Ein Brötchen, das die Gemüter bewegt. Denn zur gekauften Schrippe gibt es neuerdings auch noch den Beleg dazu.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinAller Anfang ist schwer, und manchmal muss auch improvisiert werden: Seit Neujahr gilt die Bonpflicht für alle Händler und Händlerinnen mit Registrierkasse – und das sind heutzutage fast alle. Selbst Bäcker, Friseure oder Imbissbetreiber müssen nun Bons ausgeben – und sei es für ein Brötchen, Waschen/Schneiden/Legen oder eine Portion Pommes auf der Pappe. Aber halten sich auch alle an die Regelung, mit der die Finanzbehörden auf höhere Steuereinnahmen hoffen? Eine kleine Stippvisite bei Einzelhändlern im Akazienkiez in Schöneberg und der angrenzenden Kaiser-Wilhelm-Passage offenbart: An Tag Zwei des neuen Jahres waren noch nicht alle wirklich reif für die Bonpflicht.

In einem engen Stehcafé in der Akazienstraße herrscht an diesem Vormittag Hochbetrieb. In reger Folge kommen Kundinnen und Kunden herein, bestellen Espresso, Cappuccino, Galao – was die Karte so hergibt. Bezahlt wird bar. Wie immer. Doch eines ist seit Neujahr anders: Am Rande eines Regalbretts steht ein Drucker und spuckt Beleg für Beleg aus, für jede noch so kleine Bestellung einen. Bis Ende vergangenen Jahres hat das kleine Gerät nur auf Knopfdruck gearbeitet, jetzt druckt er automatisch.

Kein Kunde fragt nach

Seit Geschäftsbeginn morgens um halb zehn hat sich eine lange Papierschnipsel-Kette gebildet. Sie endet in einem Papierkorb. Während unseres Spontanbesuchs wird die Kette immer länger, kein Kunde fragt nach einem Bon.

„Wir wissen natürlich schon, dass das nicht Sinn der Sache ist“, erklärt eine Kellnerin und bittet, den Namen des Cafés nicht zu nennen. Man wolle später den Drucker direkt neben der Kasse platzieren, damit man den Bon gleich mit der Kaffeetasse ausreichen könne, doch dafür seien mittelgroße Umbauten in dem kleinen, vollgestellten Raum nötig. Dafür war bisher keine Zeit, sagt sie, und reicht der nächsten Kundin einen Latte Macchiato über die Theke.

Bons, die ohne Umwege im Papierkorb landen. So ein Beispiel hatte wohl Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor Augen, als er Mitte Dezember, kurz vor Einführung der Bonpflicht, wetterte: Das sei bürokratischer Unfug und schlimme Umweltverschmutzung noch dazu, da die Bons auf schädlichem Thermopapier gedruckt und ohnehin zu Milliarden „direkt im Müll“ landeten. Doch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beharren auf der Belegausgabepflicht. Immerhin gehen dem Fiskus bundesweit jährlich geschätzte 10 Milliarden Euro an Umsatzsteuer verloren, weil Händlerinnen und Händler zu wenig angeben.

Bonpflicht: Ein Blick in andere Länder

Melina Apostolidou kennt solche Diskussionen aus ihrer alten Heimat, dem landläufig als Steuervermeidungs-Europameister geschmähten Griechenland, zu Genüge. Dort gibt es seit Jahren eine strikte Bonpflicht. „Und die Leute halten sich daran, weil auch viel kontrolliert wird. Neulich war meine Schwester dort beim Bäcker. Als sie rauskam, stand da einer vom Finanzamt und hat nach dem Bon gefragt“, erzählt die Mittvierzigerin.

Griechenland ist eines von vielen Beispielen in Europa, wo der Bon beim Einkauf auch für Kleinstbeträge gängig ist. In Portugal gehörte er einst zu den Kriterien des Euro-Rettungsschirms, in Kroatien meldeten die Unternehmen den Finanzämtern nach Einführung der Kassenpflicht erhebliche Umsatzsteigerungen. Obligatorisch ist der Bon in Österreich, Belgien, Frankreich und Tschechien. In Italien gibt es die „Scontrino“-Pflicht seit den Achtzigern. Auch in Bulgarien gibt es zu jedem Kauf einen Beleg.

