Wie weit der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un sein Atomprogramm bislang getrieben hat, ist nicht klar. Sicher ist, dass die nuklearen Träume des 33-Jährigen in der Welt für Unbehagen sorgen. Finanziert wird die Forschung an den Waffen offenbar auch durch ein wenig prunkvolles Hostel in der Glinkastraße in Mitte. Jetzt gerät die Touristenunterkunft ins Visier der Vereinten Nationen und bundesdeutscher Behörden – sie wollen das „City-Hostel“ schließen.

Von außen betrachtet wirkt der weiß getünchte Plattenbau unscheinbar. Kritiker würden das Gebäude als sanierungsbedürftig beschreiben. Handtücher hängen aus den Fenstern, silbermetallene Doppelstockbetten stehen dicht an dicht in den Räumen. Seit 2007 hat Nordkorea das Haus, das auf dem Botschaftsgelände steht, an eine türkische Hotelierfamilie verpachtet. Angeblich zahlen die beiden Betreiber mehr als 38.000 Euro Miete im Monat an Kim Jong-uns Vertreter in Berlin. Ein lukratives Geschäft für die abgeschotteten Asiaten – aber seit neuestem verboten.

Völkerrechtswidrige Praxis nicht dulden

Denn kurz nach dem fünften Atombombentest des Landes im November 2016 verhängte der UN-Sicherheitsrat Sanktionen, die die Untervermietung oder Verpachtung diplomatischer Einrichtungen verbietet. In Resolution 2321, Punkt 18, heißt es: „Alle Mitgliedsstaaten sollen es Nordkorea verbieten, Immobilien, die es auf ihrem Staatsgebiet besitzt oder pachtet, für andere Zwecke als diplomatische oder konsularische Tätigkeiten zu nutzen.“

Darunter fällt das City-Hostel mit seinen schmucklosen 435 Betten, auch wenn der Pachtvertrag lange vor Resolution geschlossen wurde. Nach Informationen der Berliner Zeitung wurden die Pächter vom Auswärtigen Amt vor wenigen Tagen über die diplomatischen Entwicklungen in Kenntnis gesetzt. Man möge den Vertrag mit Nordkorea kündigen, sonst würden empfindliche Bußgelder drohen.

Ebenso unterrichtete die Behörde die nordkoreanische Botschaft, die direkt neben der Touristenunterkunft liegt. Wie es heißt, wurde „unmissverständlich“ klar gemacht, dass man „diese völkerrechtswidrige Praxis nicht dulden werde“.

Finanzquellen austrocknen

Staatssekretär Markus Ederer aus dem Auswärtigen Amt sagte der Berliner Zeitung: „Die permanenten nuklearen Drohgebärden der nordkoreanischen Regierung machen uns große Sorgen. Wir werden den Druck erhöhen müssen, um Nordkorea an den Verhandlungstisch zurück zu bringen.“ Es sei nun wichtig, „dass wir die Finanzquellen des Nuklearprogramms noch konsequenter austrocknen.“

Nach Informationen des Verbundes von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ stimme das Auswärtige Amt derzeit mit dem Kanzleramt, dem Justiz- und Wirtschaftsministerium entsprechende Maßnahmen ab.

Im Hostel läuft der Betrieb weiter. Zahlreiche Berlin-Touristen gingen ein und aus, der Großteil in völliger Unkenntnis der internationalen Verwicklungen um ihre Herberge. Vor allem der Preis ist lukrativ. Einen Schlafplatz im Acht-Bett-Zimmer gibt es bereits ab 9,50 Euro pro Nacht. So ein Angebot für Touristen ist nahezu unschlagbar, in bester City-Lage, nahe am Checkpoint Charlie, dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz.

Betreiber und Botschaft schweigen

Die Betreiber waren gestern für die Berliner Zeitung nicht zu sprechen. Mitarbeiter behaupteten, weder eine Telefonnummer noch Email-Adresse zu kennen. Am späten Nachmittag kündigten die Pächter an, erst am Donnerstag eine Erklärung abzugeben.

Auch Angehörige der nordkoreanischen Botschaft, mit der das Hostel angeblich durch einen Tunnel verbunden sein soll, wollten sich am Mittwoch nicht äußern. Sie priesen stattdessen den Schaukasten vor dem Haus an, in welchem auf Hochglanzfotos die Errungenschaften des amtierenden Diktators zu sehen sind.

Nordkorea hatte Mitte der 1970er-Jahre das vierstöckige Gebäude von der DDR samt „unbeschränkter und unbegrenzter Nutzungsrechte“ erhalten, nutzte es damals unter anderem für die Unterbringung seiner mehr als 100 Botschaftsmitarbeiter. Heute sind nicht einmal mehr als ein Dutzend Angestellte in der Glinkastraße tätig.

Die nun angeprangerte Devisenbeschaffung Nordkoreas über Vermietungen ist kein neues Phänomen. Das Modell wird vom Regime laut der südkoreanischen Agentur Yonhap weltweit angewandt.

Entwicklung von Massenvernichtungswaffen

So habe Bulgarien im März die diplomatische Vertretung Nordkoreas in Sofia eindrücklich daran erinnert, dass das Botschaftsgebäude nicht vermietet werden dürfe. Andere Länder wie Laos und Ägypten hätten nordkoreanische Diplomaten ausgewiesen, die in kommerzielle Aktivitäten verwickelt waren.

Überhaupt ist Pjöngjang in der Beschaffung von Finanzmitteln erfinderisch, verlässt sich nicht allein auf seine Immobilien. Unter anderem wurden Diplomaten des Landes schon beim Schmuggel von Elfenbein, Rhinozeroshörnern oder Gold erwischt. 2016 flog ein Staatsangehöriger auf, als er versuchte, 1,6 Millionen Zigaretten ins Land zu bringen. Ebenso soll der Verkauf von Viagra und unverzolltem Alkohol Geld bringen.

Neben der Finanzierung des eigentlichen Botschaftsbetriebs dienen die Einnahmen der Beschaffung von Luxusgütern für die herrschende Kaste, oder sie fließen direkt in die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen.

Ob es aus Berlin ähnliche Aktivitäten gäbe, teilte der für die Beobachtung von Aktivitäten fremder Staaten zuständige Verfassungsschutz gestern nicht mit.