Potsdam - Für eine Gruppierung, die wenige Wochen zuvor noch als staatsfeindlich gegolten hatte, traten die Besucher in der Potsdamer Lindenstraße ziemlich energisch auf. „Neues Forum Potsdam, lassen Sie uns bitte ein!“ verlangten die Bürgerrechtler im Dezember 1989. Sie standen vor dem Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit und begehrten lautstark Zutritt – und tatsächlich wurde ihnen schließlich Eintritt gewährt.

Das Haus im Zentrum der Landeshauptstadt ist inzwischen eine Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewalt. Und der Mann, der maßgeblich zum Erhalt des Gebäudes als ein Erinnerungsort beigetragen hat, wird nun gewürdigt: An diesem Freitag läuft eine Videodokumentation über Rudolf Tschäpe – sie wird an die Außenmauern des früheren Nazi- und späteren Stasi-Gefängnisses projiziert.

Der Dokumentarfilm zeigt Interviews mit Freunden und Weggefährten des 2002 gestorbenen Bürgerrechtlers Rudolf Tschäpe, die sich wie Puzzleteile zu einem vielschichtigen Porträt dieses Mannes zusammenfügen.

Die Autoren der Dokumentation Carola Stabe und Stefan Roloff sagen, es gehe ihnen darum, einen Wegbereiter und Motor der Demokratiebewegung in der DDR aus der Vergessenheit zu holen. Roloff ist Maler und Videokünstler, aufgewachsen im Westteil Berlins. Stabe gehörte – zusammen mit Matthias Platzeck, dem heutigen Ministerpräsident des Landes Brandenburg – zu den Gründern der Potsdamer Umweltgruppe „Argus“ und beteiligte sich vor 22 Jahren an der Besetzung der Stasi-Bezirkszentrale. Gemeinsam ist ihnen und den Interviewten die Bewunderung für das, was Tschäpe geleistet hat.

Tschäpe – der „Ideen-Turbo“

Er sei „ein Ideen-Turbo“ gewesen, sagt der Maler Hendrik Grimmling in dem Film. Dem Astrophysiker Tschäpe gelang es bereits 1974 auf dem Potsdamer Telegraphenberg, wo er arbeitete, eine Ausstellung des von der SED verfemten Künstlers Wieland Förster zu organisieren.

Zehn Jahre später holte er Grimmling für ein Kunstprojekt in die Potsdamer Nikolaikirche, was nicht nur beim Staat, sondern auch bei der Kirche auf Vorbehalte stieß. Später, als die DDR in Agonie verfiel und dann viele ihrer Bürger begannen aufzubegehren, wurde Tschäpe für kurze Zeit zu einem öffentlichen politischen Menschen.

Die Filmemacherin Carola Stabe erinnert sich, wie Tschäpe im Jahr 1988 eines Tages vor ihr stand – auf der Suche nach Mitstreitern zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR. Ein ungeheuerliches Vorhaben.

Stabe sagt heute, sie habe ihn damals nicht verstanden und geglaubt, er sei verrückt geworden.

„Erst durch die Interviews jetzt habe ich erfahren: Er wollte es tatsächlich.“ Ob Zufall oder bewusste Entscheidung, Tschäpe stieg im Jahr darauf nicht bei der Ost-SPD ein, sondern half dabei, die Bürgerbewegung Neues Form zu gründen, gemeinsam mit den bekannten Vorkämpfern Bärbel Bohley und Jens Reich. Nach der Wende hob Tschäpe dann die Fördergemeinschaft Lindenstraße aus der Taufe, die sich vor allem darum kümmerte, dass das Gefängnis, das von den Gefangenen auch „Lindenhotel“ genannt wurde, als Gedenkstätte erhalten bleibt.

Diesen Ort des Gedenken an die Opfer der Diktatur sehen die Filmemacher und Künstler Stabe und Roloff allerdings noch heute in Gefahr: Durch das – wie sie es nennen – deutsche Bestreben, die Vergangenheit verdaulich zu gestalten. „In Deutschland wird immer alles hübsch gemacht“, sagt Roloff.

Beispielsweise wurden vor dem Konzentrationslager Dachau auch Blumenbeete anlegt. Und am früheren Stasi-Knast in Potsdam mit seinen 100 Zellen sollten die Gitter vor den Fenstern verschwinden – für die Videokünstler ein Unding.

Carola Stabe muss jedoch auch bekennen, dass sie selbst zur Zerstörung des Originalzustandes im Gefängnis in der Lindenstraße beigetragen hat. Die Stasi-Büros, in denen sie einige Monate gearbeitet hat, seien damals derart heruntergekommen gewesen, dass sie zur Selbsthilfe griff: „Ich habe ein paar Eimer Farbe genommen und alles weiß gestrichen.“ Nun soll der Film über den Bürgerrechtler Rudolf Tschäpe dem Geschehenen wieder Geltung verschaffen. Und das ehemalige Gefängnis sei der passende Ort für eine öffentliche Vorführung.