Der größte Schiffslift Deutschlands wird eröffnet – doppelt so teuer und zu spät

Das neue Schiffshebewerk in Niederfinow ist ein Bauwerk der Superlative, eine Touristenattraktion und Vorbild für den größten Lift der Welt.

Niederfinow: Das alte Schiffshebewerk (links) ist 88 Jahre alt, das neue wird am kommenden Dienstag eröffnet.
Niederfinow: Das alte Schiffshebewerk (links) ist 88 Jahre alt, das neue wird am kommenden Dienstag eröffnet.dpa/Patrick Pleul

Zukunft und Vergangenheit stehen direkt nebeneinander, und der Unterschied ist sofort zu erkennen. Es ist wie bei einem Schwarzweißfoto und einem Farbbild. Das eine sieht nach alten Zeiten aus, das andere nach hier und heute. So auch in Niederfinow, einer 609-Einwohner-Gemeinde im Nordosten Brandenburgs am Oder-Havel-Kanal. Dort steht das größte und teuerste Infrastrukturprojekt an einer deutschen Wasserstraße: das neue Schiffshebewerk. Und gleich daneben erhebt sich der alte Schiffslift, der vor 88 Jahre eröffnet wurde. Das neue Hebewerk soll am Dienstag eröffnet werden – mit acht Jahren Verspätung.

Die beiden Bauten passen gut zusammen: Der alte Lift ist das bundesweit allererste Objekt, das 2007 mit dem Titel „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet wurde. Der Neubau ist 53 Meter hoch und ein Bauwerk der Superlative, im positiven wie im negativen Sinne. Es ist das größte und modernste seiner Art in Deutschland. Die Technik ist auch das direkte Vorbild für den größten Schiffslift der Welt in China. Der ist doppelt so hoch und steht am Drei-Schluchten-Damm.

Negativ ist zu vermelden, dass der Neubau nicht nur acht Jahre zu spät fertig wurde, sondern auch 520 Millionen Euro kostete statt 300 Millionen. Wegen der Probleme wird das Projekt auch „BER des Schiffsverkehrs“ genannt.

Qualität statt Schnelligkeit

Die Zuständigen dürfen vor der Eröffnung am Dienstag keine Statements abgeben. Aber bei früheren Terminen vor Ort wurden folgende Gründe für die Verspätung genannt: Jedes Schiffshebewerk ist ein Unikum, es gibt quasi keine vorgefertigten Teile auf dem Markt. Dazu kam eine große Stahlkrise, die das Material deutlich verteuerte. Zudem hatte China den Markt leer gekauft. Auch andere Preise waren massiv gestiegen.

Der Neubau ist zwar aus Beton, aber überhaupt nicht klobig geraten.
Der Neubau ist zwar aus Beton, aber überhaupt nicht klobig geraten.Volkmar Otto

Beim Kauf von Spezialmaschinen ging nicht alles glatt. Einen Winter lang war es so kalt, dass die Arbeiten ruhen mussten. In der Pandemie kamen mit dem Zusammenbruch von Lieferketten viele wichtige Bauteile nicht rechtzeitig. Dazu der massive Fachkräftemangel in der Baubranche. Inzwischen fehlen nicht nur Ingenieure, sondern auch einfache Arbeiter. Vor Ort heißt es: Da das alte Hebewerk noch funktioniert, wurde lieber auf Sicherheit und Qualität gesetzt als auf Schnelligkeit.

Landschaftsprägende Bauten

Die beiden imposanten Bauten prägen diese Landschaft extrem. Sie sind groß, geradezu mächtig, aber trotz ihrer Ausmaße nicht plump. Dass sie gebaut wurden, hat einen einfachen Grund: die Landschaft. Der Finowkanal ist eine künstliche Wasserstraße, die ab 1609 gebaut wurde. Sie entwickelte sich zu einer Hauptlebensader des Berliner Handels. Im Jahr 1914 ging dann der heutige Oder-Havel-Kanal in Betrieb. Doch zwischen dem Ostseehafen Stettin und der Hauptstadt ist ein Problem: Ein Höhenzug versperrt den Schiffen den Weg. Früher kletterten die Schiffe über zwölf Schleusen den Hügel hinauf. Das dauerte viele Stunden. Dann wurde der erste Schiffslift gebaut – und die Fahrt dauert seither nur noch fünf Minuten.

