Nauen - Was sich bisher immer nur als Vermutung durch den Prozess gegen eine mutmaßliche Neonazi-Bande um den NPD-Mann Maik Schneider zog, ist am dritten Verhandlungstag vor dem Landgericht Potsdam durch einen der Angeklagten bestätigt worden. Es gibt wohl Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen einzelne Angeklagte.

Zumindest Christian B., ein dicklicher 32-jähriger Mann, der im Verfahren zunächst den Hauptangeklagten Schneider und einen weiteren Mitangeklagten schwer belastet und später seine Aussage widerrufen hatte, gab das am Donnerstag zu. Er ließ durch seinen Anwalt erklären, er sei zuletzt nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen. Daher habe er sich vor Gericht immer mehr in Widersprüche verwickelt und seine belastende Aussage revidiert. Den Grund für dieses Verhalten nannte der gelernte Koch auch. Er habe nach dem ersten Verhandlungstag am 24. November, als er ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, einen Zettel an seinem Auto gefunden. Nur ein Wort stand nach seinen Angaben darauf: „Verräter“.

Aussage bei der Polizei

Den sechs Angeklagten, von denen Schneider und zwei weitere Beschuldigte seit März dieses Jahres in Untersuchungshaft sitzen, wird Bildung einer kriminellen Vereinigung, Sachbeschädigung und schwere Brandstiftung vorgeworfen. Sie sollen für eine Reihe von rechtsextremistisch motivierten Straftaten im havelländischen Nauen, darunter dem Brandanschlag auf eine Sporthalle im havelländischen Nauen im Sommer vergangenen Jahres, verantwortlich sein.

In die Halle sollten vorübergehend einhundert Flüchtlinge einziehen. Das Gebäude brannte in der Nacht zum 25. August 2015 bis auf die Grundmauern nieder. Der Sachschaden betrug dreieinhalb Millionen Euro. Bei der Festnahme der Verdächtigen hatte Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) von einer rechten Stadtguerilla in Nauen gesprochen.

Christian B. ließ seinen Verteidiger erklären, er habe sich nicht getraut, den Zettel an seinem Auto vor Gericht zu erwähnen. Nun sagt er wieder, anders als beim letzten Verhandlungstag, dass er schon bei der Polizei die Wahrheit gesagt und die Beamten ihm dort keine Antworten in den Mund gelegt hätten. Es stimme, dass man mit dem Brand in der Turnhalle ein Zeichen habe setzen wollen. Aber niemand sei auf die Idee gekommen, das Gebäude vollständig zu zerstören. Christian B. gibt zu, dass er beauftragt worden sei, am Tatabend Spähdienste zu übernehmen. Später, als die Halle lichterloh brannte, sei er entsetzt gewesen, dass das alles aus dem Ruder gelaufen sei.

Maik Schneider, der bei den Taten laut Anklage der Rädelsführer gewesen sein soll, schüttelte während der Verlesung der Erklärung immer wieder den Kopf. Später an diesem Tag nannte er die Aussage von Christian B. und zwei weiterer Angeklagter als „definitiv falsch“.

Verdacht auf Bedrohung

Schon mehrfach war in dem Verfahren der Verdacht aufgekommen, dass Mitangeklagte bedroht oder eingeschüchtert worden sein könnten. Sebastian F. war schon am ersten Verhandlungstag vom Gericht befragt worden, ob sein Wegzug aus Nauen in die Anonymität Berlins freiwillig gewesen oder ob er bedroht worden sei. Sebastian F. hatte die Frage des Gerichts erst nach längerem Zögern mit einem Nein beantwortet. Der Mann ist auf freiem Fuß, er hat nach eigenen Angaben zusammen mit Maik Schneider und Dennis W. unter anderem Autoreifen, Holzpaletten und Benzin zur Turnhalle gebracht. Durch sein Geständnis hatte er auch seine Mitangeklagten schwer belastet.

Und auch Christian B., der nun den Verräter-Zettel erwähnte, sprach an diesem Tag nicht das erste Mal von Angst. Er hatte bereits bei einer Vernehmung im März  seine Befürchtungen geäußert, Schneider könnte seine Leute aus der Haft mobilisieren.

In einer Kneipe verschanzt

Mehrere Zeugen auch aus der rechten Szene wurden am Donnerstag als Zeugen gehört. Ein 18-jähriger erzählte, dass man sich am Tag nach dem verheerenden Feuer in einer Kneipe in Nauen „verschanzt“ habe – aus Angst, Linke könnten das Lokal stürmen. Der Angeklagte Dennis W. habe damals Baseballschläger und Golfschläger mitgebracht, er selbst ein Messer und einen Schlagring dabei gehabt. Der junge Mann saß selbst kurz in Haft. Er hatte sich nach dem Brand der Turnhalle damit gebrüstet, die Tat begangen zu haben.

Dass der Prozess weitergeführt wird, war nicht von Anfang an klar. Zwei Befangenheitsanträge der Verteidiger von Schneider und Dennis W. gegen einen Schöffen und die drei Berufsrichter waren am Mittwoch abgelehnt worden. Eine offizielle Begründung gab es dazu nicht. Ein Verteidiger sprach am Rande des Verfahrens davon, dass die Anträge aus formalen und inhaltlichen Gründen verworfen worden seien. Er sehe darin einen Revisionsgrund. Maik Schneider war am ersten Verhandlungstag während seiner Aussage von einem Schöffen unterbrochen worden. Dieser hatte die Aussage als Quatsch kommentiert.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.