Die Angst hat ihn hergetrieben. Frank Michelchen ist auf Morgenrunde über die fast endlosen Weiden in der Nähe des Spreewalddörfchens Leibsch. Der Tag ist grau und nass. Regentropfen hängen schwer auf den sattgrünen Grashalmen. Am Rande der Weide schaltet Michelchen den Strom ab und steigt über den Elektrozaun.

Langsam geht er zu seinen Bio-Rindern und ruft: „Kommt ihr.“ Es klingt nicht wie eine Frage, sondern wie eine Bitte, und ein paar Kühe trotten gemächlich auf ihn zu. „Die mit der weißen Stirn wird wieder zuerst bei mir sein und sich streicheln lassen“, sagt Frank Michelchen. „Viele Kühe sind neugierig, trauen sich aber nicht ganz ran. Doch diese hat ihre Angst überwunden.“ Und tatsächlich: Die Kuh mit der Nr. 25518 auf der gelben Ohrmarke und der lustigen roten Locke auf der Stirn ist zuerst da. Michelchen streichelt die Kuh und sagt: „Du wirst mal eine richtig schöne alte Kuh, wenn du nicht krank wirst oder etwas anderes passiert.“

Dieser Herbsttag ist kalt und ungemütlich, doch es nützt nichts, Michelchen, 50 Jahre alt, muss raus zu den Tieren, muss schauen, ob es ihnen gut geht. 80 Rinder hat er, davon 50 Muttertiere, er produziert Fleisch, wie es die naturbewussten Großstädter heute lieben: beste Bio-Qualität von Tieren, die nicht in Ställen eingepfercht sind, sondern immer auf der Weide stehen. Die Weiden sind Michelchens Revier, und so soll es bleiben. Doch da ist jemand, der ihm die Vorherrschaft über das weite Grünland streitig macht: der Wolf.

Davon ist der studierte Agraringenieur überzeugt. „Ich hab bereits zwei Kälber an die Wölfe verloren, und mein schönes Bio-Fleisch ist viel zu wertvoll als Wolfsfutter.“

Klare Frontlinie in der Debatte

Der Wolf polarisiert, und die aktuelle Debatte darüber, ob die Ausbreitung dieses Raubtieres aufgehalten werden soll und wie, trägt die Züge eines Kulturkampfes. In dem Streit gibt es viel Schwarz und Weiß, und es geht auch um den Vorwurf der Lüge. Es zeigt sich sogar eine überraschende Parallele zur Flüchtlingsdebatte – und die hat nicht etwa damit zu tun, dass für Wölfe bereits Obergrenzen gefordert wurden, lange bevor der Ansturm von Flüchtlingen begann.

Beim Wolf gibt es klare Frontlinien: Die einen verdammen ihn als kreuzgefährlichen Räuber und wollen, dass er ab einer bestimmten Obergrenze geschossen werden darf, um ihn aufzuhalten. Der Wolf ist aber nicht irgendein Tier, sondern eine international streng geschützte Art. Und wer den Abschuss fordert, wird schon mal als potenzieller Tiermörder beschimpft.

Auf der anderen Seite sind jene Leute, die sich für den Wolf begeistern, für dieses starke, scheue Tier. Die wiederum werden auch mal als Öko-Pegida beschimpft.

Wenn Frank Michelchen zu seinen Tieren kommt, geht sein erster Blick immer zu den Kälbern. „Wenn eines auf der Seite liegt, weiß ich nicht, ob es noch schläft oder ob der Bauch aufgerissen ist“, sagt er. „Ich bin jedes Mal erleichtert, wenn das Kalb den Kopf hebt.“

Er erzählt, dass immer mal ein Kalb stirbt nach der Geburt. „Zwei zu verlieren, so wie bei mir, ist ärgerlich. Drei wären eine wirtschaftliche Katastrophe.“ Rein finanziell bedeutete ein totes Kalb 800 Euro Verlust, ihn stört aber vor allem der Verlust des Urvertrauens. Michelchen erzählt, dass er wirklich Angst hat. Noch vor drei Jahren war das anders. „Damals hieß es: Wölfe holen sich nur Schafe, aber doch keine Kälber.“ Inzwischen hätten auch andere Bauern Kälber verloren. „In Niedersachsen haben Wölfe im Rudel gejagt und sich eine große Kuh geholt, 300 Kilo schwer“, erzählt er und steigt wieder über den Zaun. Er schaltet den Strom an und sagt: „So macht Tierhaltung keinen Spaß mehr.“

220 Tiere in 46 Rudeln

Der Wolf wird gehasst und verklärt, und die Debatte ist recht überhitzt. In Niedersachsen, dem Land der Bauern, stieg der Wolf gar zu einem Thema im Wahlkampf auf – als Konkurrenten agierten die Wolfsversteher von den Grünen und die Bauernversteher von der CDU. Auch in Brandenburg wird derzeit heftig debattiert, denn die Regierung arbeitet an der neuen Wolfsverordnung, die festschreiben wird, wie mit dem Wolf künftig umgegangen werden soll.

