Berlin - Gibt es eigentlich Studien darüber, wie stark Gerüche an Erinnerungen beteiligt sind? Wenn nicht, dann wird es Zeit. Denn die Nase besitzt 30 Millionen Riechzellen und etwa 350 Rezeptoren für alle Sorten von Gerüchen. Und das Gehirn speichert alles ab. Wenn ich an meine Schule zurückdenke, dann springt mir sofort wieder der typische Geruch in die Nase: eine Mischung aus Reinigungsmittel, Schulessen und alter Milch. Ich erinnere mich an den Rauch, der im Winter über den Hof zog, an den Geruch von Kinderschweiß und Käsefüßen in der Turnhallen-Umkleide und den Ledergeruch der Medizinbälle.

Geruchs-Erinnerungen hat jeder. Noch heute sagen zum Beispiel meine längst groß gewordenen Töchter, wenn sie uns besuchen kommen: „Mmh, es riecht wie zu Hause.“ Und es scheint ein für sie sehr angenehmer Geruch zu sein. „Der Duft des Zuhauses muss uns beruhigen und trösten wie ein Plüschbär ein Kind“, sagte jüngst eine französische Parfümeurin in einem Artikel. In diesem stand auch: Eine Ikea-Studie aus dem Jahr 2016 habe ergeben, dass 40 Prozent der Befragten ihre Wohnung über den Geruch erkennen.

Auch ich weiß noch, wie es in der Wohnung meiner Kindheit roch. Oder im Keller des Hauses. Der Geruch nach Kohlen, Staub und Holz lässt nach und nach den ganzen Raum vor mir auftauchen: der Schrank in der Ecke, die an der Wand gestapelten Kohlen, der Hackklotz mit dem Beil, die Fahrräder im Vorraum. Oben wiederum, auf dem Dachboden, roch es warm, holzig, manchmal nach Wäsche. Ich erinnere mich an den Sommerwald meiner Kindheit, mit seinem Geruch nach Kiefern und warmem, mulmigen Waldboden, und an den Rosenduft im Garten meines Opas.

Jeder Mensch riecht etwas anderes

Doch ein Geruch dominiert alles. Und dieser hat wieder mit der Schule zu tun. Es ist der nach Bohnerwachs. Viele wissen heute gar nicht mehr, was das ist. Das war ein rötliches schmieriges Zeug, das mit Bohnermaschinen oder einer sogenannten Keule auf Linoleum-Fußböden verteilt wurde. Ich weiß nicht, ob heute überhaupt noch irgendwo gebohnert wird. Das Wort selbst soll sich übrigens vom niederdeutschen Wort „bohnen“ ableiten, das „polieren“ bedeutet.

„Der Jeruch saß einem den janzen Tach inne Neese“, blökt mein innerer Berliner. „Und ich weeß ooch, wat die heutijen Kleenen später riechen werden, wenn se sich an ihre Kindheit erinnern: Desinfektionsmittel. Dit kippt man sich ja seit Monaten literweise über die Footen und rubbelt janze Inneneinrichtungen damit ab. Obwohl dit jar nischt bringen soll. Also, ick mach jedenfalls ’n Bogen drumrum, wo ick nur kann. Dit Bohnerwachs-Zeitalter is vorbei. Es lebe die Desinfektions-Ära!“

Na gut, er übertreibt ein bisschen. Und es ist offenbar auch schwierig, den Geruch von Desinfektionsmitteln genau zu definieren. Wie Twitter-Einträge im Internet zeigen, riecht jeder Mensch etwas anderes: Sauerkrautsaft, gammelnde Spaghetti, eine Mischung aus Tintenkiller und Ramen (japanische Nudeln) oder eine ganze Schnapsbrennerei. Die Geruchs-Erinnerungen werden jedenfalls sehr vielfältig sein.