Neuglienicke - Der Zugang zur Kyritz-Ruppiner Heide beim kleinen Weiler Neuglienicke ist noch versperrt. Deshalb klickt Lothar Lankow das Schloss des Schlagbaumes, in seine Verankerung. Noch muss der verantwortliche Projektleiter der Heinz Sielmann Stiftung, die seit drei Jahren rund ein Drittel der mehr als 12000 Hektar großen Fläche des ehemaligen „Bombodroms“ bei Wittstock naturfachlich betreut, bei jedem Betreten und Verlassen das Gelände verschließen. Noch darf die auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz der Sowjetarmee entstehende Naturlandschaft, die als Nationales Naturerbe eingestuft ist, aufgrund der Munitionsbelastung nur mit Sondergenehmigung betreten werden. Auch die Kremserfahrten, bei denen Besucher seit zwei Jahren das farbenprächtige Schauspiel der Heideblüte im August und September erleben können, sind bislang nur unter strengen Auflagen möglich.

Spürbare Vorfreude

Das wird sich ändern. Zumindest an einigen Heidezugängen sind die Tage der Schlagbäume gezählt. Der Traum von der wirklich „freien Heide“, für den die gleichnamige Bürgerinitiative der Region über viele Jahre beharrlich gekämpft hat, wird in den nächsten Wochen und Monaten Realität. Deswegen ist Lothar Lankow schon einmal vorab mit einigen Gästen zu einem Streifzug in das einzigartige Refugium aufgebrochen. „Wir sind mit unseren Partnern bei der Munitionsbergung inzwischen so weit, dass Teile des Gebietes, für das wir zuständig sind, jetzt aus der Sperrverordnung herausgelöst werden können“, sagt er mit spürbarer Vorfreude auf dem Weg in die Heide hinein.

Dieses allgemeine Zugangsverbot musste aufgrund der explosiven Hinterlassenschaften im Boden nach dem Abzug des Militärs vor vier Jahren für die gesamte Heide verhängt werden. Noch im Juni dieses Jahres aber wird ein Beschluss des Kreistages des Landkreises Ostprignitz-Ruppin erwartet, mit dem das Sielmann-Teilgebiet sozusagen aus der „verbotenen Zone entlassen“ wird. Zeitgleich wird damit begonnen, auf einem Wegenetz von rund 13 Kilometern Länge innerhalb des freigegebenen Geländes Rastplätze und Schutzhütten, Informations- und Orientierungstafeln sowie Sicherheitshinweise und -schranken zu den weiterhin nicht begehbaren Bereichen zu errichten. Diese Tätigkeit wird über eine ABM-Maßnahme finanziert.

„Dafür brauchen wir Zeit bis zum Herbst“, sagt der 69-jährige Ingenieur und Munitionsexperte. „Wir müssen bei künftigen Besuchern bei aller Entdeckerlust auf die Heide das Bewusstsein für die Gefahren jenseits der beräumten Erlebnisstrecken weiterhin wach halten.“

Zu entdecken und zu erklären gibt es wahrlich einiges. Lothar Lankow ist mit seinem Tross nach rund fünf Kilometern Wegstrecke auf dem sogenannten Sielmann-Hügel, einer natürlichen Erhebung am Rande des einstigen Notflugplatzes der Armee-Flieger, angelangt. Der Blick schweift über das zu dieser Jahreszeit graugrüne Heidekraut, über gelb blühenden Ginster, über Baumgruppen aus Kiefern und Birken bis hin zu dichten Waldkanten. „Hier war vor 20, 30 Jahren nichts, nur freies Gelände“, sagt der Projektchef, „hier kann man schön sehen, wie sich die Natur das Terrain zurück erobert und wie wir mit unseren pflegerischen Maßnahmen dagegen halten müssen.“

Der größte Feind der Heide sei der Schatten, erklärt der Fachmann. Deswegen müsse das Wechselspiel von Heide und Wald von Menschenhand gesteuert werden. Das tue man seit drei Jahren. Durch die Mahd und das Brandroden der Heide sollen auf Dauer gut 2000 Hektar – die Lüneburger Heide sei gerade mal halb so groß – offene Fläche erhalten werden. Auf weiteren 1500 Hektar soll ein Mischwald gedeihen, der zum Teil auch durch Initialpflanzungen von Laubbäumen gefördert werde. „Teile des Waldes werden wir aber nach einiger Zeit gar nicht mehr anfassen und sich so zu Urwald entwickeln lassen“, erklärt Lothar Lankow.

Erstmals Erkundungen zu Fuß

Die Heidebesucher werden die Entwicklungen auf dem Sielmann-Areal künftig viel intensiver als bisher verfolgen können, verspricht der Fachmann. Zunächst werden zur diesjährigen Heideblüte im kommenden August und September wieder verschiedene Fuhrunternehmen ihre Kremserfahrten anbieten. Ab Oktober sind erstmals seit fast 70 Jahren Erkundungen zu Fuß möglich. „Wir beginnen mit geführten thematischen Wanderungen zur Geschichte des Platzes, zu den aktuellen Naturschutzmaßnahmen vor Ort oder zum Vogel-, Schmetterlings- und Tierleben“, sagt Lothar Lankow, der selbst einer der Wanderführer sein wird.

Zum Start der Saison im kommenden Jahr könne dann das präparierte Wegenetz zwischen Neu-glienicke (östlicher Zugang), Rossow (westlicher Zugang) und Pfalzheim (südlicher Zugang) von Radlern, Wanderern und Ausflüglern endgültig individuell und ohne Einschränkungen genutzt werden.

Lothar Lankow zeigt vom Hügel aus auf die verschiedenen Wege, die sich goldfarben durch die Landschaft schlängeln. Der kleine Berg, auf dem im kommenden Jahr noch ein Aussichtsturm entstehen wird, liegt wie ein Dreh- und Angelpunkt in der Mitte der Besucherwege durch die Kyritz-Ruppiner Heide. Er wird von den drei Zugangsorten gleichermaßen gut erreichbar sein. Und zwar schrankenlos.