Ja, es gibt sie noch, die alte Bolle-Meierei im Herzen von Moabit. Zwar werden hier schon lange keine Käse- und Milchprodukte mehr produziert. Doch der Unternehmer Ernst Freiberger knüpft jetzt an die Historie des Geländes zwischen der Straße Alt-Moabit und der Spree an. Die weit über 100 Jahre alten Backsteinhäuser wurden in den vergangenen Monaten denkmalgerecht saniert. Entstanden ist eine neue Party- und Event-Location mit zwei riesigen Sälen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bolle-Festsäle heißt der Ort, die ersten Veranstaltungen gibt es bereits. Hier kann man aber nicht nur Party feiern, sondern erhält gleich eine Stunde Berliner Stadtgeschichte dazu.

Wenn man den wieder hergestellten Haupteingang in Alt-Moabit 98 betritt, erlebt man den Charme alter Industriebauten: Das großzügige Treppenhaus zum Beispiel, dort wurden die originalen Metallverzierungen wieder freigelegt und restauriert. Der Aufstieg führt vorbei an den historischen Kontorräumen mit schweren Holzverkleidungen und Oberlichtern aus Glas, noch eine Etage höher steht man dann im ersten Festsaal.

Kapelle mit Altar

Der wurde vom früheren Firmenchef Carl Bolle ursprünglich als Kapelle für 1600 Personen eingerichtet, damit dort die Mitarbeiter der Meierei zur Ruhe kommen können. Rund 750 Quadratmeter ist die Kapelle groß, bis zur Decke sind es gut acht Meter. Sebastian Kernchen ist der Manager der neuen Festsäle. Wie er sagt, hatte die Kapelle auch einen Altar und hohe Mosaikfenster. Die Fenster wurden allerdings zugemauert, als in der Halle 1919 eines der ersten Kinos der Stadt eröffnet wurde. Später war hier bis 1999 auch eine Spielstätte der Berliner Kammerspiele untergebracht.

Die jetzt vom Putz befreiten und blanken Backsteinwände erzählen diese Geschichte noch. Die einstigen Kapellenfenster wirken wie in die Wand eingelassene Nischen, die mit Lichtstrahlern ausgeleuchtet werden können. Auch die ehemalige Empore zeichnet sich im roten Mauerwerk ab.

Ganz anders wirkt der dahinter liegende, zweite Festsaal: Schon deshalb, weil durch die großen Bogenfenster Tageslicht einfällt, der Wechsel von Sonne und Schatten hinterlässt bizarre Muster auf dem Boden. Zwei Reihen mit jeweils elf gusseisernen Säulen unterteilen diesen 800 Quadratmeter großen Raum, auf ihnen ruhen schwere Balken und die Dachkonstruktion aus Holz. „Aufgrund der Feuchtigkeit mussten viele Balken ersetzt werden“, erzählt der Manager. Das fällt aber kaum auf. Nur wer genau hinsieht, erkennt vielleicht die neuen Elemente.

In der Säulenhalle befanden sich früher Bolles Produktion sowie Teile der Käserei. Aus dieser Zeit stammt wohl auch der mit anthrazitfarbenen Steinen gepflasterte Boden. Die drei runden Kronleuchter in der Saalmitte sind aber neu, obwohl sie gar nicht so wirken. Jeder besteht aus etwa 300 kleinen Milchfläschchen, die nach dem Vorbild der Bolle-Flaschen hergestellt wurden und nun kreisförmig angeordnet sind. „Wir wollen der Meierei ihre Geschichte wiedergeben, um an Carl Bolle und seine Produktionsstätte zu erinnern“, sagt Kernchen. Im Eingang werde es ein original Bolle-Männchen geben, das sich dreht, auch eine Gedenktafel wird angebracht. Besucher können also in den Festsälen Industriegeschichte in einer Kombination aus alten Räumen und modernen Ausstattungen erleben.

Scouts entdecken die Säle

Die Meierei lockt als neue Location in Moabit schon seit Wochen die Scouts der Eventagenturen an, die immer auf der Suche nach spektakulären und neuen Orten für ihre Kunden sind. „Gerade Moabit und auch Wedding haben diese Industriebauten hervorgebracht“, sagt Gunnar Gust, der Direktor des Abion Hotels im Spreebogen. Das Vier-Sterne-Haus liegt neben den Festsälen und verfügt über 243 Zimmer und Suiten. Gust wird für das Catering in den Festsälen sorgen und mit seinen Köchen auch Galas ausrichten. Auch er legt großen Wert auf die Geschichte des Ortes – unter anderem hängen im Frühstücksrestaurant des Hotels alte Bolle-Fotos, auf denen die Firmengeschichte erzählt wird. Zudem war die heutige Abion-Villa an der Spree ehemals das Haus, in dem früher die Kutscher des Bolle-Fuhrparks untergebracht waren. Wie Gust sagt, werde man beim Catering „spezielle Angebote mit Milchprodukten und Käse machen“. Eine Hommage an Bolle.

Kernchen und Gust verfolgen mit ihrem Konzept das Ziel, die alte Meierei, die seit 16 Jahren leer gestanden hat, wieder aufleben zu lassen. Etwa 80 bis 90 große Veranstaltungen soll es dort jedes Jahr geben. Möglich sind etwa Firmenfeiern, Kongresse, Produktpräsentationen aber auch Gala-Empfänge für 500 Gäste oder Partys mit 1200 Besuchern. Besonders stolz ist Gust dabei auf eine neue Bar, die im dritten Geschoss eingerichtet wird, sowie eine 150 Quadratmeter große Dachterrasse, die einen Blick über Moabit bis hin zum Fernsehturm bietet.