Die Idee für dieses Projekt stammt aus Potsdam, aber als Ort für die Umsetzung haben die Macher sich Berlin ausgesucht. Denn bei der Aktion geht es um die Rettung von 34 inzwischen recht selten gewordenen Arten von Wildpflanzen, die vor dem Aussterben bewahrt werden sollen. Und da derzeit in Berlin die Internationale Garten Ausstellung (IGA) stattfindet, ist das Ausstellungsgelände in Marzahn der ideale Standort.

Wenn es um die Rettung vor dem Aussterben geht, passt der Begriff Arche immer gut. Und genauso heißt das große Feld auf dem Hügel gleich hinter dem IGA-Eingang am U-Bahnhof Kienberg. Dort sind 225 Holzrahmen liegend eingegraben. Das sind Mini-Felder mit einer Seitenlänge von jeweils 1,20 Metern.

Jeder Rahmen ist durch Holzstäbe in vier Quadrate geteilt. „Dadurch ergeben sind genau 900 kleine Beete“, sagt Patrick Loewenstein vom Botanischen Garten Potsdam. Es ist also reichlich Platz für möglichst viele Teilnehmer.

Es entsteht eine urbane Bürgerbewegung

Denn genau das ist die Idee hinter dem Projekt Urbanität & Vielfalt. „Wir wollen, dass sich möglichst viele Leute beteiligen“, sagt Loewenstein und erzählt, dass viele Fachleute der Überzeugung sind, dass der Naturschutz in Expertenhand gehört. „Wir wollen beweisen, dass man mit breiter Bürgerbeteiligung viel erreichen kann.“

Die Idee zu dem Projekt hatte Michael Burkart, der Chef des Potsdamer Botanischen Gartens, bereits vor fünf Jahren. „Wir sind bundesweit ganz vorn, wenn es um den Erhalt seltener Pflanzenarten geht“, erzählt Loewenstein. Dabei geht es immer darum, dass seltene Pflanzen ausgesät werden, damit sie möglichst viel Samen produzieren, der dann wieder ausgesät werden kann, damit es immer mehr von den Pflanzen gibt, bis sie nicht mehr so selten sind.

Das Problem ist aber, dass der Botanische Garten gar nicht genügend Flächen für die Aussaat hat. „Also haben wir überlegt, wie man daraus eine Art Bürgerbewegung machen kann“, sagt er.

Jeder bekommt eine Box mit je sechs Jungpflanzen von drei Arten

Das Projekt Urbanität & Vielfalt läuft folgendermaßen: Die Profis vom Botanischen Garten haben mit den amtlichen Naturschützern in Brandenburg und Berlin 34 seltene Pflanzenarten ausgesucht – die so schöne Namen tragen wie Liegenden Ehrenpreis, Blaugrünes Schillergras, Rote Schwarzwurzel oder Ohrlöffel-Leimkraut.

Diese genügsamen Trockenrasenpflanzen waren auf den einst kargen Böden der Region weit verbreitet und sind über die Jahrhunderte auch wegen der immer intensiveren Landwirtschaft inklusive massiver Düngung immer mehr zurückgegangen.

Nun hat der Botanische Garten vor Monaten Samen ausgesät und keine Pflanzen vorgezogen. Alle, die nun am Sonntag bei dem Rettungsprojekt mitmachen, bekommt eine Box mit je sechs Jungpflanzen von drei Arten. Dann pflanzen die Teilnehmer die Setzlinge entweder auf ein Mini-Beet der Arche oder nehmen die Pflanzen mit nach Hause.

Außerdem werden Exkursionen unternommen

„Jeder kann mitmachen“, sagt Loewenstein. „Egal, ob 5 Jahre alt oder 95. Es ist ein Projekt ohne Kosten für die Leute. Sie brauchen auch keine Vorbildung, nur Neugierde, Interesse für die Natur und ein ganz klein wenig Zeit.“ Es soll keines dieser anonymen Projekte sein, bei denen Menschen einfach nur Geld spenden. Sie sollen aktiv werden. Das Projekt soll vor allem Laien ansprechen, denn es geht auch um Umweltbildung. Deshalb werden auch Vorträge angeboten.

Die Teilnehmer können ihre Pflanzen auch im heimischen Garten aussähen, auf dem Balkon oder im Blumenkasten auf der Fensterbank. Dann sollen sie später den Samen ernten und den Projektleuten vorbeibringen oder ihnen schicken. Außerdem werden Exkursionen unternommen, bei denen Laien mit amtlichen Naturschützern raus in die Natur ziehen und die Samen an passenden Standorten aussäen.

Die ganze Sache ist als Pilotprojekt gedacht

Die Menschen sollen zu einer Gemeinschaft werden, sich an den Arche-Beeten treffen, sich unterhalten, auch mal das Beet des Nachbarn gießen. „Wir wollen ein großes Naturschutz- und Umweltbildungsprojekt mit Bürgerbeteiligung werden“, sagt Loewenstein. Die Verteilung von Pflanzen wird nächstes Jahr wiederholt. „Dann haben wir im Idealfall eine vierstellige Teilnehmerzahl, die immer weiter steigt.“

Die ganze Sache ist als Pilotprojekt gedacht, als Vorbild für ähnliche Aktionen in anderen Bundesländern oder europäischen Staaten. Immerhin 1,5 Millionen Euro Fördergeld kamen zusammen.

Man lernt seine Umgebung kennen

Schon vor dem offiziellen Start ist Gesa Domes dabei. Die 26-Jährige studiert Biologie und Englisch in Potsdam und will Lehrerin werden. Sie steht zwischen den Arche-Beeten und gießt den sandigen Boden. „Das dauert heute fünf Stunden“, sagt sie. „Ich bin derzeit drei Mal die Woche hier.“ Sie habe nun mal ein großes Interesse an Pflanzen, vor allem an essbaren.

„Ich wandere gern“, sagt sie, „und wenn mal zwei Wochen lang in Kanada, Italien oder Australien unterwegs ist, will man nicht alles Essen mitschleppen müssen.“ Und so lerne man, dass am Straßenrand nicht nur Brennnesseln wachsen, sondern auch Giersch, denn der schmeckt wie würziger Spinat.

Bei Gesa Domes sind auch schon zwei Jugendliche vorbeigekommen, die beim Gießen halfen. „Die sagten, dass sie keine Pflanzen kennen, nur Marihuana“, erzählt sie. „Aber dann hab ich ihr Interesse für andere Pflanzen geweckt. Denn der eine hatte viele Mückenstiche, und ich hab ihm gesagt: Mach Spitzwegerich drauf, das hilft.“