Berlin - Auf dem Berliner Taximarkt sieht es finster aus. Den Fahrern fehlen die Touristen, die Messebesucher und ebenso die vitale Clubszene der Stadt. Zudem macht der Branche die Konkurrenz von Uber und Freenow das Leben schwer – oft zu schwer. Allein in den vergangenen eineinhalb Jahren mussten in Berlin mehr als 500 Taxi-Unternehmen aufgeben und die Konzessionen für zusammen etwa 1400 Taxis abgeben. Nun kommt neue Konkurrenz dazu. Das estnische Unternehmen Bolt, das in Berlin erst Mitte Mai als E-Scooter-Verleiher debütierte, steigt ins Taxi-Geschäft ein. Ab diesem Mittwoch können Fahrzeuge per App für Fahrten im gesamten Berliner Stadtgebiet gebucht werden. Uber made in Estonia.

Bolt
Bolt-Chef und -Gründer Markus Villig.

„Unser Ziel ist es, Stadtverkehr für alle Menschen auf der Welt einfacher, schneller und zuverlässiger zu machen“, sagt Bolt-Chef und -Gründer Markus Villig und versteht sich selbst als Wegbereiter für den Wandel der Mobilität. Bolt glaube nicht an die Zukunft des privaten Autos in der Stadt. Im Gegenteil: „Wir schaffen Anreize dafür, das eigene Auto stehen zu lassen“, sagt der 27-Jährige.

Villig hat das Unternehmen Bolt 2013 unter dem ursprünglichen Namen Taxify in Tallin gegründet und dafür ein Informatik-Studium nach einem Semester abgebrochen. Mittlerweile soll Bolt eigenen Angaben zufolge die führende Mobilitätsplattform in Europa sein. Tatsächlich kann man auf mehr als 50 Millionen Nutzer in über 40 Ländern in Europa und Afrika verweisen. Seit 2018 ist auch Daimler an dem Unternehmen beteiligt, dessen Wert längst auf mehr als eine Milliarde US-Dollar taxiert wird.

Von Berlin aus will Bolt nun also auch das deutsche Taxi- und Chauffeursgeschäft erobern. Wie beim Original Uber aus den USA richtet sich der Fahrpreis nach der Entfernung sowie Dauer der Fahrt. Allerdings kann – und das ist der Unterschied zum klassischen Taxi – der Preis auch in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage variieren. In jedem Fall wird der Fahrpreis schon vor Abschluss der Buchung in der App angezeigt und fest zugesichert. Außerdem beteuert man bei Bolt, ausschließlich mit lizenzierten Mietwagen- und Taxiunternehmen zusammenzuarbeiten sowie mit Fahrern, die über einen gültigen Personenbeförderungsschein verfügen. Bolt fungiere lediglich als Vermittler zwischen Fahrern und Fahrgästen, heißt es. Man verspricht aber schon jetzt die besten Preise.

Versprochen wird Fairness gegenüber den Fahrern

Das schlanke Geschäftsmodell mache es möglich, die günstigsten Preise anzubieten, erklärt Deutschland-Chef Laurent Koerge. Zudem habe sich das Unternehmen der Profitabilität und Fairness gegenüber den Fahrern verschrieben. So liege der Provisionssatz, den die Fahrer für einen Auftrag an Bolt zahlen müssen, bei „nur“ 15 Prozent. Damit müssten sie für die Vermittlung der Fahrten bis zu 50 Prozent weniger abgeben als bei der Konkurrenz. „Unser Ziel ist es, ihnen nicht nur höhere Einnahmen pro Fahrt zu bieten, sondern auch eine hohe Nachfrage aufgrund kompetitiver Preise zu sichern, und ihnen hierdurch insgesamt ein höheres Einkommen zu gewährleisten“, sagt Koerge. 

Einer der größeren Player im Uber-Geschäft ist Thomas Mohnke. Der 63-Jährige hat allein in Berlin etwa 250 Fahrer unter Vertrag. Einen festen Provisionssatz könne er nicht nennen, sagt er. Dieser sei Verhandlungssache, liege aber bei „höchstens 25 Prozent“. Dass Bolt nun weniger verlangt, könnte nach seiner Einschätzung den Markt durchaus verändern. Dennoch fürchtet er die Konkurrenz  nicht. „Es gibt in diesem Bereich weltweit rund 800 Anbieter. Das war es nur eine Frage der Zeit, wann der nächste nach Berlin kommt“, sagt Mohnke.

Mehr Mietwagen mit Chauffeur erwartet der Unternehmen jedoch nicht. Er geht davon aus, dass viele Fahrer, die jetzt schon für Uber und Freenow fahren, demnächst auch für Bolt unterwegs sein werden.

So sieht man das auch bei Bolt. Auf eine entsprechende Nachfrage heißt es: „Bolt erhöht nicht die Anzahl der Autos oder Fahrer in der Stadt, sondern arbeitet mit dem aktuellen Marktangebot.“ Gemeint ist die Zusammenarbeit  mit lizensierten Fuhrparkbetreibern. Wie viele Fahrer oder Unternehmen zum Marktstart verpflichtet wurden, vermochte man bei Bolt jedoch nicht zu beantworten.

Tatsache ist allerdings auch, dass die Zahl der Mietwagenkonzessionen in Berlin laut Senatsverkehrsverwaltung allein von Anfang vorigen Jahres bis jetzt um fast 600 auf 4562 gewachsen ist. Zugleich verweist man in der Verkehrsverwaltung darauf, dass der Betrieb einer reinen Internetplattform zur Vermittlung genehmigter Verkehrsformen bislang weder verboten noch genehmigungspflichtig sei.

Taxifahrer sind die Grundversorger

Leszek Nadolski ist auf den neuen Konkurrenten gar nicht gut zu sprechen. Für den Chef der hiesigen Taxi-Innung ist Bolt nur „ein weiterer Parasit“, der sich im Berlin Taximarkt einnisten will. „Die kommen doch nur nach Berlin, weil die Behörden hier nicht in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass die Gesetze eingehalten werden“, sagt Nadolski. Konkret geht es dem Taxifahrer unter anderem darum, dass Uber- und Freenow-Fahrer die vorgeschriebene Rückkehrpflicht zur Firmenzentrale nicht einhalten würden, wenn ein Auftrag erledigt wurde. Auch dürfen sie nicht an Straßen und Plätzen auf Gäste warten.

Taxifahrer seien „Grundversorger der Bevölkerung“, sagt Nadolski. Sie müssten jede Tour annehmen und hätten feste Tarife. Die anderen spielten dagegen nur Taxi und könnten sich die lukrativen Touren aussuchen. „Da wird die ältere Dame, die zum Arzt will, bald keinen Chauffeur mehr finden“, sagt der Taxifahrer.

Dabei hat sich das Land Berlin im vierjährigen Berliner Nahverkehrsplan bis 2023 klar dazu bekannt, das Taxigewerbe als Teil der Daseinsvorsorge und des öffentlichen Mobilitätsangebots zu erhalten und zu unterstützen. Nadolski hat die Hoffnung dafür indes schon fast aufgegeben. Im vorigen Monat kam er mit seinem Taxi auf einen Umsatz von 1800 Euro, während die Fixkosten bereits bei 1000 Euro lagen. Ein Wechsel zu Uber & Co schließt er dennoch aus: „Ich versklave mich nicht.“