Berlin - Unersetzbar und so unermesslich wertvoll ist einer der größten Schätze Berlins, dass man ihm in Dahlem einen Bunker gebaut hat: unterirdisch, mit extra dicken Mauern, Metalltüren und dann noch einmal ein extra Raum mit besonders sicheren Archivschränken und Spezialklima: konstant bei 20 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Sollte ein Brand ausbrechen, wird Löschgas eingeleitet. Wasser würde die hier gehüteten Kostbarkeiten zerstören: gepresste und getrocknete Pflanzen. Aber was für welche!

NK2 steht in weißen Lettern auf der grauen Sicherheitstür, die ins Allerheiligste des Botanischen Museums führt, den „Neuen Keller“, in dem 3200 von Alexander von Humboldt auf seiner legendären Südamerikareise von 1799 bis 1804 gemeinsam mit dem Botaniker Aimé Bonpland gesammelte, präparierte und beschriftete Pflanzenbelege lagern. Viele Pflanzen hat er als erster Europäer entdeckt und beschrieben wie zum Beispiel Dahlie, Weihnachtsstern oder Studentenblume.

Tomate vom Rio Negro

Jedes der zwischen blauen, dicken Pappdeckeln und weißem Spezialpapier lagernden Exemplare hielt Alexander von Humboldt einmal in seinen Händen. Viele der Papierblätter tragen Etiketten mit Humboldts überaus zierlicher Handschrift.

Dr. Robert Vogt, Botaniker und Kustos des insgesamt 3,8 Millionen Exemplare umfassenden Herbariums des Botanischen Museums, geht „ohne Kniefall“ routiniert mit dem Ehrfurcht gebietenden Material um. Er weiß, in welchen Regalen die besonderen Stücke liegen. Er knüpft die drei Schnüre eines Bündels auf – und vor einem liegt eine plattgedrückte Tomatenpflanze, gefunden laut Humboldts handschriftlichem Vermerk in „America calidiore, in cultis“ – also in einer Kulturpflanzung, vielleicht einem Garten, im heißen Amerika. Neben dem Vermerk ein kleiner Kreis mit Punkt in der Mitte, der sagt: Dies ist eine einjährige Pflanze.

Humboldts geliebter Lehrer in botanischen Dingen, Carl Ludwig Willdenow, seit 1801 Direktor des Botanischen Gartens, gab in seiner genaueren Beschreibung als Herkunft dieses Exemplars an: „ad flumen Rio negro“, am Rio Negro in Venezuela. An Willdenow hatte Humboldt diesen Beleg wie auch alle anderen in Berlin aufbewahrten Stücke geschickt. Die gingen in dessen persönliche Sammlung ein, heute als Willdenow-Herbarium dem Botanischen Museum gehörend.

1803, da war Humboldt längst nicht von seiner Reise durch Kolumbien, Ecuador, Peru, Mexiko und Kuba zurück, erklärte der Botaniker die nämliche Tomate zur besonderen Art, die einen eigenen Namen verdiene. Solanum humboldtii Willd. – Solanum für Nachtschatten, humboldtii für den Entdecker, Willd. für den Beschreiber. Forschungen ergaben 2008, dass es sich doch nicht um eine spezielle Art handelte.

Humboldts Tomatensamen erblühte in Schöneberg

Neben dem zarten Presspflänzchen, das neben Blättern und Blüten auch eine Tomatendolde mit kirschgroßen Früchten umfasst, hatte Humboldt auch Samen nach Berlin geschickt, die Willdenow ausbrachte und am damaligen Standort des Botanischen Gartens in Schöneberg zur Blüte führte. Zu jener Zeit betrachtete man die Tomate als Zierpflanze. Aber man kannte sie eben schon.

Anders im Fall der Paranuss, auf die Humboldt und Bonpland am oberen Orinoco stießen. Zwar verkaufte man die Kerne bis nach Europa, doch hatte noch kein Kundiger den Baum beschrieben, der die wertvolle Nuss hervorbrachte. Die beiden Forscher hielten Blätter und die kokosnussähnliche Frucht in den Händen, futterten begeistert Nussberge, doch bekamen sie zu ihrem größten Verdruss keine Blüte zu Gesicht. Daher zeigt der nach den Funden angefertigte Kupferstich neben dem Blatt zwar Früchte, Samen, Fruchtachse und den Nusskern, aber keine Blüte. Gleichwohl kommt dem Herbarbeleg höchster wissenschaftlicher Wert zu: Solche Erstexemplare gelten – ähnlich dem Urmeter – als Maß der Dinge für jeden nachfolgenden Forscher. Tausende davon befinden sich im Botanischen Museum.

Die Schätze heil nach Europa zu bringen, gehörte zu Alexander von Humboldts größter Sorge. Immer wieder setzten Schimmel oder Termiten den Pflanzen zu. Immer mussten die Reisenden Berichte über Piratenaktionen bedenken, wenn sie Lieferungen vorbereiteten. Gleichwohl gelangten Teillieferungen oft über den Hafen Havanna mit Zwischenstation London oder Madrid nach Paris und Berlin. Schon 1801 hatte Humboldt von Cuba aus 1600 Pflanzen in herbarisierter Form an Willdenow nach Berlin gesandt. In einem Brief an Willdenow aus jenem Jahr erinnert er sich, wie dieser„den Trieb in mir rege machte, die Tropenwelt zu besuchen – wenn ich in meiner Phantasie die Rehberge und die Panke mit den Katarakten von Atures, ein Haus von China (China-Fieberrindenbaum), in dem ich lange gewohnt, vereinigte – so kommt mir das alles oft wie ein Traum vor!“

In einem Brief vom 29. April 1803, aus Mexiko abgesandt, schrieb er: „Ich besitze eine ausgezeichnete Sammlung, die ich zu Quito, zu Loxa, am Amazonenfluße bei Jaén, auf den Anden in Peru, auf dem Wege von Akapulko nach Chilpensingo und Mexiko, zusammengebracht habe. Diesen Schatz will ich nicht dem Zufall der Post anvertrauen; sondern Dir selber überbringen. Ich habe Alles höchst sorgfältig geordnet.“

Den Bomben knapp entgangen

Nach all diesen Mühen ist es unfassbar, dass die Sammlung der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nur knapp entging: Bevor ein frühes Bombardement in der Nacht vom 1. zum 2. März 1943 fast vier Millionen Herbarexemplare des Botanischen Museums samt Bibliothek zerstörte, war das Wertvollste, Humboldts Sammlung, in einen Berliner Banksafe ausgelagert worden, später in ein Salzbergwerk bei Bleicherode in Thüringen. Auch die Rückführung geriet zum Drama: Der Zug mit dem Kulturgut blieb 1945 über Wochen unter mysteriösen Umständen verschollen. Als er gefunden war, bedurfte es höchster Intervention aus Berlin, um ihn heimzuholen statt nach St. Petersburg rollen zu lassen – er kam in Ost-Berlin an, gelangte dann aber doch nach Dahlem.

Alexander von Humboldt wurde am 14. September vor 250 Jahren geboren. Berlin kann ihm für sein Geschenk nicht genug danken.