Berlin ist stolz darauf, die wichtigste Start-up-Stadt in Deutschland zu sein. In den vergangenen Jahren haben sich auch einige der großen Unternehmen hier angesiedelt. Der Architekt und Stadtforscher Hans-Hermann Albers sieht die Entwicklung aber auch kritisch.

Herr Albers, große Tech-Unternehmen ziehen nach Berlin, und jede Menge Start-ups kommen nach, weil das Umfeld attraktiv ist für sie. Man könnte meinen: Das ist doch super für die Stadt, so kommt Berlin zu Geld. Was stört Sie daran?

Natürlich stimmt das einerseits, aber gleichzeitig treibt diese Start-up-Boom die Mieten in die Höhe, so dass kleine Läden und Anwohner vertrieben werden. Wenn in Kreuzberg ein Start-up eröffnet, kann es mehr Miete zahlen als der alteingesessene Gemüseladen, selbst wenn es eine kleine Klitsche ist. Die Auswirkungen können verheerend sein: Zusammen mit Kollegen habe ich das kürzlich in San Francisco genauer erforscht. dieser Start-up-Urbanism trifft jetzt auch Deutschland.

Dieser Start-up-Urbanismus führt also dazu, dass sich immer weniger Menschen leisten können, in einer Stadt zu leben?

Immer weniger beziehungsweise nur eine ganz bestimmte Gruppe: In San Francisco leben hauptsächlich Menschen zwischen 25 und 40. Es ist die Stadt in den USA mit den wenigsten Kindern und Jugendlichen: Wer eine Familie gründen will, muss rausziehen. Hinzu kommt eine Gewerbeverdrängung durch kapitalstarke Start-ups und Tech-Unternehmen. Einige sprechen hier inzwischen von Googlifizierung, in Anlehnung an den Begriff Gentrifizierung. Ähnliche Entwicklungen können wir in Berlin beobachten. Hier sind beispielsweise die Samwer-Brüder (Rocket-Internet, Anm. d. Red.) auch auf dem Immobilienmarkt aktiv. Sie kaufen Gewerbeimmobilien im großen Stil und vermieten an Start-ups – auf der Strecke bleiben typisch Kreuzberger Kultureinrichtungen.

Dennoch kann man Start-ups nicht dafür anklagen, dass sie erfolgreich gründen, oder?

Ich sage auch nicht, dass nur die Unternehmen an dieser Entwicklung schuld sind. Denn internationales Wagniskapital fließt vermehrt in die attraktiven Start-up-Metropolen wie San Francisco, New York, Tel Aviv oder eben Berlin. Zudem geht das Ganze Hand in Hand mit der Plattform-Ökonomie, die unsere Städte und unser Zusammenleben ebenfalls stark verändert: von Airbnb oder Uber bis hin zu lokalen Sharing-Plattformen oder digitalen Nachbarschaftsnetzwerken.

Inwiefern verändern sie unser Leben?

Stadt und Nachbarschaft werden dabei neu definiert – aber unvollständig. Virtuelle Nachbarschaften werden romantisiert und überhöht. Negative Aspekte von räumlicher Nähe werden hingegen nicht thematisiert – der nervende Nachbar ist darin nicht vorgesehen. Es ist alles nur positiv. Es ist wie bei Facebook auch: Da gab es lange nur Daumen hoch. Das Negative wird ausgeblendet, es gibt keine Probleme.

Menschen zusammen bringen mit einem positiven Ansatz – das klingt doch nicht so schlecht …

Wenn man das weiterdenkt, führt es dazu, dass soziale Kontrolle ins System eingeschrieben wird: Bei Airbnb beispielsweise wird nicht nur der Gastgeber, sondern auch der Gast bewertet. Wer bessere Bewertungen hat, kommt weiter. Ich sehe diese Ökonomisierung des Sozialen als Gefahr. Hinzu kommt die Frage um die Nutzung der personenbezogenen Daten.

Aber was können die Unternehmen tun? Gibt es Konzepte, beispielsweise, dass sie die Städte in irgendeiner Form unterstützen?

In San Francisco gibt es Abmachungen der Tech-Unternehmen mit der Stadt: Sie fördern im Gegenzug soziale Einrichtungen – Twitter oder Spotify unterstützen Projekte vor Ort. Oder sie bauen Wohnungen, wie Google das zum Beispiel im Silicon Valley tut. Wobei sie diese dann häufig für ihre eigenen Mitarbeiter bauen, was auch wieder problematisch ist: Das fördert die Mono-Thematisierung der Stadt, und mit solchen Firmen-Campussen entsteht zudem Konkurrenz zur wirklichen Stadt. Und es macht die Mitarbeiter abhängiger: Wer den Job verliert, ist auch gleich noch seine Wohnung und das soziale Umfeld los. Letztlich müssen die Tech-Unternehmen verstehen, dass sie verantwortliche Akteure der Stadtentwicklung sind und die Städte nicht nur eine Ressource für digitalwirtschaftliche Geschäftsmodelle.