Die heute für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Versuchsanlage für Wernher von Brauns Flüssigkeitsraketen-Testmodell A2 im Kummersdorfer Wald auf dem Gelände der Heeresversuchsanstalt. Über dem Graben wurde das Triebwerk auf ein Gerüst gehängt und gezündet. Hinter der Wand mit den Löchern beobachteten die Konstrukteure den Test, Messschreiber zeichneten die Daten auf.
Foto: Archiv Maritta Tkalec

BerlinDas ist kein normaler Brandenburger Wald. Diese Bäume stehen nicht in Reih und Glied, es gibt junge und alte, locker verstreut stehen Kiefern, Birken, Büsche, Farne, Moos. Eine hellgraue Betonmauer verläuft anfangs entlang des grasbewachsenen Weges. Auf Warnschildern steht: „Lebensgefahr“. Munitionsreste, Bomben, alles Mögliche liegt hier im Boden.

Dann tauchen zwischen den Bäumen merkwürdige Bauten auf, seltsam geformte Betonstrukturen. Rätselhafte Ruinen in einem Urwald. Doch das ist nicht Angkor mit Tempeln und Würgefeigen, sondern ein seit 75 Jahren verlassener Testplatz. Er liegt 50 Kilometer südlich von Berlin, hier wurde im Geheimen Grundlagenforschung mit Flüssigtreibstoffraketen betrieben. Diese Arbeit führte zuerst zur Produktion der sogenannten Vergeltungswaffe V2, dann zur Mondrakete und  einem Arsenal von Interkontinentalraketen.

Von Dezember 1932 an trieb der 20 Jahre alte Raketeningenieur Wernher von Braun das Programm in Kummersdorf voran. Er nutzte die Versuche und Messungen, um seine Dissertation über Raketenantriebe zu erarbeiten und die Erkenntnisse sofort und an Ort und Stelle in reale Geräte umzusetzen. Neben seinen viel bestaunten technischen und organisatorischen Fähigkeiten besaß er die Skrupellosigkeit, sich in den Dienst der nationalsozialistischen Kriegsziele zu stellen. Ihm war zu jedem Zeitpunkt klar, dass die neuen Raketen statt auf dem Mond zu landen in London einschlagen würden. Erst 1967 startete die unter von Brauns Leitung entwickelte Saturn-Rakete mit der Apollo-Kapsel zum Mond.

Vom Kummersdorfer Wald führt also eine direkte Linie ins All. Und dem Ausgangspunkt der Raketen kann man auf Erden nicht näher kommen als an einem wuchtigen grau-schwarzen Bau aus Beton und Stahlstreben: die Versuchsstelle West – Prüfstand 2.

Es ist ein genau auf seinen Zweck hin konstruiertes Gebäude. Eine 60 Zentimeter dicke Mittelmauer teilt es in zwei Teile. Auf der einen Seite hängten die Konstrukteure das Triebwerk ihres 161 Zentimeter hohen Test-Aggregats A2 an einem Gerüst auf, die Düse genau über einer Öffnung im Boden platziert. Nach der Zündung schossen die Flammen dort hinein, trafen auf einen halbrunden Teiler, sodass die Strahlen durch einen Graben rechts und links der Öffnung hinausschießen konnten. Hinter der Betonwand beobachteten die Techniker durch sechs Zentimeter dicke Scheiben in Sehschlitzen, was da passierte. Messschreiber zeichneten die Ergebnisse auf. In einem Seitengelass experimentierten die Raketenbauer mit Treibstoffmischungen. 

Eine A3-Rakete auf dem Prüfstand IV in Kummersdorf am 29. November 1937 mit aufgesetzter Spitze und noch unverkleidetem Heck. Die vormontierte Rakete rollte auf einem eigens verlegten Gleis aufrecht zum Testplatz. Genauso wird es heute noch in Cape Canaveral gemacht. Die ersten dortigen Anlagen wurden von den Baumeistern aus Kummersdorf gebaut.
Foto: Raumfahrtarchiv Deutsches Museum

Fünfzig Meter tiefer im Wald steht die Vorläuferin der Raketenmontage- und Startanlage von Cape Canaveral. Die eine wie die andere errichteten dieselben Baumeister. Noch heute liegt das quadratische Fundament der Halle moosbewachsen im Waldboden. Hier wurde das nächstgrößere Aggregat A3, nun schon 6,74 Meter hoch, aufrecht stehend montiert. Auf einer Schmalspurbahn, deren Verlauf Eisenbolzen im Waldboden markieren, rollte die Rakete stehend zur Testrampe. Von dort führt ein Kabelgraben zu einem flachen Bunker, von dem aus der Versuch beobachtet werden konnte.

