Brandenburg: Mein toter Kater, die AfD und ich

Unsere Autorin hat plötzlich die Landlust verloren. Und fragt sich: Hat sich Brandenburg verändert oder sie selbst?

Jimmy Kater
Jimmy KaterBerliner Zeitung/Anja Reich

Vor ein paar Tagen bin ich in Brandenburg vor einer Kuhherde geflohen. Es war Freitagabend. Mein Mann und ich wollten Pilze suchen. Unsere neue Leidenschaft. In diesem Herbst gibt es so viele Maronen und Steinpilze wie noch nie. Was wir nicht essen können, frieren wir ein oder legen es zum Trocknen aus. Der Winter soll hart werden. Wir bereiten uns vor sozusagen.

Es war schon spät. Wir gingen zur Senke neben dem Feld, Richtung Wald. Und dann sahen wir sie, die Kühe, genau dort, wo sich unsere Pilzstelle befand. Ich wollte gleich wieder umkehren. Ich habe ziemlichen Respekt vor Kühen, seit meine Tochter in einem kolumbianischen Krankenhaus ein Praktikum absolviert hat und mir von einer Schwangeren erzählte, die nach einem Kuhangriff notoperiert werden musste.

Die Kühe standen weit weg, drehten aber bereits interessiert die Köpfe nach uns. Mein Mann lief weiter,  entschlossen, über die Absperrung zu steigen, um unser Abendessen zu sichern. Die Absperrung bestand aus zwei dünnen Seilen.

Sind die auch wirklich elektrisch?, fragte ich.

Glaub ich nicht, sagte er.

Wir waren noch hundert Meter von der Pilzstelle entfernt, die Kühe kamen näher, erst langsam, dann schneller. Mein Mann blieb stehen. Plötzlich rief er: Komm! Und rannte los. Die Kühe rannten mit. Ich auch. Ich hatte Angst, gleichzeitig dachte ich, wie absurd es war: Wir rannten vor einer Kuhherde weg. In Brandenburg.

Ich habe in der Pandemie viel Zeit in Brandenburg verbracht. Ich habe es geliebt, in der Natur zu sein, wo man keine Masken tragen und keine Angst vor dem Virus haben muss, wo man Hochbeete anlegen und Tomaten ernten kann. Aber jetzt habe ich manchmal das Gefühl, es hat sich etwas verändert, die Natur, aber auch die Menschen. Es ist immer noch schön, aber je öfter mein Mann und ich uns das gegenseitig versichern, desto mehr zweifele ich daran.

Zwei atemlose Städter mit Messern in der Hand

Unser See hat so viel Wasser verloren, dass er eher an einen Teich erinnert. Beim Joggen steigen wir über ausgetrocknete Bäume. Im Dorf gehen Gerüchte über Einbrecher um. Bei der letzten Wahl haben 30 Prozent die AfD gewählt. Und in dunklen Stunden bin ich mir sicher, dass einer von diesen AfD-Wählern unseren Kater auf dem Gewissen hat.

Jimmy Kater, fünf Jahre alt, geboren in Reinickendorf, wurde vor ein paar Wochen auf der Dorfstraße überfahren. Auf einer 30er-Strecke. Er hat mit uns in Tel Aviv und Berlin gelebt, Krähen- und Raketenangriffe überlebt, aber nicht die Autofahrer in Brandenburg.

Es gibt Wochenenden, da bleibe ich lieber in der Stadt, aber auch Herbsttage auf dem Land, an denen ich sicher bin, mir alles nur einzubilden. Dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem See, den Bäumen, der AfD, dem Kater, den Kühen und uns.

Das Traben hinter uns wurde leiser, wir drehten uns um. Die Kühe standen an den Seilen und glotzten. Eine Frau kam aus ihrem Haus und sah uns verwundert an, zwei atemlose Städter mit Messern in der Hand.

Ich fragte sie, was mit den Kühen los sei. Die seien manchmal so, aber eigentlich lieb, sagte sie. Sie kämen oft zu ihr an den Zaun. Sie bat mich mitkommen. An der Absperrung streckte sie die Hand nach den Kühen aus und sprach mit ihnen. Fast so wie ich einst mit meinem Kater.

Eine Frau hat ihn auf der Straße gefunden, in eine Decke gewickelt und mitgenommen. Eine Brandenburgerin.