Druck kommt von allen Seiten, denn Brandenburg ist das Bundesland mit den meisten Wölfen: 24 der bundesweit 46 offiziell anerkannten Rudel leben hier. Das sind etwa 220 Tiere, doch viele Gegner sprechen von Lüge und gehen von 400 aus.

Auch Frank Michelchen glaubt die offiziellen Zahlen nicht. „Die stimmen nie und nimmer. Für unsere Gegend wird von drei Rudeln geredet“, sagt er und präsentiert eine Landkarte mit vielen bunten Punkten, die zeigen, wo er und andere Bauern oder Jäger bislang Wölfe gesichtet haben. Nicht nur seine Weiden sind quasi umstellt. „Wir sind uns sicher, dass es nicht drei Rudel sind, sondern sechs.“ Er steigt in den Jeep und sagt, dass die Zahlen entscheidend seien, denn jeder einzelne Wolf fresse bis zu einer Tonne Fleisch pro Jahr.

Nun fährt er die Zäune ab und kontrolliert, ob Strom auf den Drähten ist. Elektrozäune hatte er immer schon, früher mit zwei Drähten, nun mit fünf. „Früher musste der Zaun nur ausbruchssicher sein, damit die Kühe nicht abhauen“, sagt Michelchen, ein robuster Typ mit kerniger Stimme. „Heute muss er einbruchssicher gegen Wölfe sein. Aber die graben sich auch unten durch oder springen drüber.“

Die Zäune kosten natürlich Geld. Michelchen hat nur eine kleine Weide so stark gesichert, mit etwa 1,5 Kilometer Zaun. „Allein diese Aufrüstung hat mich 1000 Euro zusätzlich gekostet, aber ich bräuchte zwölf Kilometer. Das ist nicht finanzierbar. Und die Förderung werde ich wohl nicht bekommen, weil wir kein Schwerpunkt des Rissgeschehens sind, wie es offiziell heißt.“

Wölfe kamen aus Polen

Der Wolf wurde einst verehrt. Als der Mensch noch ein Jäger war, galt dieses Raubtier als ebenbürtig und war auch das erste Tier, das der Mensch domestizierte. Doch der Wolf war auch ein Konkurrent um Nahrung, und da er sich nicht nur Rehe holte, sondern auch Schafe aus den Dörfern, wurde er ab dem Mittelalter als Schrecken der Wälder verteufelt. Spätestens seit Rotkäppchen gilt er auch als Menschenfresser. Also wurde der Wolf gezielt gejagt und schließlich in weiten Teilen West-Europas ausgerottet. Den letzten Wolf im heutigen Brandenburg erlegte ein Jäger 1904.

Später wanderten immer wieder Wölfe von Polen in die DDR. Sie wurden erschossen. Dann aber gehörte der Wolf zu den Nutznießern des Mauerfalls: Seit 1990 gilt der höchste Schutzstatus für ihn bundesweit. Ab dem Jahr 2000 kamen immer mehr Wölfe aus Polen und bildeten in Sachsen erste Rudel, ihre Jungen zogen dann nach Brandenburg, und so geht es immer weiter Richtung Westen und Norden.

Und je mehr Wölfe es werden, umso mehr wird über die Urängste debattiert, die sie bei einigen auslösen.

Frank Michelchen fährt zurück zum Dorf und zeigt auf die Wiesen kurz vor dem Ort. „Da hinten werden immer wieder Wölfe gesehen. Sobald ein Bauer oder Jäger einen Wolf sieht, geht in unserer WhatsApp-Gruppe der Alarm los.“ Er erzählt, dass die Gefahr im Herbst deutlich zunimmt. Im Sommer bleiben die Wolfseltern mit den Welpen in der Nähe der entlegenen Wolfsburg. Jetzt ziehen sie umher und bringen den Jungtieren das Jagen bei. Und je kälter es wird, umso weniger Futter finden die Wölfe im Wald. „Also kommen sie gern zu McDonald’s – also zu uns auf die Koppel, da ist der Tisch gedeckt“, sagt er. Das Problem sei, dass kein Kalb aus der Koppel fliehen könne und dass ein Wolf erst einmal alles töte, was sich bewegt, bevor er anfange zu fressen. „Sie töten also viel mehr, als sie fressen können.“

