Boris Palmer (Grüne) traut sich was. Am Mittwoch verlässt Tübingens Oberbürgermeister sein beschauliches baden-württembergisches Zuhause und reist mal wieder nach Berlin. Die Stadt, die ihn schwer verunsichert, weil Berlin, wie Palmer findet, in Armut, Drogen und Kriminalität versinkt.

Denn Palmer hat bei der Ankunft in Berlin stets bedauerlich-bedrückende Gedanken: „Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands“, denkt Palmer, wenn er die Stadt betritt. Das sagte er im vergangenen Dezember und schaffte es damit tagelang in die Schlagzeilen.

Auf der Agenda stehen Fahrverbote, Tempo 30 und der Görlitzer Park

Nun kommt Palmer nicht als Tourist nach Berlin, sondern auf Einladung von Burkard Dregger, Fraktionsvorsitzender der CDU. Dieser hat eine „kleine Berlintour“ für den Oberbürgermeister organisiert. Man möchte unter anderem den Messstandort Leipziger Straße besuchen und über Fahrverbote und Tempo 30 sprechen.

Weiter geht es zum Görlitzer Park. Dort spricht man, kaum überraschend, über die Drogenprobleme und „über die Zeit nach dem Ende Null-Toleranz-Strategie“ des Senats. Die rot-rot-grüne Koalition hatte sich 2017 von der harten Anti-Drogen-Politik verabschiedet und ahndet den Konsum und Besitz von 15 Gramm seitdem nicht mehr. Die CDU nennt das „Kapitulation vor dem Unrecht“.

Burkard Dregger will publikumswirksame Kritik an Rot-Rot-Grün

Der Grund für die Einladung Palmers von der größten Oppositionspartei im Abgeordnetenhaus ist so langweilig wie durchschaubar. Dregger holt sich die Gallionsfigur des Berlin-Bashings in die Stadt, um mit dem prominenten Unterstützer und Grünem Chef-Provokateur gemeinsam seine Kritik an der rot-rot-grünen Koalition möglichst publikumswirksam in die Öffentlichkeit zu tragen. Einer, der konservative Positionen mit grüner Politik vermengt. Strategisch klug ist das von Dregger, inhaltlich eine Luftnummer, von der nichts mehr als eine PR-Show zu erwarten ist.

Denn nichts ist langweiliger und ermüdender als Diskussionen zweier Menschen, die ohnehin in vielem ähnlicher Meinung sind: dass in Berlin nichts funktioniert. Dabei waren sich die meisten schon bei der letzten Palmer-Schlagzeilen-Woche einig: Es gibt viel zu tun in der Stadt und Berlin ist nicht Tübingen. Will im Übrigen auch nicht Tübingen sein.

Es gibt spannendere Gäste als Boris Palmer

Dabei gebe es viele spannende Gäste, die man einladen könnte: Man könnte mit Lungenärzten durch die Leipziger Straße schlendern oder sich den Wiener Bürgermeister in die Stadt holen und sich Tipps geben lassen, wie Berlin es schaffen kann, mehr geförderte Wohnungen zu errichten.

Man hätte Palmer übrigens auch zur Berlinale einladen können. Oder zur Weinmesse in die Messehallen.

Und danach hätte man mit Palmer am Landwehrkanal einen Kaffee in der Sonne trinken können. Vielleicht hätte er dann verstanden, dass Berlin gar nicht so kaputt ist und es sich eigentlich ganz okay hier leben lässt.