Zitz - „Ein krähender Hahn gehört zu einem Dorf wie eine quietschende Straßenbahn zu einer Stadt“, sagt Reno Nerling. Der 36-Jährige versteht die Welt nicht mehr so recht.

Nerling ist Hühnerzüchter in dem 300-Seelen-Dorf Zitz am äußersten Westzipfel von Brandenburg. 17 Mitglieder hat der örtliche Rassegeflügelzuchtverein nach seinen Worten. 146 Hähne gibt es in der gesamten Gemeinde Rosenau mit 900 Einwohnern, zu der Zitz gehört. Auf dem Hof seines Großvaters, der vor sieben Jahren starb, hat Reno Nerling die Geflügelzucht weitergeführt. Drei Hähne hat er jetzt. Tiere, die auch mal krähen. „So ist das auf dem Dorf“, sagt Nerling. Doch seit einiger Zeit will ein Nachbar des Hobbyzüchters Nerlings Hähnen den Schnabel verbieten lassen. Er fühlt sich durch den Lärm der Hähne belästigt und hat Reno Nerling deswegen verklagt.

Schalldicht wegschließen

Es ist der zweite Termin an diesem Montag am Amtsgericht in Brandenburg an der Havel. Nerling und sein Nachbar sind nicht gekommen, auch nicht ihre Anwälte. Dafür aber einige Journalisten, die über den skurrilen Nachbarschaftsstreit berichten wollen. Schon beim ersten Termin vor zwei Wochen hatte der klagende Nachbar, der 1994 aus dem Altbundesgebiet in das Haus seiner Eltern nach Zitz gezogen sein soll, von „unzumutbarem Hahnengeschrei“ gesprochen. Er will, dass die Hähne von 20 Uhr abends bis 8 Uhr morgens schalldicht weggeschlossen werden. An den Wochenenden soll zudem zwischen 12 und 15 Uhr Ruhe herrschen. In der übrigen Zeit, so ist es sein Wunsch, sollen höchsten zwei Hähne gleichzeitig im Freien herumlaufen dürfen. Bis zu acht Hähne soll Reno Nerling haben, der selbst nicht auf dem Hof seines Großvaters wohnt. Seit etwa fünf Jahren währt der Streit zwischen Nerling und seinem Nachbarn. Ein Versuch der Schiedsstelle, die Streithähne zu besänftigen, scheiterte 2012. Dabei sei er bereits auf seinen Nachbarn zugegangen, sagt der Züchter am Montag am Telefon. Nerling hat nach eigenen Worten bereits eine Rasse abgeschafft – die wesentlich lauter krähenden Antwerpener Bartzwerge. Jetzt, so sagt er, habe er nur noch Hähne der Zwergrasse Chabo.

Krähprotokoll verlangt

Nerling baute sogar eine Elektronik ein, damit sich die Hühnerklappen nicht vor acht Uhr morgens öffneten. So hat er es jedenfalls erzählt. Doch es half nichts, Nerling konnte sich mit seinem Nachbarn nicht einigen. Stattdessen lag Anfang des Jahres die Klage im Briefkasten. Die Akte des Nachbarschaftsstreits ist nicht sehr dick. Eine Liste der Hähne und ihrer Halter liegt ihr bei, darin ist zu lesen, dass manche Dorfbewohner sogar zehn Hähne auf ihrem Hof haben. Nerling sagt, er könne nicht noch einen Hahn abschaffen, dann würde sich die Zucht nicht mehr lohnen.

Ein Urteil spricht Richter Torsten Bönig an diesem zweiten Verhandlungstag nicht. Stattdessen verliest er einen Beschluss. Darin erklärt er, dass es für das Verfahren irrelevant sei, dass sich die Gemeindevertreter von Rosenau hinter den Züchter gestellt und die Nutztierhaltung für ortsüblich erklärt haben. In drei Wochen wird es wohl einen dritten Termin beim Gericht geben. Bis dahin muss Nerlings Nachbar ein Krähprotokoll vorlegen und nachweisen, „wann in den letzten Monaten sich wie viele Hähne“ in den Ruhezeiten frei auf Nerlings Grundstück bewegt haben. Bönig sieht aber auch zum jetzigen Zeitpunkt durchaus eine „wesentliche Beeinträchtigung“ für den Nachbarn durch das Krähen. Ende des Streits ist offen.