In ungewöhnlich scharfem Ton fordern die Grünen in Pankow eine komplette Neuorientierung bei der Planung für das brachliegende Gelände des früheren Güter- und Rangierbahnhofs Pankow. Die etwa 40 Hektar große Brachfläche mit dem Namen Pankower Tor gehört zu den größten potenziellen Bauflächen der Stadt. Ein modernes Stadtquartier könnte dort entstehen – mit mehr als tausend Neubauwohnungen, die Berlin so dringend braucht.

Der Berliner Möbelunternehmer Kurt Krieger (Höffner, Kraft, Sconto) hat das Gelände vor zehn Jahren gekauft. Seitdem verhandeln Politiker von Bezirk und Senat mit dem Eigentümer über die Gestaltung des neuen Quartiers. 500 Millionen Euro will Krieger in das neue Wohngebiet investieren. Dazu gehören auch zwei Schulen, ein großen Einkaufscenter sowie Fach- und Möbelmärkte, darunter auch ein neues Höffner-Möbelhaus. Doch eine Einigung über Art und Umfang der Bebauung ist auch nach vielen Jahren langwieriger Verhandlungen nicht absehbar.

Gestritten wird vor allem über die Größe des Einkaufscenters. Und so fordern die Pankower Grünen jetzt eine rigorose Wende. „Wir brauchen einen Plan B“, sagt Andreas Otto, Pankower Grünen-Abgeordneter und baupolitischer Sprecher seiner Fraktion. Nichts sei in all den Jahren passiert, man habe genug vom langen Warten.

„Angesichts des hohen Bedarfes an Wohnungen in Berlin und insbesondere in Pankow muss der Schwerpunkt eindeutig beim Wohnen liegen. Wir wollen lebendige Quartiere statt einer geschlossenen Shopping-Mall“, sagte Otto der Berliner Zeitung.

3000 Wohnungen möglich

Auf der jüngsten Sitzung der Kreismitgliederversammlung am Dienstagabend haben die Delegierten mit großer Mehrheit einen gleichlautenden Beschluss gefasst. Demnach sei das unbebaute Gebiet zwischen den S-Bahnhöfen Pankow und Heinersdorf für bis zu 3000 Wohnungen geeignet. Das heißt, in dem neuen Stadtviertel könnten bis zu 7000 Menschen wohnen. Bisher haben Senat und Bezirk 1500 Wohnungen geplant, ein Teil davon zu sozialverträglichen Mieten.

Statt der Shopping Mall sollte es, so Otto, mehr Bildungsangebote, Einkaufsmöglichkeiten in den Erdgeschossen der Wohnhäuser, Sportflächen, Kultureinrichtungen, Grünanlagen und Gewerbeflächen für Kleinbetriebe geben. „Pankow-Plan statt Krieger-Plan“, nennt Otto sein Konzept und drängelt: „Es muss endlich losgehen.“

„Notfalls müssen wir Krieger das Gelände wegnehmen“

Der Grünen-Politiker fordert, dass sich der Bezirk Pankow und der Senat mit ihren Vorschlägen für die Bebauung des Geländes durchsetzen und sich mit Krieger einvernehmlich einigen. Anderenfalls müsse man Krieger überzeugen, das Gelände an das Land Berlin zu verkaufen. Der Senat könne den Ankauf aus dem „Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt“ (Siwa) finanzieren. Er umfasst aktuell 1,9 Milliarden Euro.

Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen hatte kürzlich betont, Berlin kaufe „grundsätzlich auch gern von Privaten zu akzeptablen Preisen“. Sollte es mit Krieger allerdings keine einvernehmliche Einigung geben, halten die Grünen auch eine rigorose Variante für möglich. „Notfalls müssen wir Krieger das Gelände wegnehmen“, sagt Otto. Das könne Berlin per Entwicklungssatzung im Baugesetzbuch durchsetzen. 

Auch Stadtplaner kritisiert die Pläne

Die jüngsten Vorschläge der Grünen erinnern an einen Planungsentwurf des Stadtplaners Wolfgang Christ. Der Wissenschaftler berät Städte und die Bundesregierung in Fragen moderner Stadtentwicklung, er leitet das Urban Index Institut in Darmstadt. Im vergangenen Jahr hat Christ im Auftrag der Deutsche Immobilien (DI) Gruppe, die auch das Rathaus Center in Pankow betreibt, eine Studie erstellt. Darin schlägt er vor, ein Stadtviertel mit 4000 Wohnungen für 10.000 Menschen zu errichten und auf ein Einkaufscenter mit 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, wie Krieger es fordert, zu verzichten, ebenso auf Möbelhäuser.

Diese Planung sei „städtebaulich überholt“ und ein „Investment in eine untergehende Fachmarktstruktur“. Auf „Plan B“ der Grünen reagieren die Verantwortlichen im Bezirk und im Senat zurückhaltend. Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung, Vollrad Kuhn (Grüne) sagt, derzeit gebe es „Abstimmungen“, dabei gehe es auch um eine Erhöhung der Zahl der Wohnungen. 

Kurt Krieger macht Urlaub

Aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung heißt es, alle Beteiligten wollen sich „zügig auf grundsätzliche Eckpunkte“ verständigen, um die Brachfläche zu einem „attraktiven und zukunftsfähigen neuen Stadtquartier" zu entwickeln. Bis Ostern soll es eine Grundsatzvereinbarung geben.

Doch viele Fragen sind noch ungeklärt. „Die Verhandlungen stocken,“ heißt es aus Senatskreisen. Kurt Krieger äußert sich nicht. Der 69-jährige Unternehmer hat schon oft gesagt, dass man für ein Großprojekt wie das Pankower Tor sehr viel Geduld brauche. Zurzeit macht er Urlaub.