BerlinEin paar Querstraßen vom Fundort der Bombe entfernt befindet sich die Heiligkreuzkirche: eigentlich ein Ort für Gottesdienste und Veranstaltungen, heute Sammelstelle für alle, die in der unmittelbaren Umgebung ihre Wohnungen verlassen mussten. „Bei den letzten Entschärfungen, die es in der Umgebung gab, konnten die Menschen in Schulen und Turnhallen untergebracht werden“, sagt Heiner Holland (73), der Geschäftsführer der Kirchgemeinde. Doch das gehe aufgrund der Corona-Situation nicht: „Am Abend habe ich vom Bombenfund erfahren, der Pfarrer hat mich zehn Minuten später angerufen mit der Bitte, die Kirchenräume zur Verfügung zu stellen.“

Foto: BLZ/Eric Richard
In der Kirche achten die Leute auf große Sicherheitsabstände.

Rund 40 Menschen sitzen in der Kirche und warten bei Kaffee, Äpfeln sowie Salzstangen auf die Entschärfung der Weltkriegsbombe. Der Raum ist groß, Abstand halten damit kein Problem. Am Tisch trägt niemand eine Maske, aber bei dem schönen Wetter gehen auch immer wieder Menschen nach draußen - dann gewissenhaft mit Maske. 

An einem Tisch sitzen Karin Frenschock (82) und Sabine Haberstroh (56) - sie wohnen in der Franz-Künstler-Straße, sind Nachbarinnen seit Jahren. „Wir dachten erst, dass unsere Straße nicht mehr im Sperrkreis liegt, aber dann klopfte die Polizei“, sagt Frenschock. „Ich war noch im Schlafanzug, zog mich nur an und ließ alles stehen und liegen.“ Haberstroh ließ sogar ihre Katzen zurück. „Wir sehen das als kleines Abenteuer - und lernen uns dabei noch etwas besser kennen“, sagt sie und blickt zu anderen Personen am Tisch.

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Peter Scheike ist nicht besonders glücklich: „Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht schon genug Probleme.“

Vor der Kirche steht Peter Scheike (73) - er wurde schon am frühen Morgen von den Lautsprecher-Durchsagen der Polizei aus dem Alltag gerissen. „Gestern war noch nischt los, aber heute früh kamen sie plötzlich alle“, sagt er. Für ihn ist es nicht die erste Evakuierung. „Immer, wenn irgendwo ein neues Haus gebaut wird, wird irgendwo eine Bombe gefunden. Aber ich war trotzdem aufgeregt, habe sowieso Probleme mit dem Blutdruck.“ Er hätte, sagt er, gern ein Bierchen gezischt, aber wegen Corona habe im Moment nichts offen. „Das Jahr 2020 kannste ja sowieso den Hasen geben und aus der Chronik streichen - es ist ja nicht so, als hätten wir nicht schon genug Probleme“, so Scheike.

An insgesamt sieben Stellen im Bezirk werden die Anwohner versorgt. Ab acht Uhr waren Beamte unterwegs, gingen von Tür zu Tür, um die Anwohner aus den Wohnungen zu holen, sagte eine Sprecherin der Polizei. Besonderen Wert habe man auf den Infektionsschutz gelegt: „Menschen, die sich mit Corona infiziert haben, wurden von verschiedenen Hilfsorganisationen abgeholt und in drei Hotels in der Nähe untergebracht.“

Und so war am Morgen zu beobachten, dass immer wieder Krankenwagen vor den Häusern der Anwohner hielten, Sanitäter in Plastikkitteln mit Masken und Schutzbrillen ausstiegen und Infizierte aus den Häusern holten. Die Personen wurden dann in die drei ausgewählten Hotels gebracht, damit sie dort die Quarantäne-Regeln einhalten können. 

Gegen 15.30 war die Evakuierung der Anwohner im Sperrkreis offiziell abgeschlossen. 100 ehrenamtliche Einsatzkräfte von ASB, DRK, Johannitern, Maltesern und DLRG seien im Einsatz gewesen, hieß es. „Aufgrund der Corona-Lage hatten wir ein Drittel mehr Kollegen vor Ort als bei vergleichbaren Einsätzen“, sagte DRK-Einsatzleiter Rolf Erbe der Berliner Zeitung.

Mehr Fahrzeuge seien schon deshalb nötig gewesen, weil die Patienten einzeln transportiert werden mussten. Die Einsatzkräfte seien mit Schutzausrüstung ausgestattet worden. „Das Zubehör gehört zur normalen Ausstattung der Einsatzfahrzeuge, denn Infektionskrankheiten sind keine neue Erscheinung. Nur haben wir für den aktuellen Einsatz natürlich mehr Einheiten eingepackt“, sagt Erbe. Nach jedem Patienten werde das Fahrzeug entsprechend desinfiziert.

Die insgesamt 90 Personen wurden in drei Hotels in der Nähe des Anhalter Bahnhofs untergebracht. „Man kann sie ja nicht einfach in öffentliche Einrichtungen oder eine Turnhalle setzen“, sagt Erbe. Betreuungseinheiten in den Hotels kümmerten sich um die Einhaltung der Hygienekonzepte. Die Menschen seien hier registriert worden, danach wurden sie einzeln in den Zimmern untergebracht.

Nach der Absicherung des Sperrkreises sollten die Vorbereitungen zur Entschärfung der Weltkriegsbombe beginnen. Wenn alles gut läuft, könnten sie in einer oder zwei Stunden abgeschlossen sein. Die dafür zuständigen Kräfte der Polizei waren seit den Nachmittagsstunden vor Ort. „Wenn die Bombe entschärft ist, beginnen unsere Kräfte mit der Rückführung der evakuierten Patienten“, sagt Rolf Erbe.