Wandlitz - „Bogensee ist ein böser Ort“, schrieb eine große Zeitung kürzlich über das leerstehende Areal am Bogensee im Barnim. Das kann man so sehen. Man kann dem Gelände bei Wandlitz aber mit etwas Phantasie auch positive Aspekte abgewinnen. Dies tun Dirk Schneider (36) und Melanie Lachner (31) vom „LKC Bogensee“, dem „Leben und Kreativ Campus Bogensee“. Die Initiative gründete sich Anfang 2020, und mittlerweile sind rund 30 Aktive mit dabei.

Den Anfang am Bogensee machte der Nazi Joseph Goebbels in den 30er-Jahren. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ließ sich in idyllischer Seelage ein Stück Land schenken und errichtete ein üppig dimensioniertes Landhaus, das bis heute gut erhalten ist, inklusive der bodentiefen goldgerahmten Fensterwände, die sich komplett im Boden versenken lassen. Auf dem Gelände befinden sich außerdem eine Waldschule, die noch in Betrieb ist, ein Heizkraftwerk, eine Sporthalle, Tennisplätze, Fußballplätze, ein Werkstattareal, das lange Zeit von der Forstverwaltung genutzt wurde, sowie der Schulcampus, der von Architekt Henselmann in den 40er-Jahren geplant wurde – Ähnlichkeiten mit der Karl-Marx-Allee in Berlin sind nicht zu leugnen.

Grafik: BLZ/Hecher

Bundeskanzler Helmut Schmidt war im Jahr 1981 am Bogensee zu Gast

Hier hatte die FDJ-Jugendhochschule ihren Sitz. Nach dem Mauerfall übernahm der Internationale Bund die Immobilie. Den verschiedenen Häusern gab man zu DDR-Zeiten internationale Namen wie Haus Reggio di Calabria, Haus Budapest, Haus Wien oder Haus Potsdam.

Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass ein Gebäude im Karree ein Plattenbau ist, errichtet in den 80er-Jahren, als das Geld in der DDR knapp war. Da es in der gleichen Farbe wie die anderen Gebäude gestrichen ist, fällt es kaum auf. Im benachbarten Lektionsgebäude befand sich sogar die zweitgrößte Simultananlage der DDR mit 18 Fremdsprachenkabinen und 560 Sitzplätzen, geeignet für internationale Konferenzen. Geschichtsträchtig war die Pressekonferenz mit Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahr 1981 am Bogensee.

Nachdem der Internationale Bund (IB) in den 90er-Jahren auszog, nutzte die Berliner Polizei die Hochschulgebäude einmal im Jahr für Schulungen. Seit 2005 steht aber alles leer. Da die Gebäude unter Denkmalschutz stehen, gibt das Land Berlin erkleckliche Summen für die Instandhaltung aus. Allein die Betriebskosten umfassen rund 250.000 Euro pro Jahr, dazu kommen alle paar Jahre Sanierungsvorhaben, die bei weit über einer Million Euro liegen. „Und das alles, ohne dass irgendein Konzept vorliegt, was mit dieser Immobilie einmal passieren soll“, sagt Melanie Lachner, die in Berlin als Filmproduzentin arbeitet und nebenbei im RobinHoodStore in Neukölln tätig ist, einem antikapitalistischen Community-Biosupermarkt.

Sie nennt dies eine Verschwendung, und will mit ihrer Arbeit in der Initiative Bogensee dazu beitragen, dass in nicht allzu ferner Zeit am Bogensee ein Modelldorf entsteht, das seinesgleichen sucht. Die Pläne sind schon weit fortgeschritten. Im Dorf sollen viele Disziplinen wie Bildung, Gesundheit, Tourismus, Kunst, Kultur und Kreativität zusammenfinden, alles unter dem Rubrum der Nachhaltigkeit. Die Bereiche sollten sich gegenseitig befruchten, erläutert Lachner. Wenn beispielsweise eine Schwangere zum geplanten Geburtshaus komme, könne sie sich gleichzeitig in der Galerie nebenan inspirieren lassen.

Die Initiative konnte schon wichtige Partner gewinnen

Auch Wohnen soll auf dem Gelände möglich werden. Dazu plant man mit rund 250 permanenten Bewohnern. „Wir bekommen schon jetzt sehr viele Anfragen, wir werden also auswählen können“, verrät Lachner. Eine Wohnbebauung für 4500 Einwohner, wie es die Berliner Immobilienmanagement (BIM) plant, hält Lachner für abwegig. Schon jetzt sei die Gemeinde Wandlitz, zu der Bogensee gehört, wegen der vielen Neubauten am Rande der Kapazität – unter anderem war das Wasser knapp geworden. „Das Konzept unserer Initiative sieht vor, dass die wirtschaftlichen Sparten des Dorfes wie Gesundheitshaus, Hotelbetrieb, Seminarbetrieb und ähnliches Gewinne einfahren, die dann zur Querfinanzierung von Kultur und Kunst beitragen, erläutert Dirk Schreiber, der direkt neben dem Bogensee-Gelände wohnt.

Schreiber macht sich dafür stark, dass die historische Dimension des Ortes bei der Umgestaltung nicht vergessen wird. „Wir haben vor, im Landhaus Goebbels' ein Museum einzurichten, das den ganzen Ort einordnet und den Totalitarismus als Schwerpunkt hat“, sagt er. Das sei wichtig, da Totalitarismus auch in der Gegenwart nichts von seiner Bedeutung verloren habe, im Gegenteil. Die Initiative konnte schon einige wichtige Partner gewinnen: zum Beispiel das Projekt Erneuer:Bar des Landkreises Barnim, das sich für eine CO2-neutrale Region einsetzt.

Angedacht ist ein Theater am Bogensee, das auch Kindertheaterarbeit einschließt, eine Sporthalle, die auch für Yoga und Meditation geeignet sein soll, sowie Kreativwerkstätten, die für Glaskünstler, Holzkünstler, Bildhauer und Designer geeignet sein sollen. Gerade weil in Berlin Ateliers derzeit immer teurer werden, könnten Berliner Künstler hier ein gutes Asyl finden.

Für das gesamte Projekt rechnet die Initiative mit einer Zeitspanne von zehn Jahren. Man will das Dorf Schritt für Schritt aufbauen, dabei sollen Fördermittel nur ergänzend eingesetzt werden. Die Basisfinanzierung soll über Einnahmen der eigenen Projekte laufen. „Den Anfang soll das Haus „Reggio di Calabria“ machen, hier soll experimentelles Wohnen stattfinden, daneben ist noch Platz für Praxen und Künstlerateliers“, sagt Melanie Lachner. In den 90er-Jahren wurden alle Zimmer der Anlage, die Platz für 600 Menschen bietet, mit neuen Bädern und Heizungen ausgestattet, die sich noch in einem akzeptablen Zustand befinden.

Ein Kapitel einer absurden Geschichte findet sich übrigens in der idyllischen Waldsiedlung nebenan, wo kleine, einfache Häuschen unter hohen Kiefern stehen. „Diese Häuser, die heute für einen geringen Mietpreis vermietet werden, sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem nahegelegenen KZ Sachsenhausen abgebaut und hier wieder aufgestellt worden. Dies ist den wenigsten bekannt“, sagt Dirk Schneider mit einer vielsagenden Miene.