Anwohner demonstrierten am Dienstagabend in Lichtenberg gegen Rassismus und Rechtsextremismus. 
Foto: Berliner Zeitung/Eric Richard

BerlinNach einem Brandanschlag auf das Lokal eines jüdischen Wirts in Lichtenberg haben sich zahlreiche Anwohner, einige Bundespolitiker und der Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) mit dem Opfer solidarisiert. Am Dienstagabend versammelten sich vor der ausgebrannten Kiezkneipe namens „Morgen wird besser“ etwa 500 Menschen unter dem Motto „Kein Platz für Nazis! Rechten Terror stoppen!“. 

Viele sagten, dass sie den 48-jährigen Lokalbesitzer beim Wiederaufbau unterstützen wollen. Unbekannte waren am vergangenen Freitag in das Lokal eingebrochen, hatten Möbel angezündet und anschließend einen Davidstern in die Eingangstür geritzt. Ermittler vermuten einen rechtsradikalen Hintergrund.

Es war bereits das fünfte Mal, das vermutlich Rechtsradikale in die beliebte Kiezkneipe an der Hagenstraße eingebrochen sind. Diesmal hatten die Täter am frühen Morgen des 14. August ein Fenster aufgebrochen und ein Sofa in Brand gesteckt. Die Flammen griffen fast auf das ganze Inventar über. Anwohner alarmierten gegen 6.20 Uhr die Feuerwehr. Ein Übergreifen des Feuers auf die darüber liegenden Wohnungen konnte durch die Löscharbeiten verhindert werden. Die beliebte Begegnungsstätte brannte komplett aus. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. 

Am Dienstagabend hatten der 48-jährige Besitzer der Kiezkneipe und die „Antifaschistische Vernetzung Lichtenberg“ zu einer Solidaritätskundgebung aufgerufen. Gegen 18 Uhr strömten Hunderte Menschen vor das Lokal.

„Anfangs dachten wir, es wäre schön, wenn 70 bis 80 Leute kommen würden“, sagte Bürgermeister Grunst. Es kamen weitaus mehr, um gegen Rassismus und Antisemitismus zu demonstrieren. Grunst sprach davon, dass es nicht bei dieser einen Kundgebung bleiben dürfe. „Es muss jetzt genau geschaut werden, wo sind Orte von Intoleranz, Hass und Gewalt. Und zwar nicht nur in Lichtenberg.“ 

Hunderte Menschen solidarisierten sich mit dem 48-jährigen Wirt, der Opfer eines Anschlags wurde. Bundestagsabgeordnete Canan Bayram (Grüne) hielt eine Rede. 
Foto: Eric Richard

Gegen Rechtsextremismus in Berlin müssten Behörden und Gesellschaft noch stärker vorgehen, forderte der Linke-Politiker.

Grunst erklärte auch, er stünde auf der sogenannten Neuköllner Feindesliste. Auf dieser Liste sollen Namen von Politikern aufgeführt sein, die im Visier von Rechtsextremisten stehen. Gegen einige von ihnen wurden bereits Anschläge verübt. Grunst machte deutlich, dass die Ermittlungen im Neukölln-Komplex deutlich intensiviert werden müssen. So wie es derzeit laufe, sei es nicht zufriedenstellend. „Da erwarte ich mehr“, sagte Grunst. Er versicherte, dass das Bezirksamt Lichtenberg alles dafür tun werde, um das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechtsextremismus zu stärken. 

Dafür soll die „Aktion Noteingang“ wieder ins Leben gerufen werden. Die antirassistische Initiative war bereits Anfang der 90er-Jahre in Berlin als Reaktion auf die zunehmende rechtsextreme Gewalt entstanden. Es wurden Geschäfte, Lokale und Institutionen angesprochen, die mit einem Aufkleber der Aktion im Eingangsbereich deutlich machten, dass das Personal rassistische Verhaltensweisen nicht duldet und gegebenenfalls potenzielle Opfer schützen wird. 

Levi Salomon vom Jüdischen Forum in Berlin warnte in seiner Rede, dass die Rechtsextremisten ganz in der Nähe der Demonstration wohnen würden. „Sie sind nicht weit weg.“ Den Teilnehmern der Kundgebung war anzumerken, dass der Brandanschlag sie betroffen machte. „Wir alle sind traurig, dass jetzt hier keine Kieztreffen mehr stattfinden können“, sagte Salomon. Den 48-jährigen Wirt, den er seit vielen Jahren kennt, beschrieb er als zurückhaltenden und fleißigen Menschen, der immer bereit sei, anderen zu helfen.

Auch die Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch (Linke) und Canan Bayram (Grüne) solidarisierten sich auf der Kundgebung mit dem Opfer des Brandanschlags. Stammgäste und Anwohner haben bereits Geld für die Sanierung der Kneipe gesammelt. Angestellte des Lokals sollen zudem unterstützt werden, weil sie ihren Job verloren haben. 

Unbekannte waren am frühen Morgen des 14. August in die Kiezkneipe eingebrochen. Sie verwüsteten das Lokal und steckten anschließend Möbel in Brand. Die Polizei geht von einer rechtsextremistisch motivierten Tat aus. 
Foto: Eric Richard

Der Wirt, der aus Angst anonym bleiben möchte, kam 2012 nach Lichtenberg und eröffnete erst ein jüdisches Restaurant, das er später zu einer Kneipe umbaute. Seit seiner Ankunft werde er von Neonazis eingeschüchtert und bedroht. Männer mit Glatzen und Springerstiefeln sollen in dem Restaurant immer wieder für Unruhe gesorgt haben. Gegenüber dem Jüdischen Forum erklärte der 48-Jährige, dass Rechtsextreme sich vor ihm aufbauten und drohten: „Was machst du hier? Wir kriegen dich hier raus.“

Erst am Montag vergangener Woche hatte der 48-Jährige einen Drohanruf erhalten. Der Anrufer habe ihm gesagt, dass er ihn in dem Kiez nicht mehr haben wolle. Ähnliche Anrufe gab es immer wieder. 

Zuletzt waren Extremisten Anfang 2019 in seine Bar gekommen, um Flaschen zu zerschlagen. Im Jahr zuvor sollen ihn drei Neonazis als „Drecksjuden“ beschimpft haben. Sie hätten ihm gedroht, dass sie ihn aus seinem Laden vertreiben werden. Hinterher schmierten Unbekannte antisemitische Parolen an die Fassade des Lokals.