Gesetzeslage

Regelung: Das „Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen“ – kurz: Kassengesetz – gilt seit dem 22. Dezember 2016. Darin ist festgelegt, dass ab dem 1. Januar 2020 eine Belegpflicht gilt. Das Erstellen des Belegs müsse „in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit dem Geschäftsvorgang“ erfolgen.

Kritik: Gegenwind kommt aus der Wirtschaft, aber auch von Fachpolitikerinnen und -politikern. So sagt etwa Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne): „Die Papierbelegausgabepflicht zeigt, dass noch viel zu tun ist, damit Deutschland endlich im digitalen Zeitalter ankommt. Der Papierbon gehört sicher nicht dazu und ist kein Zukunftsmodell.“

In ihrem Imbiss „Curry und Gyros“ im Akazienkiez hat sich Melina Apostolidou schon vor Jahren ein Kassensystem mit automatischen Bon-Ausdruck angeschafft. „So habe ich meine Ruhe. Ich habe ja auch nichts zu verbergen“, sagt sie.

Auch bei Blumen-Bietz in der Kaiser-Wilhelm-Passage hat alles seine Ordnung, wie das Inhaber-Ehepaar Manuela und Manuel glaubhaft versichert. Dafür gebe es schließlich das Kassenbuch, das jeder Händler führen müsse.

Zum neuen Jahr haben sich Bietz’ Bon-Rollen bestellt. Und nun? „Wir hatten an diesem Vormittag vielleicht ein gutes Dutzend Kunden – nur einer von ihnen wollten einen Bon haben“, erzählt Manuela Bietz. „Wofür auch?“, fragt ihr Mann rhetorisch, „für die Erika für 75 Cent?“

Tatsächlich müssen nicht nur die Geschäftsleute hierzulande den Umgang mit den Bons erst erlernen, sondern auch die Kundinnen und Kunden. In jedem Supermarkt fragt das Kassenpersonal ritualisiert, ob man einen Bon möchte, in Kaufhäusern ebenso. Das gilt auch für Händler, die teurere Waren anbieten – und sei es, damit die Kundinnen und Kunden sie bei Bedarf wieder umtauschen können. Auch in Restaurants sind Rechnungen üblich. Es könnte ja sein, dass die Gäste ihren Besuch als Geschäftsessen steuerlich geltend machen wollen. Außerdem schützen sich die Inhaber damit zumindest ein wenig vor Betrug durch das eigene Personal.

Galgenfrist bis Herbst

Es bleibt ja auch noch Zeit zum Üben. Erst ab Herbst sollen Finanzkontrolleure Stichproben machen. Bei wem werden sie wohl besonders fündig werden? Beim Gebrauchtwagenhändler, in dessen Branche Transaktionen traditionell in bar getätigt werden? Oder doch beim Bäcker um die Ecke?

Besuch bei einem Filialbäcker im Kiez: Die Verkäuferin erzählt, dass sie noch keine Bons ausgegeben hat. Jetzt, da sie die Berliner Zeitung im Laden hat, gibt sie jedem Kunden mit der Brötchentüte einen Beleg mit. Wenn man die Kunden anschließend fragt, ob irgendetwas an ihrem Einkauf außergewöhnlich war, kommen alle sofort auf den Bon. Die meisten finden ihn überflüssig, nur einer hält ihn für „wahrscheinlich unvermeidbar“.

Nur ein Kunde muss ein bisschen länger überlegen. Er lebt erst seit einem Jahr in Berlin, erzählt der Mann und muss dann selber darüber lächeln, wie sehr er sich bereits den hiesigen Sitten angepasst habe. Dabei seien in seiner amerikanischen Heimat Bons obligatorisch.