Man ahnt es schon: Dieses dampfende Monster ist nicht irgendeine Lokomotive. Wir sehen ein Exemplar jener Dampfloks aus den Berliner Borsigwerken, die zu ihrer Zeit die schnellsten der Welt waren.

Mit der Maschine setzte das Berliner Unternehmen eine Tradition fort, die Werkgründer August Borsig begonnen hatte: Die erste eigene Lokomotive mit dem Namen „Borsig“ und der Fabriknummer 1 baute das Werk 1840. Borsig ließ die Lokomotive am 21. Juli zu einer Wettfahrt von Berlin nach Jüterbog gegen eine britische Stephenson-Lok antreten. Die „Borsig“ gewann das Rennen mit zehn Minuten Vorsprung.

Die hier zu sehende Lokomotive gehörte zur legendären 05-Baureihe. Im Jahr 1935 verließen zwei Exemplare das Tegeler Werk, am 8. März und am 17. Mai. Sie wurden an die Deutsche Reichsbahn übergeben, die die Maschinen bestellt hatte, um den Schnellzugbetrieb für Passagiere auszubauen. Ein drittes, leicht modifiziertes Modell folgte zwei Jahre später.

Borsig-Lok: Auffällig in Weinrot

Dass die Lok mit Dampf fuhr, sah man ihr nicht auf den ersten Blick an. Sie hatte keinen Schornstein im klassischen Sinn und war mit Metallplatten in Stromlinienform gebracht. Mit 130 Tonnen gehörten die 05er zu den schwersten Dampfloks überhaupt.

Die Maschinen brachten 2300 Pferdestärken aufs Gleis und waren 26,2 Meter lang. Beschaffungspreis: je 265.200 Mark. Das Besondere suchte man auch durch den Anstrich zu betonen: Diese Loks waren nicht schwarz, sondern weinrot.

Die im März ausgelieferte 05 001 wurde nach ersten Probefahrten nach Nürnberg überführt und nahm dort an der großen Eisenbahnausstellung teil, die vom 14. Juli bis 13. Oktober 1935 zum hundertjährigen Bestehen der deutschen Eisenbahnen zu sehen war. Danach überführte man die Lok zum Ausbesserungswerk Braunschweig.

Einer der Männer auf dem Foto, das Dr. Horst Stäber der Berliner Zeitung zur Verfügung stellte, zeigt dessen Großvater, der als Lokomotivführer die Maschine von Berlin nach Braunschweig zu überführen hatte. Es handelt sich demzufolge um die Nummer eins der 05er-Reihe.

Schnellstrecke Berlin-Hamburg

Am 14. Mai 1936 gelangte diese dann zum Betriebswerk Hamburg-Altona, wo sie für schnelle Züge nach Berlin eingesetzt wurde. Während der Olympischen Sommerspiele 1936 lackierte man Olympiaringe auf den Tender.

Die im Mai übergebene 05 002 war als Messlok vorgesehen. Sie erreichte am 11. Mai 1936 auf der Schnellfahrstrecke zwischen Hamburg und Berlin (Streckenabschnitt Friesack-Vietznitz) den legendären Geschwindigkeits-Weltrekord für Dampfloks von 200,4  Kilometern pro Stunde – fünf Kilometer durchfuhr sie in weniger als 90 Sekunden.

Der Rekord wurde zwei Jahre später nur einmal von der britischen „Mallard“ überboten. Die schaffte 202,8 Kilometer pro Stunde.

Die Baureihe 05 hatte Borsig mit dem Ziel entwickelt, den neuen Diesel-Schnelltriebwagen wie dem „Fliegenden Hamburger“ Konkurrenz zu bieten, die die Deutsche Reichsbahn 1932 bei der Waggon- und Maschinenbau AG Görlitz (WUMAG) bestellt hatte.

Bei der Entwicklung nahm Borsig innovative Tests im Windkanal vor. Zur besseren Wartung der Dampflok baute man in den Stromlinien-Mantel zahlreiche Klappen und Rollläden ein. Tatsächlich umschloss die Verkleidung der ersten beiden 05er diese vollständig und reichte bis wenige Zentimeter über der Schienenoberkante herab.

Im Lokomotiv-Versuchsamt Grunewald wurden mit der 05 001 die Bremswege bei hohen Fahrgeschwindigkeiten getestet. Eine Schnellbremsung bei 181 km/h ergab einen Bremsweg von 1375 Metern.

Mit Beginn des zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 ging die Nachfrage nach den schnellen Zügen zurück. Im April 1942 nahm man die Stromlinienverkleidung von den 05ern ab.

Ausgemustert und zerlegt

Am 2. März 1943 stieß Lok 05 001 im Bahnhof Ashausen (Niedersachsen) mit einer Rangierlok zusammen und stürzte um. Sie wurde  instand gesetzt und versah bis zur kriegsbedingten Aufgabe der Schnellzüge Ende Januar 1945  ihren Dienst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die drei Riesendampfloks dem Bahnbetriebswerk Hamm zugeordnet. 1958 wurden sie ausgemustert, ersetzt und  1960 – bis auf die 05 001 – zerlegt. Die ist heute im Nürnberger Bahnmuseum zu bestaunen.

Von dem Lokführer, der die Dampflok nach Braunschweig überführte und in den 1930er- und 40er-Jahren überwiegend  Schnellzüge steuerte, ist überliefert, wie viel Wert auf die  Einhaltung von Fahrplänen gelegt wurde. Demzufolge galt: „War ein Schnellzug durch Verschulden des Lokführers zu früh oder zu spät am Bahnhof, wurde der Lokführer zu Kasse gebeten.“ Der Taschenregulator (siehe Foto) muss ein wichtiges Ausstattungselement des Mannes im Führerstand gewesen sein.  „Er hat ihn lebenslang begleitet“, schreibt sein Enkel.