Christian Bergner, Luft und Raumfahrtingenieur und Mitglied des Fördervereins Museum Kummersdorf, hat sich die Anlagen in Cape Canaveral angeschaut und ihr Bauprinzip wiedererkannt. Aber Führungen zu den authentischen Schauplätzen in Brandenburg sind seit April 2019 verboten: „Kummersdorf ist international bekannt, Menschen aus vielen Ländern, ob in Japan oder in den USA, wissen um die Bedeutung als Ort, an dem die Wurzeln der Großraketentechnik und der Raumfahrt liegen“, sagt er. Es gebe viele Anfragen, aber leider blockiere das Land Brandenburg, größter Eigentümer des Geländes, mit Verweis auf die enorme Belastung durch Sprengkörper. Der Verein wiederum verweist darauf, dass jahrzehntelang benutzte Wege ausreichend Sicherheit böten. Alle Vorschläge und Konzepte des Vereins würden mit Nichtstun beantwortet, klagt Christian Bergner. Selbst der Wunsch Sigmund Jähns, des ersten Deutschen im All, der kurz vor seinem Tod noch das Testgelände besuchen wollte, wurde abgewiesen. „Das war schon sehr bitter“, erinnert sich Bergner.

Aber es geht nicht nur um Raketen: Hier liegen Zeugnisse von 170 Jahren deutscher Geschichte. 1874 ließ Kaiser Wilhelm I. im Kummersdorfer Forst einen Artillerieschießplatz errichten. 1884 entstand auf der östlichen, mehr als 13 Kilometer langen Schießbahn eine originalgetreue französische Festung, die die Kaiserlichen beschossen, um die Widerstandskraft der Mauern ebenso zu testen wie die Durchschlagskraft der Geschosse. In der Heeresversuchsanstalt probierten die Militärs bald alles aus, was der Krieg verlangt: Eisenbahnen, Schuhe, Gewehre, Funkgeräte, Gasmasken für Hunde, Panzer. Nahtlos ging der Betrieb von einem System ins andere über. Kaiserreich – Weimarer Republik – Nationalsozialismus. Etwas westlich von den Raketentestplätzen steht auch die Anlage, wo ab 1939 am Uranprojekt gearbeitet wurde. Die Existenz dieses Reaktors veranlasste die USA, das Manhattan-Projekt zur Entwicklung der ersten Atombombe zu starten.

Nach 1945 richtete sich die Rote Armee ein. Geschosskrater rund um die Raketenversuchsstationen zeugen davon, wie sie in der zweiten Aprilhälfte kämpfend einrückte: Es waren jene Soldaten, die kurz zuvor die fanatischen Deutschen in der Kesselschlacht von Halbe bezwungen hatten. Später bauten die Sowjets eine Wohnstadt für Soldaten und Offiziere sowie deren Familien mit Kaufhaus, Schule und allem Drum und Dran und platzierten den Flugplatz Sperenberg quer über die Schießbahnen. 

BLZ/Hecher, Quelle: Förderverein Museum Kummersdorf

Das 32 Quadratkilometer umfassende Gelände gehört heute zu den größten Flächendenkmalen Deutschlands. Alle Perioden der militärischen Nutzung hinterließen gefährliche Reste. Die Sprengkörperdichte liegt nach Expertenschätzung höher als im extrem belasteten Oranienburg. Aber anders als dort ruht auf dem Heeresversuchsgelände keine Serienmunition, mit deren Zündern sich die Sprengmeister auskennen, sondern Tausende Sorten Versuchsmunition aller Größen. Als erwogen wurde, den neuen Berliner Flughafen auf dem ehemaligen Sowjetflugplatz bei Sperenberg zu errichten, ergaben Berechnungen, dass alle Kampfmittelräumdienste Deutschlands mehrere Jahre beschäftigt wären, um Teilflächen zivil nutzbar zu machen.

