für realistisch.

Angesichts der hohen Verluste versuchte Oliver Samwer potentielle Investoren damit zu beruhigen, dass ein E-Commerce-Unternehmen sieben bis zehn Jahre brauche bis es profitabel werde und ein Marktplatz wie der Lieferdienst HelloFood fünf bis sieben Jahre. Tatsächlich ist es gewöhnlich, dass auf rasantes Wachstum orientierte E-Commerce-Firmen zu Beginn hohe Verluste anhäufen. Auch Amazon setzte auf diese Strategie, um Marktanteile zu sichern. Zugleich entzieht sich Rocket Internet mit dieser Zeitrechnung allerdings auch einer Beurteilung der Geschäftsmodelle der Firmen: Ob sie irgendwann tatsächlich zu hochprofitablen Unternehmungen werden oder vor sich hindümpeln wie Wimdu, die Rocket-Kopie der Wohnungsplattform Airbnb, kann man nach dieser Logik ohnehin erst lange nach dem Börsengang zeigen.

Finanzexperten warnen mit Verweis auf die Dotcom-Blase der 1990er Jahre daher davor, Internetfirmen-Beteiligungsgesellschaften über zu bewerten. Die Firma Internet Capital Group erreichte etwa nach ihrem Börsengang eine Marktkapitalisierung von 60 Milliarden US-Dollar im Dezember 1999 und war damals mehr Wert als Yahoo. Dann brach ihr Kurs komplett zusammen, inzwischen ist der Börsenwert auf 620 Millionen Dollar abgestürzt.

Zwar muss sich dies keineswegs bei Rocket Internet wiederholen, zumal als sicher gilt, dass Online-Bestellungen in den aufstrebenden Märkten rasant wachsen werden und Marktführer gute Möglichkeiten haben, ein profitables Geschäft aufzubauen. Klar ist aber auch: Die Milliardenwette der Samwer-Brüder ist äußerst riskant. Trotz des Klonfaktors.