Die Schaltzentrale des neuen Schiffshebewerks.
Die Schaltzentrale des neuen Schiffshebewerks.Volkmar Otto

Das Prinzip: Ein Schiff kommt voll beladen von der Ostsee, fährt unten in den riesigen, mit Wasser gefüllten Trog des Hebewerks hinein. Der Trog wird geschlossen und wie die Kabine eines Fahrstuhls 36 Meter in die Höhe gehoben. Oben öffnet sich der Trog, das Schiff fährt hinaus und dann auf dem Kanal weiter Richtung Berlin. Jedes Jahr werden etwa 1500 Frachtschiffe gehoben, 2500 Sportboote und 250 Fahrgastschiffe.

Dass es nun gleich zwei dieser imposanten Bauten gibt, hat ebenfalls Gründe: Das alte Hebewerk hätte bald schließen müssen. Deshalb war ein Ersatzneubau nötig. Denn dieser Kanal ist für Schiffe die einzige Hinterlandanbindung eines Ostseehafens an das Netz der Binnenwasserstraßen in ganz Westeuropa. Das ist immerhin 12.000 Kilometer lang.

Das alte Schiffshebewerk wird noch weitere fünf Jahre parallel betrieben – zur Sicherheit.
Das alte Schiffshebewerk wird noch weitere fünf Jahre parallel betrieben – zur Sicherheit.Volkmar Otto

Schon vor der großen Eröffnung feiern nun die beiden kleinen Anliegergemeinden Niederfinow und Liepe. Von Sonnabend bis Montag wird das neue Bauwerk jeweils ab Einbruch der Dunkelheit bis 22 Uhr mit wechselnden Farbkompositionen des Lichtkünstler Peter-Michael Metzler angestrahlt. Am 4. Oktober, dem Eröffnungstag, werden ab 10 Uhr 1000 Freikarten für Besichtigungen verteilt. Es gab bereits Hunderte Tests des Hebewerks, doch als erstes offizielles Schiff wird am Dienstagnachmittag der Eisbrecher „Frankfurt“ in die Höhe gehievt. Abends wird dann ein Feuerwerk in den Himmel geschossen. Am Mittwoch ab 6 Uhr steht der Lift dann für den normalen Schiffsverkehr breit.

150.000 Besucher im Jahr

Niederfinow wird mit dem zweiten Lift sicher noch mehr zum Tourismusmagneten. Schon das alte Hebewerk zog jedes Jahr 150.000 Besucher in die Nähe von Eberswalde. Nun können die Technikfans aus der gesamten Bundesrepublik nicht nur das Baudenkmal bewundern, sondern gleich zwei beeindruckende Ingenieurbauten.

Landschaft bei Niederfinow. Vom Schiffshebewerk kann weit über das Oderbruch geschaut werden.
Landschaft bei Niederfinow. Vom Schiffshebewerk kann weit über das Oderbruch geschaut werden.ZB/Paul Zinken

Es kommen aber auch Ausflügler, denen die Technik nicht so wichtig ist. Denn die hohen Bauwerke bieten einen phänomenalen Ausblick. Die Leute steigen hoch zur Aussichtsplattform, um über die Weiten des Odertals zu schauen. Bis nach Polen.

Sicher werden die einen den alten Bau schöner finden. Ein Wunderwerk aus Stahlstreben, für das doppelt so viel Stahl verbaut wurde wie am Pariser Eiffelturm. Andere werden den Neubau mehr mögen. Der ist zwar aus Beton, aber doch elegant. Und ganz sicher wird es einen Spitznamen geben, der sich auf die auffälligen Farben am Neubau bezieht. Dort sind einige große Elemente in Ikea-Gelb-Blau.