Noch vor Kartoffeln, Autobahnraserei und Socken in Sandalen sind sie vielleicht das größte Klischee, das mit den Deutschen in Verbindung gebracht wird: Gartenzwerge tummeln sich hierzulande zwischen Blumenrabatten lieblicher Vorgärten, am Fuß von Hollywoodschaukeln oder neben dem Kohlrabibeet. Sie stehen bei Wind und Wetter ihren Zipfelmann – mal kleinbürgerlich-fleißig mit Schubkarre, mal frivol-peinlich mit blankem Hinterteil.

Die kleinen Männer (und seltener auch Frauen) aus Gips, Ton, Keramik oder schnödem Plastik genießen bei den einen Kultcharakter. Für andere sind die Zwerge der Inbegriff von Spießbürgertum. Man belächelt und verspottet sie – und damit auch ihre Besitzer.

Seit dem Barock

Dabei reicht ihre Tradition weit zurück. Schon ewig begleiten Gnome als eifrige Helfer mit Zugang zu reichen Schätzen und magischen Kräften den Menschen in Sagen, Märchen und Mythen. Bereits in der griechischen Antike berichten etwa Homer oder Hesiod über das Ackerbau treibende Volk der Pygmäen.

In fürstlichen Gärten aufgestellte Gestalten gibt es seit dem Barock. Im Salzburger Zwergelgarten zum Beispiel sind die Figuren aus weißem Marmor mehr als 320 Jahre alt. Sie gehen auf Kupferstich-Karikaturen des französischen Grafikers und Florenzer Hofmalers Jacques Callot vom Anfang des 17. Jahrhunderts zurück.

Ende des 18. Jahrhunderts sind die Gnome weitverbreitet, der Weimarer Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schreibt im bürgerlichen Epos „Hermann und Dorothea“ über einen „in der ganzen Gegend“ berühmten Garten mit seinen „farbigen Zwergen“. Spätestens mit den Brüdern Grimm und ihren Märchen (1812) etwa von „Schneewittchen“ oder „Rumpelstilzchen“ setzten die Knirpse zum Siegeszug an.

„In der Zeit von 1870 bis 1920 hatten die Zwerge ihre größte Blütezeit“, schreibt die Regensburger Kulturwissenschaftlerin Esther Gajek einmal in einem Aufsatz. Ausgelöst worden sei die Manie von der Märchenwelle der Neuromantik. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts werden in und um Gräfenroda in Thüringen dann die ersten Zwerge für den Garten in Serie hergestellt – und bis nach Großbritannien angeboten.

Kunstoffwichtel prägen das Bild

Die Herstellungsschritte sind zunächst vielfältig: In Handarbeit wird in Formen gegossen, getrocknet und gebrannt, bemalt und lackiert. „Manche Zwerge bestanden aus zehn Einzelteilen (Schürze, Bärte, Pfeifen und so weiter) mit jeweils eigenen Formen“, schreibt Gajek.

Lange gelten Gartenzwerge als anerkannte Accessoires gehobener Gesellschaftsschichten. Literaturpreisträger Thomas Mann lässt zum Beispiel seinen Roman-Protagonisten Felix Krull über den „anmutigen Herrensitz“ seiner Familie berichten: „Der abfallende Garten war freigebig mit Zwergen, Pilzen und allerlei täuschend nachgeahmtem Getier aus Steingut geschmückt.“

Heute prägen besonders Kunststoffwichtel, die etwa ab den 60ern aufkommen, das verkitschte Bild. Typen und Gesten sind mannigfaltig. Gartenzwerge mit Dolch im Körper oder mit Stinkefinger sind immer wieder mal Zankapfel zwischen Nachbarn.

Der Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge im schweizerischen Basel zufolge tragen echte Gartenzwerge – ob mit männlichen oder (mittlerweile auch) weiblichen Zügen – eine Zipfelmütze und gehen „einer naturnützigen oder freundlichen Tätigkeit“ nach. Und sie sind aus natürlichen Materialien wie Lehm, Ton oder Holz. Gefährten aus Plastik lassen die Kulturhüter nicht als echt durchgehen.

Auch jenseits deutschsprachiger Gegenden sind die kleinen Herren begehrt: Im Frühjahr 2021 gab es in Großbritannien gar nicht mehr genug Nachschub. Während des Corona-Lockdows wurde das Gärtnern dort so populär, dass unter anderem auch die Zwerge Mangelware wurden.