Jasna, Ismar und Gabriel haben ihre blauen Sportjacken mit gelben Streifen übergezogen, vor sich her tragen sie die Flagge von Bosnien-Herzegowina, bei den Makkabi Spielen in Berlin vertreten sie ihr Land. Vor und nach ihnen sind weitaus größere Delegationen aus England, Argentinien und Israel. Die drei Bosnier halten ihre Telefone in die Luft, machen Fotos von sich und vom Olympiapark, von der Waldbühne, von den anderen Athleten, sie freuen sich und sind glücklich. Unter großem Getöse laufen sie in die Waldbühne ein.

So war das beim Einmarsch der Athleten bei der Eröffnungsfeier am Dienstagabend in der Waldbühne. „Ein toller Moment“, erinnert sich Jasna am nächsten Tag im Hotel Estrel in Neukölln. „Ich habe mich so richtig wie eine echte Sportlerin gefühlt“, ergänzt die 28-Jährige laut lachend, sie nimmt bei den Makkabi Spielen beim Schwimmwettbewerb teil. „Wir sind Amateure“, erklärt Gabriel, „uns geht es hier nicht darum, brillante sportliche Ergebnisse zu erzielen, wir sind hier, weil wir den Geist der Spiele genießen wollen.“

Jüdisches Leben fördern und gemeinsam feiern

Was aber ist dieser Geist, was ist das Besondere an diesen Spielen? Für beide ist das die Atmosphäre: wenn Juden, vor allen Dingen junge Juden, aus der ganzen Welt an einem Ort zusammenkommen, sich austauschen über jüdisches Leben in ihren Ländern, von einander lernen, was man unternehmen kann, um jüdisches Leben zu fördern. Aber natürlich geht es auch darum, einfach miteinander zu feiern.

„Wir sind eine kleine jüdische Gemeinde in Tuzla, 130 Mitglieder haben wir. Hier laufen bei den Maccabi Games Delegationen ein, nehmen wir zum Beispiel Deutschland, die haben mehr als doppelt so viel Athleten bei diesen Spielen, als wir in der ganzen Gemeinde in Tuzla!“ Mehr Athleten als eine ganze Gemeinde, das wiederholt Gabriel.

Es ist nicht das erste Mal, dass Jasna und Gabriel die Makkabi Spiele erlebt haben: Jasna, die Ärztin für Veterinärmedizin ist, war vier Jahre zuvor in Wien dabei, und Gabriel war 2013 in Jerusalem bei der Makkabiade am Start, als zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele überhaupt Bosnien eine eigene Delegation gestellt hat. „Das war dort größer, als hier in Berlin, da waren 60.000 Menschen bei der Eröffnung im Station in Jerusalem. Und trotzdem war das hier in Berlin fantastisch, die jüdische Gemeinde in Deutschland ist ein toller Gastgeber“, sagt Gabriel, der zurzeit seine Doktorarbeit an der Universität in Tuzla schreibt und am Institut für Pädagogik als Assistent arbeitet.

Kleine, aber aktive Gemeinde

Sie sind stolz, hier auflaufen zu können. Dafür haben sie sich zehn Tage Urlaub genommen, ohne Gelder des Makkabi Weltverbands hätten sie sich dieses Erlebnis aber nicht leisten können, genauso wie auch die Delegation aus Makedonien, die ebenso durch den Dachverband mit Geldern unterstützt wurde. Rund 1000 Euro kostet die Teilnahmegebühr, Geld, das sich die jungen Bosnier nicht mal einfach so zur Seite legen können. „Das können vielleicht andere machen, für uns ist das sehr viel“, sagt Jasna.

Die jüdische Gemeinde in Tuzla hat nicht einmal mehr eine Synagoge, eine ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, die andere für andere Zwecke entfremdet worden, und dennoch erblühe gerade jetzt die jüdische Gemeinde vor neuem Leben. Während des Zweiten Weltkriegs halbierte sich die Zahl der Juden in Tuzla, viele wurden in Konzentrationslager gesteckt, und diejenigen, die das Lager überlebt haben, änderten oftmals ihre Nachnamen, sie assimilierten sich aus Angst vor Verfolgung, so wie auch ihre Vorfahren. Mitte der 50er-Jahre hörte die Gemeinde dann auf zu bestehen.

Erst Jahre später hat sich hier wieder ein jüdisches Leben entwickelt, die Gemeinde zwar klein, aber aktiv: „Wir verstecken uns nicht, wir sind sichtbar. Wir veranstalten Konzerte und Seminare, zu den großen Feierlichkeiten kommen Politiker der Stadt, wir sind hier anerkannt“, sagt Gabriel. Tuzla ist eine Stadt im Nordosten von Bosnien mit 120.000 Einwohnern. Die meisten, die in dieser Stadt leben, sind bosnische Muslime.

Vorfreude auf die Wettkämpfe

In letzter Zeit gab es antisemitische Vorfälle in Bosnien, zum Beispiel als Fußball-Fans beim Spiel Bosnien gegen Israel antisemitische Parolen brüllten oder aber über eine Flagge Israels marschierten. „Das sind Hooligans!“, sagt Gabriel. „Ausgeprägten Antisemitismus in Tuzla aber gibt es zum Glück nicht. Wir fühlen uns hier sicher. Wir haben guten Kontakt mit allen Religionsvertretern in Tuzla.“ Aber in den sozialen Netzwerken, auf Facebook und Twitter, würden sie steigenden Antisemitismus wahrnehmen.

Jetzt freuen sie sich auf die Wettkämpfe, auf Sightseeingtouren durch die Stadt, auf koscheres Essen und auf die Shabbat-Feier am Freitagabend, mit allen Athleten.