Die Wölfe sind auch nützlich 

Der Wolf ist geschützt – so ist es seit drei Jahrzehnten. Die Idee dahinter: In Zeiten, in denen immer mehr Arten aussterben – vor allem wegen der Umweltverbrechen des Menschen –, sollte jede Art, die überlebt hat oder gar zurückkehrt, gefeiert werden oder wenigstens nicht wieder ausgerottet. Naturschützer sagen: Nun solle bitteschön nicht auch noch die Natur durchkapitalisiert werden; nicht für jedes Tier soll nachgewiesen werden, ob es nützlich für den Menschen ist. Jede Art habe das Recht zu leben. Außerdem sei es bereits möglich, ein geschütztes Tier notfalls zu töten, wenn es zum Problemtier wird, also zur Gefahr für Menschen.

Zudem sei der Wolf nützlich: Rehe und Hirsche nähmen längst überhand, weil die Jäger es seit langem nicht mehr schaffen, die Populationen zu begrenzen. Das übernehme nun der Wolf und hole sich jene Tiere, die gern mal junge Wälder kahlfressen und damit den Lebensraum für Käfer, Vögel und Nager vernichten. Der König der Wälder sorge also für mehr Artenvielfalt.

Obwohl der illegale Abschuss eines streng geschützten Tieres eine Straftat ist, die mit bis zu fünf Jahren Haft und in Brandenburg mit bis zu 50.000 Euro Geldstrafe geahndet werden kann, werden immer wieder Wölfe geschossen. Es gilt die uralte 3-S-Regel: Schießen, Schaufeln, Schweigen. Es gibt auch andere Fälle. In Südbrandenburg erlegte jemand einen Wolf, schnitt ihm den Kopf ab und legte den Kadaver neben eine vielbefahrene Straße – provokativ unter das Schild mit der Aufschrift Naturschutzgebiet.

Es werden auch heimlich Biber erlegt oder kürzlich ein völlig harmloser Wisent, der mal kurz aus Polen über die Oder gekommen war. Kaum stand er auf Brandenburger Boden, ließ das Ordnungsamt ihn gesetzwidrig erschießen – weil er vielleicht hätte zur Gefahr werden können. Nun ermittelt das Landeskriminalamt.

Biobauer Michelchen besitzt kein Gewehr, er hält sich ans Gesetz und hofft auf den Staat. Aber er hat von vielen Bauern gehört, die einen Jagdschein machen wollen. Seine Tiere schützt er nicht nur mit der morgendlichen Kontrolle, sondern auch mit einer Abendrunde um die Koppel. Immer zwischen 22 und 24 Uhr kontrolliert er, ob die Elektrozäune funktionieren, leuchtet mit den Autoscheinwerfern in den Wald und mit einer extra starken Lampe, die 300 Meter weit reicht. „Und dann gucken dich vom Waldrand die gelben Augen an, dann machst du Lärm und hupst, bis die leuchtenden Augen verschwinden. Und dann hast du wieder eine unruhige Nacht.“

Angst als prioritäres Gefühl

Der Wolf wird dämonisiert, von einigen auch zum gesamtgesellschaftlichen Problem erklärt – und es zeigt sich eine Parallele zur Flüchtlingsdebatte. Das mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen, denn Menschen sind Menschen und Wölfe sind nun mal Tiere, aber in beiden Fällen geht es um die Ängste der anderen vor ihnen, also um die Bedrohungen, die sie erwarten.

Psychologen stufen die Angst als prioritäres Gefühl ein. Das heißt: Die Angst überdeckt alle anderen Gefühle wie Mitleid oder Freude. Und gerade wenn eine Gefahrensituation nicht konkret ist, sondern eher latent, helfen rationale Gegenargumente nur selten, denn die Betroffenen suchen automatisch nach jenem Beispiel, das ihre Sicht bestätigt. Deshalb hat in diesen Zeiten der Begriff des subjektiven Sicherheitsgefühls wieder Hochkonjunktur, egal, ob es um den Autoklau an der Grenze geht, um Kriminalität von Flüchtlingen, um die Zunahme von Messerstechereien in Großstädten – oder eben um Wölfe.

