Scharen von Wissenschaftlern sind derzeit damit beschäftigt, die Folgen der Digitalisierung abzuschätzen. Viele entwerfen höchst dramatische Szenarien. Vom Verschwinden der Arbeit ist die Rede. Allein in Deutschland könnten durch den digitalen Wandel mehr als 18 Millionen Arbeitsplätze vernichtet werden, schlussfolgerte letztens ein Spitzenbanker mit Verweis auf die methodologisch fragwürdige Frey/Osborne-Studie aus dem Jahr 2013.

Seit Jahren wird in der westlichen Welt stetig ernsthafter darüber diskutiert, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen womöglich doch die richtige Antwort auf eine solche Entwicklung wäre. Um jenen Menschen, deren Arbeit künftig von einem Rechner oder einem Roboter erledigt wird, ein würdevolles Leben zu gewährleisten.

Selbstzahlerkassen kommen

Eine neue Studie eigens für die Hauptstadt, die das Darmstädter Wifor-Institut im Auftrag der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) erstellt hat, zeichnet nun ein differenzierteres Bild. „Der Effekt auf Berlin ist insgesamt negativ“, erläutert Simon Margraf, IHK-Arbeitsmarktexperte. In den nächsten Jahren bis 2030 würden etwa 25.000 Beschäftigungsverhältnisse wegfallen.

Vor allem aber werde die Digitalisierung in der Hauptstadt die Ungelernten treffen. Quer durch alle Branchen würden demnach im Jahr 2030 gut 15 Prozent aller Hilfstätigkeiten nicht mehr gebraucht, im Einzelhandel oder auch bei Transport und Logistik sei sogar jeder fünfte Helferjob im Gefahr. „Bei Ikea und anderswo gibt es bereits jetzt die Selbstzahlerkasse“, sagt Constantin Terton, IHK-Bereichsleiter Fachkräfte und Innovation.

An Helferjobs wird gespart werden

Das sei schlecht für viele Kassierinnen. Ansonsten mache sich natürlich der Online-Handel bemerkbar, der das Berufsbild des klassischen Verkäufers in Frage stellt. Zudem gehe der Trend beim Transport von Waren und Personen hin zum selbstfahrenden Vehikel.

„Generell werden Firmen versuchen, Personalkosten im Bereich der Helferjobs zu sparen, um gut ausgebildete Fachkräfte bezahlen zu können und in neue Technik zu investieren“, sagt Sandra Hofmann, Wifor-Forschungsleiterin Arbeitsmarkt und Verfasserin der Studie.

Wachstumsbranchen

Doch auch bei den Fachkräften mit dualer Ausbildung oder Studium gibt es Unterschiede. In zwei Branchen entstehen der Studie zufolge sogar zusätzliche Arbeitsplätze wegen der Digitalisierung: im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Bereich Information und Kommunikation.

„Die Telemedizin zum Beispiel ist ein Wachstumsmarkt“, sagt IHK-Mann Terton. Wegen der alternden Bevölkerung gerade auf dem Land werden Ferndiagnosen via Bildschirm immer wichtiger. „Hier sind Leute gefragt, die die Technik warten und pflegen.“ Gerade weil diese in der Gesundheitsbranche hundertprozentig funktionieren müsse. Zusätzliche Arbeit gebe es auch in der Pflegebranche, selbst wenn dort künftig Pflege-Roboter zum Einsatz kommen. Und in der Informations- und Kommunikationsbranche ist gut qualifiziertes Personal gefragt, Datentypisten eher weniger.

Digitale Kompetenzen werden immer wichtiger

Hingegen fallen besonders viele Stellen unter Fachkräften im Einzelhandel weg, aber auch in der Finanz- und Versicherungsdienstleistung. Online-Versicherungen und Online-Banking vernichten hier die Jobs. In der Touristikbranche müssen Reisebüros und -anbieter in besonderem Maße um ihre Existenz fürchten. Und in der Gastronomie benötigen standardisierte Restaurantketten weniger Arbeitskräfte.

Doch die Verfasser der Studie sind deutlich bemüht, viel Erbauliches zu bieten: Es werde weiterhin einen Mangel an qualifizierten Fachkräften geben, die Digitalisierung dämpfe diesen nur etwas, in geringerem Umfang werde künftig auch wieder Personal für Hilfsberufe gesucht. Ganz wichtig seien künftig digitale Kompetenzen, insbesondere wenn es um Internet- und Datensicherheit sowie um die Nutzung digitaler Endgeräte geht.

Öfter den Job wechseln

Um für diese Zukunft gewappnet zu sein, sind aus IHK-Sicht einige Faktoren ganz wichtig: Die Schulen müssten sich in Ausstattung und Bildungsverständnis auf den digitalen Wandel einstellen, Betriebe auch. Alle Arbeitnehmer sollten das lebenslange Lernen verinnerlichen. Und ein häufigerer Wechsel des Arbeitsplatzes oder der Berufsbranche sei förderlich und werde üblicher.

Besonders wichtig seien aber die Grundlagen, die in Elternhaus, Kita und Schule gelegt werden. „Wenn in Berlin weiter jeder zehnte Schüler ohne Abschluss bleibt, haben wir ein Problem“, sagt Margraf. „Denn diese jungen Leute haben das Lernen dann so richtig satt.“