Immer wieder denkt das Land daran, auf weniger gefährdeten Flächen Windräder aufzustellen. Aber wie steht es um den Denkmalschutz? „Unsicherer denn je“, sagt Christian Bergner. Von den 4000 Gebäuden auf dem Gelände sind nach Ansicht des Fördervereins die wenigsten erhaltenswert. Die Raketenteststände, einige der Gründerzeitkasernen aus Backstein, die Uran-Versuchsstelle und Teile der Schießbahnen gehören auf jeden Fall dazu. Finanzierungsprobleme sieht der Vereinsvertreter nicht: „Es gibt genügend Fördermittel und Sponsoren“, sagt er.

Überhaupt der Verein: Ob dem Land klar ist, welche Kompetenz und Begeisterung, welches Potenzial sich dort versammelt hat? Keine Militariafreaks, sondern Leute, die die Ambivalenz des Ortes erfassen und im Museum eben keine Wernher-von-Braun-Ehrenecke pflegen. Im Verein arbeiten Natur- und Schmetterlingsfreunde, Eisenbahnfans (seit 1875 lief die Königliche Preußische Eisenbahn von Berlin-Schöneberg nach Kummersdorf; die Gleise liegen noch), Raketenkenner, Spezialisten für die Sowjetzeit, Flugplatz- und Sprengmittelexperten.

Natürlich kommen auch in Tarnkluft gekleidete Leute ins Museum. Motorradfahrer mit Helmen im Design der Wehrmachtsstahlhelme donnern über die Landstraße und manchmal auch unerlaubt über die Sperenberger Start- und Landebahnen. Norbert Wagner, stellvertretender Vereinsvorsitzender und Elektroingenieur, sagt: „Auf dem Gelände ist ab Sonnenuntergang Hochbetrieb.“ Aber denen will man eben nicht die Deutungshoheit über den Ort und seine Geschichte überlassen. Leider dürfen die Vernünftigen aus dem historischen Bestand derzeit nicht das machen, was möglich wäre.

Foto: Modell des Schießstands im Museum/Maritta Tkalec
Das Museum

Wo? Förderverein Museum Kummersdorf, Konsumstraße 5, Kummersdorf Gut, ca. drei Kilometer südlich von Sperenberg, Amt Am Mellensee, Tel. 033703-77048

Wann? Museum und Büro sind sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Nähere Informationen auf der umfangreichen Webseite https://museum-kummersdorf.de/

Was? Die nächsten Höhepunkte: Führung Eisenbahnpioniere/Flugplatz Sperenberg, 11. Juli, 9.30 Uhr. Führung südliches Kasernengelände, 12. Juli, 9.30 Uhr, mehr im Internet, bitte anmelden.

Aber was, wenn Elon Musk, dessen nach den Kummersdorfer Prinzipien gebaute Flüssigkeitsrakete Falcon 9 kürzlich zur ISS flog, einen Abstecher vom Tesla-Werk Grünheide an die Wurzeln der Raketentechnik machen will? Muss er in der Dämmerung durch den Wald schleichen oder darf er auf sicheren Wegen gehen – von kundigen Leuten geführt?

Von Kummersdorf aus stieg nie eine der neuen Flüssigkeitsraketen in den Himmel, dafür war das Gelände zu klein und die Aufgabe zu geheim. Die A2 schoss von Braun Weihnachten 1934 von Borkum aus in den Himmel, die A3 nur zwei Jahre später von der Greifswalder Oie aus. Ab 1936 verlagerte man die Raketenforschung nach Peenemünde. Dort entstand die von den Nationalsozialisten erträumte „Vergeltungswaffe“ V2 (in der Entwicklungsserie A4 genannt), die London und Antwerpen verheerte. Von Braun, Mitglied der SS und der NSDAP, sah die Zwangsarbeiter in Peenemünde als notwendig an und wusste um die Umstände der V2-Montage im Buchenwald-Außenlager Mittelbau-Dora. In Kummersdorf betrieb eine Gruppe noch bis in die Kriegszeit hinein Grundlagenforschung für Raketentriebwerke, mehr als 150 Bauformen für Brennkammern wurden mit Rechenschiebern, Kurvenlinealen und Küchenwaagen entworfen und getestet.

Die Alliierten nahmen die Kummersdorfer und Peenemünder Raketentechniker nach dem Kriegsende als Beute, manche kamen in die Sowjetunion, manche nach Frankreich. Wernher von Braun, der wertvollste Fang, stieg zum Star des US-Raketenprogramms auf.