Frank Michelchen ist wieder auf seinem Hof, macht Kaffee und zündet sich eine Zigarette an. Er sagt, die Rückkehr der Wölfe sei durchaus eine tolle Geschichte, aber der Mensch habe nun mal viele Jahre sehr gut ohne sie gelebt. „Ich will die Wölfe auch nicht ausrotten“, sagt er und hebt die Hände. Mit ein paar Wölfen könne er gut leben, aber nicht mit so vielen. „Es ist ganz einfach: Dort, wo sie keinen Schaden anrichten, dürfen sie bleiben. Aber dort, wo sie sich einem Dorf oder einer Weide nähern, muss sofort geschossen werden, um sie abzuschrecken.“ Aber heute werde ja erst mal eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben. Er schüttelt den Kopf.

Michelchen vertritt die Position eines Betroffenen, noch dazu die eines verärgerten Betroffenen, der offiziell gar kein Betroffener ist. Denn eine Entschädigung wurde ihm nicht zuerkannt. Beim ersten Kalb kannte er das Prozedere noch nicht und hat den Verlust nicht gemeldet.
Seither sammelt er alles über Wölfe, liest Gesetze und legt Aktenordner an für den Schriftverkehr mit den Behörde, denn er ist auch der Wolfsbeauftragte des kleinen christlichen Bauernbundes, der die Debatte vorantreibt. Aus den Akten zieht er das Gutachten des Landeslabors für das zweite Kalb. Dort steht, dass das Tier nicht vom Wolf getötet wurde. „Mein Gegengutachten hat nichts gebracht“, sagt er.

"Es geht nicht ums Geld"

Er zündet sich noch eine Zigarette an und erklärt, warum die offizielle Sicht nicht stimmen kann. Wenn ein Gutachter des Landes schaut, ob ein Kalb vom Wolf gerissen wurde, lege er die Kriterien an, die beim Schaf gelten. „Aber ein Kalb ist kein Schaf“, sagt Michelchen. „Wölfe töten Kälber nicht mit einem Kehlbiss, wie sie es bei Schafen tut.“ Der Biss sei aber im Entschädigungsprotokoll wichtig. Geld gibt es auch nur, wenn es ein Wolf war, nicht bei einem wilden Hund.

So geht es weiter, er argumentiert ruhig, zeigt Fotos seiner angefressenen Kälber und sagt: „Es geht nicht ums Geld.“ Natürlich wolle er für jedes gerissene Tier entschädigt werden, viel lieber aber will er, dass gar kein Wolf in die Nähe seiner Tiere kommt. „Denn ich liebe meine Tiere, auch wenn ich einige schlachten muss. Und niemand entschädigt mich für die viele Mehrarbeit, die Wartung der Zäune, für die Kontrollfahrten, für schlaflose Nächte.“

Frank Michelchen steht auf, breitet die Arme aus. „Es ist schwer, euch Stadtmenschen die Sache zu erklären: Stell dir vor, jemand bricht in deine Wohnung ein, und du weißt ganz genau, dass der Staat den Täter nie verfolgen wird, dass er dir nur eine neue Tür bezahlt. Und du weißt auch, dass der Täter in vier Wochen wiederkommen wird.“ Er zündet sich noch eine Zigarette an und sagt: „Dann hast du Angst, denn du weißt, dass du bestenfalls wieder nur eine neue Tür bekommst.“

Die Leute dort oben auf dem „Feldherrenhügel“ sind nicht aus Angst mitten in dieses Wolfsrevier gekommen, sondern aus purer Neugier. Es ist ein anderer Herbsttag, und am Morgen lag schwerer Nebel über Südbrandenburg, die Sicht war mies, keine 50 Meter. Doch nun, da die 25 Naturpark-Ranger aus ganz Deutschland auf diesem kleinen Berg stehen, lichtet sich der Nebel und gibt den Blick frei über die Lieberoser Heide.

Auf diesem Hügel standen einst die Generäle und beobachteten in der baumlosen Heidelandschaft die Manöver der Soldaten des Ostblocks. Das ist bald 30 Jahre her. Die Gegend ist noch immer menschenleer, aber wieder ordentlich zugewuchert – und sie ist längst Wolfs Revier.

