Berlin - Grölende Touristen, die durch den Boxhagener Kiez ziehen oder an der Admiralbrücke in Kreuzberg ihre Flaschen und Pizzakartons liegen lassen, ziehen schnell den Groll der Berliner auf sich. So manch Einheimischer schimpft über die Touristenhorden in seiner Stadt und an seinen Lieblingsorten und rümpft die Nase über so viel Respektlosigkeit – ein bisschen ist das zum Volkssport geworden.

Eine Befragung des Reiseportals VisitBerlin der Berlin Tourismus & Kongress GmbH kommt nun zu einem Ergebnis, das für manche wohl überraschend sein dürfte. An den hochfrequentierten Hotspots dieser Stadt – an der Admiralbrücke in Kreuzberg, am Alexanderplatz in Mitte, im Boxhagener Kiez in Friedrichshain, im Mauerpark in Prenzlauer Berg, im Reuterkiez in Neukölln und im Wrangelkiez in Kreuzberg – sind deutlich mehr Berliner als Touristen unterwegs als mancher geahnt hat.

An drei Wochenenden im Mai zwischen mittags und spätnachmittags wurden stichprobenhaft 1.300 Menschen befragt. Fazit: 73 Prozent gaben an, dass sie aus Berlin kommen, 26 Prozent waren Gäste. 

Berliner Tourismus: Jeder Bezirk erhält jährlich 40.000 Euro für touristische Projekte

Man könne nicht jeden „Mist unserer Stadt bei den Gästen abladen“, betonte Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, am Mittwoch am Rande einer Tourismustagung. Auch die Berliner seien Verursacher. Bei der Zuschreibung des Problems von Müll und Lautstärke solle man daher vorsichtig sein. „Berliner sollten Vorbild sein“, sagte Kieker. 

Die Befragung wurde im Rahmen des Tourismuskonzeptes 2018+ des Senats durchgeführt, das sich für einen gezielteren und dezentralen Tourismus einsetzt. So gibt es Kieze, die sich vor Besucheranstürmen kaum retten können und solche in den Außenbezirken, die gern mehr Gäste hätten. Jeder Bezirk erhält jährlich 40.000 Euro für eigene touristische Projekte. 

„Es gibt in Berlin zwei Entwicklungen, die sich überlappen und die die Stadt immer voller und enger werden lassen“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Zu einen kämen immer mehr Gäste und zum anderen wachse Berlin jährlich um rund 50.000 Menschen. Das Tourismuskonzept ziele daher auf beide Gruppen ab. „Es sind nicht nur die Touristen, die die Stadt so voll machen“, betonte auch Pop. 

Tourismus in Berlin 2018: Etwa 13,5 Millionen Gäste besuchten die Stadt

Mit Hilfe der Daten, die kontinuierlich erhoben werden sollen, will man passgenauere Angebote schaffen – für Touristen und Berliner. Dazu gehöre auch der sogenannte „Qualitätstourismus, erklärte Pop, also Angebote für kaufkräftige Gäste, die in die Stadt kämen – Messetouristen oder Kulturtouristen. „Berlin ist eine gastfreundliche, weltoffene und internationale Stadt. Wir wollen, dass die Menschen kommen, aber darunter dürfen die Berliner nicht leiden“, sagte die Senatorin. 

2018 verzeichnete Berlin 33 Millionen Übernachtungen, etwa 13,5 Millionen Gäste besuchten die Stadt – 4,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor.