Als um kurz nach 15 Uhr Entwarnung gegeben wird, ist die Erleichterung bei Ralph Bobusch groß. Vor wenigen Minuten hat der Kampfmittelräumdienst der Polizei eine sowjetische 500-Kilo-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht, die mitten in seiner Baugrube an der Hubertusallee in Schmargendorf liegt. Bobusch ist Bauleiter einer Firma, die dort ein großes Einfamilienhaus errichtet. „Als der Baggerfahrer die Bombe entdeckte, hat er einen Riesenschreck bekommen“, sagt er. Am vergangenen Donnerstag sei er beim Ausschachten des Kellers mit der Schaufel auf die Eisenhülle des Sprengkörpers gestoßen.

Der Blindgänger, gefüllt mit 200 Kilogramm TNT-Sprengstoff, liegt am Montagnachmittag festgezurrt auf einer Palette in der Baugrube. Die Gefahr ist vorbei, die Zünder entfernt. Der Sprengsatz zählt laut Polizei mit mehr als einem Meter Länge zu den größeren und gefährlicheren, die regelmäßig im Berliner Untergrund gefunden werden.

Zwei Zünder

Die Entschärfung am Mittag läuft glimpflich ab, dauert aber länger als geplant. Denn es gibt Komplikationen: „Wir haben an einem Ende ein Heckleitwerk entdeckt, das wir zuerst entfernen mussten“, sagt Polizeifeuerwerker Matthias Kotulla. Unter dem Leitwerk habe man einen zweiten Zünder gefunden – man sei zuerst von einem ausgegangen. „Einen konnten wir mit einer Zange herausschrauben, den zweiten mussten wir mit einem Wasserstrahlschneidegerät entfernen.“ Unter enormem Druck von 2 800 bar durchtrenne dabei ein Strahl aus Wasser und Sand die Stahlhaut.

Noch vor Ort werden die beiden mechanischen Aufschlagzünder kontrolliert gesprengt. Die Bombe wird am Abend zum Sprengplatz Grunewald abtransportiert.

Für die Anwohner im Umkreis von 400 Metern beginnt der Montagmorgen damit, dass sie ihre Häuser verlassen müssen. Die Polizei sperrt sämtliche Straßen in der Gefahrenzone. Die Buslinien 110, X10 und M29 werden umgeleitet, der Luftraum über dem Gebiet gesperrt. Drei Seniorenheime und ein Heim für Demenzkranke werden evakuiert. Feuerwehr und Sozialverbände helfen beim Transport in nahe gelegene Heime. Die benachbarte Hildegard-Wegscheider-Oberschule wird als Notunterkunft eingerichtet. Allerdings finden sich dort nur eine Handvoll Leute ein. „Wir nutzen die Zeit lieber für einen Ausflug“, sagt ein Anwohner. Auch die Botschaft Israels an der Auguste-Viktoria-Straße liegt im Sperrkreis, sie bleibt wegen der Bombenentschärfung am Montag geschlossen.

"Meine Frau ist schwerbehindert"

Schon Ende vergangener Woche hatte die Polizei die Anrainer mit Flyern an den Haustüren informiert, dass sie am Montag bis 10 Uhr ihre Häuser verlassen müssen. Zur Sicherheit werden am Vormittag dennoch Lautsprecherwagen und zwei Hundertschaften eingesetzt. Die Beamten klingeln in den umliegenden Straßen an sämtlichen Wohnungstüren.

„Meine Frau ist schwerbehindert“, sagt Franz Schimpf. Er ist Anwohner an der Franzbadener Straße und muss sich beeilen, denn es ist schon 11.30 Uhr. „Wir wissen noch nicht, wohin wir sollen, aber wir werden jetzt wohl ein Taxi nehmen“, so der 87-Jährige. Seit 50 Jahren wohne er hier. Aber eine Evakuierung habe er noch nie erlebt. Ein Nachbar gegenüber sagt, die Polizei-Information sei unklar gewesen. „Es fehlte die direkte Aufforderung, die Häuser zu verlassen.“ Manche Nachbarn hätten das Ganze deshalb nicht ernst genommen.

Tatsächlich treffen die Beamten 200 Leute in ihren Häusern an. „Wir mussten teilweise Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf, als die Evakuierung um 12.30 Uhr abgeschlossen ist. „Es sind 3 600 Menschen von der Entschärfung betroffen.“ Viele hätten sich vorher darauf eingestellt. Die Entschärfung war bewusst auf Montag gelegt worden, damit vor allem die Evakuierung der Altenheime geplant werden konnte.