„Ich habe noch nie einen Wolf in freier Natur gesehen“, sagt Klaus Melde in schönstem Bayerisch. Der 51-Jährige arbeitet im Alpen-Nationalpark Berchtesgaden und erzählt, dass er und die anderen Ranger nach Brandenburg gereist sind, weil inzwischen in allen Bundesländern – außer im Saarland – Wölfe gesichtet wurden. „Wir wollen vorbereitet sein, wollen lernen, wollen die Leute zu Haus aufklären.“ Die Ranger sehen sich als Mittler zwischen Mensch und Natur. „Wir wollen keine Hysterie schüren, wir wollen uns an Fakten halten“, sagt der Bayer. Das sei entscheidend, denn die Angst sei auch schon in Bayern bei den Almbauern groß. „Und das ist nachvollziehbar.“

Politik muss aufklären

Der Wolf wird instrumentalisiert. Es geht nicht nur um Fakten oder um die Probleme der Betroffenen, sondern um Stimmungen und Stimmen, die man gewinnen kann. So ist es oft, wenn eine Sache in die Machtmaschine Politik gerät. In vielen Dörfern der Republik zünden Wolfsgegner seit Monaten auf den Weiden ihre Mahnfeuer an. In Niedersachsen brach die rot-grüne Regierung zusammen, weil eine Grüne zur CDU wechselte – auch deshalb, weil die Frau die Wolfspolitik des grünen Umweltministers für falsch hielt.

Viele Politiker haben die Ängste sehr lange ignoriert. Das war falsch. Andere sagen nun schnell: „Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen.“ Das klingt für die Betroffenen wie eine dieser üblichen beschwichtigenden Floskeln. Die Leute wollen, dass die Politiker nicht über sie, sondern mit ihnen reden. Sie wollen auch gar nicht, dass Politiker ihre Ängste ernst nehmen, sondern hoffen, dass die Politik ihnen die Angst vor dem bösen Wolf nimmt. Doch das kann die Politik gar nicht. Sie könnte allerdings aufklären, schnell, unbürokratisch und großzügig entschädigen und mehr Geld geben für bessere Zäune und Herdenschutzhunde. Oder sie muss eben festlegen: Feuer frei.

Die Debatte hat längst den Bund erreicht: Der Bundeslandwirtschaftsminister von der CSU fordert eine beschränkte Abschussfreigabe für den Wolf, um den Bestand zu regulieren – obwohl er weiß, dass er dafür erst die EU von der Aufweichung des strengen Schutzstatus’ überzeugen müsste. Die Noch-Umweltministerin von der SPD lehnt ab. Bald ist ihre Partei raus aus der Regierung. Doch wer kommt dann? Die Grünen?

Klaus Melde, der Ranger aus Bayern, steigt mit den anderen in die Jeeps, und dann geht es durch das wilde Gelände auf der Suche nach Wolfsspuren. Die Neulinge sollen lernen, wie man sie erkennt. Vorn fährt Nico Brunkow, der örtliche Ranger aus dem Schlaubetal. Er sucht und sucht, findet aber keine Spur.

Er will aufgeben, fährt aber doch noch eine weite Runde zum Rendezvous-Platz, wo sich die Wölfe oft treffen und die Jungen lernen, was sie wissen müssen. Tatsächlich: Da ist eine Spur im Sand. Brunkow steigt aus, erklärt genau, wie sich eine Wolfsspur von der eines wilden Hundes unterscheidet – Hunde hinterlassen eine breitere Fährte, Wölfe setzen die Hinterpfoten genau in die Spur der Vorderpfoten.
Nico Brunkow kniet am Boden, steckt in jeden Abdruck einen Mikadostab – und tatsächlich: Die Fährte ist schnurgerade. „Wird wohl ein Wolf gewesen sein. Aber als sicher gilt es erst, wenn wir noch eine Spur nachweisen.“

Es ist eine mühsame Arbeit. Die Neulinge aus den anderen Ländern vermessen jede Spur, fotografieren die Schrittlänge, messen den Abstand der Abdrücke, führen Protokoll. „Alles muss wissenschaftlichen Ansprüchen genügen“, sagt Brunkow. „Beim Wolf sind genügend Fake News unterwegs.“

Wolf frisst fast nur Wild

Der Wolf ist eine reale Gefahr, sagen die Wolfsgegner. Tierschützer entgegnen: Der Wolf ist viel zu scheu, nur junge, noch unerfahrene Wölfe auf Wanderschaft wagen sich auch mal in die Nähe von Menschen. Außerdem frisst der Wolf fast nur Wild, gerade mal ein Prozent seiner Nahrung seien Nutztiere. Ein weiteres Argument: Auf deutschen Straßen sterben jedes Jahr mehr als 3000 Leute, aber europaweit hat noch kein gesunder Wolf, der in freier Natur lebt, einen Menschen getötet. Der Mensch passe gar nicht ins Beuteschema und stinke nach Chemie. Bislang habe sich auch kein heimischer Wolf aggressiv einem Menschen genähert.

Die Gegner fragen nur: Muss es erst so weit kommen? Außerdem hätten Wölfe bundesweit bereits 3500 Nutztiere gerissen, zwei Drittel davon in Brandenburg und Sachsen. Wie viele sollen es noch werden? Und wie viel soll die ganze Liebe zum Wolf noch kosten?

Nico Brunkow, der Ranger aus Ostbrandenburg, ist 40 Jahre alt und in seiner Funktion bei der Naturwacht ständig unterwegs im Wolfsrevier. „Einen Wolf zu treffen, ist die absolute Ausnahme“, sagt er. „Aber es gibt Leute, die behaupten, dass sie ständig welche sehen.“ Er überlegt, wie oft er draußen ist. Etwa vier Tage pro Woche, macht in zwölf Jahren mehr als 2000 Tage. Fünf Mal hat er einen Wolf gesehen. Immer nur aus der Ferne. „So ist die Realität. Wir wollen keine heile Welt erfinden, aber auch keine Negativ-Sicht provozieren.“

Front gegen Wölfe wächst

Der Wolf sorgt dafür, dass sich Ärger entlädt, der sich auf dem Lande angestaut hat. Es geht nicht nur um den Wolf, er ist der Schlusspunkt, der bei vielen Kleinbauern für Existenzangst sorgt. Es geht darum, dass ihre Arbeit – das Produzieren von Lebensmitteln – gesellschaftlich nicht mehr anerkannt wird, dass die Billig-Discounter im Dumpingland Deutschland die Preise diktieren und Bauern für einen Liter Milch weniger bekommen, als Mineralwasser kostet. Es geht darum, dass Chinesen und deutsche Millionäre nun Ackerland als Kapitalanlage aufkaufen und die Bauern das Land nicht mehr bezahlen können. Und es geht darum, dass kaum jemand mehr in der Landwirtschaft arbeiten will. Und dann kommt auch noch der Wolf.

Bleibt die Frage, wer die Deutungshoheit gewinnt: Werden es die Naturschützer bleiben? Oder werden es die Unterstützer jener wenigen Tierhalter sein, die ihr Vieh noch auf der Weide halten und deren Angst natürlich begründet ist. Das ist offen. Aber die Front gegen den Wolf wird immer breiter: Bauern, Jäger, Schäfer, Politiker. Und ängstliche Eltern.

Bis Ende des Jahres soll die neue Wolfsverordnung in Brandenburg stehen. Und egal, wie die Regierung entscheidet, es wird sicher geklagt. Da es Neuerungen geben soll, wird wohl irgendwie am Schutzstatus geschraubt. Vorbild könnte Sachsen sein: Dort steht der Wolf bereits auf der Jagdliste, darf aber ganzjährig nicht geschossen werden – letzteres könnte schnell geändert werden. Das ist es, worauf die Wolfsgegner hoffen und was die Naturschützer befürchten.

Jedenfalls ist der Brandenburger Kulturkampf richtungweisend. Denn die Wolfsdebatte steht – obwohl sie bereits seit mehr als 15 Jahren läuft – noch ziemlich am Anfang. Noch ist der Wolf vor allem im Osten, in Brandenburg und Sachsen, verbreitet. Sobald er sich auch im Westen richtig etabliert, bekommt die Diskussion um den bösen Wolf eine ganz andere politische Dynamik.

Der Wolf als Legende

Der Wolf taugt natürlich bis heute als Märchenfigur. Derzeit kursiert die Geschichte von einem Wolf, der vor Monaten aus Sachsen-Anhalt ins westbrandenburgische Havelland kam, da Soldaten auf seinem sonst ruhigen Manöverplatz eine laute Schießübung absolvierten. Weil sich der Wolf bis in die Gärten am Ortsrand von Rathenow wagte, wurde er als Problemwolf eingestuft. Doch kaum war er zum Abschuss freigegeben, verschwand er wieder.

So weit stimmt die Geschichte. Es soll auch stimmen, dass er im Garten einer Kita gesehen wurde. Nun die Legende: Das Tier soll so dreist gewesen sein, am Bein eines Mädchens zu schnuppern – doch die Kleine soll es gar nicht bemerkt haben, weil sie angeblich die ganze Zeit auf ihr Handy starrte.