Potsdam - Das Ei hat schon lange seine Unschuld verloren: Jedenfalls sind jene Eier in Verruf geraten, die in Supermärkten verkauft werden. Sie stammen fast alle aus riesigen Ställen der Massentierhalter. Überfüllte Hühnerställe  sorgen immer wieder für erschreckende Bilder.

Dass es in der Bio-Branche auch nicht so gravierend anders aussieht – jedenfalls wenn es  um die Größe der Ställe geht – überrascht dann aber doch viele Verbraucher. Das Idealbild vom glücklichen Huhn, das  auf der Wiese eines kleinen Biohofes seine Eier legt, stimmt schon lange nicht mehr.

In Brandenburg sogar 90 Prozent

Wie der RBB am Montag meldete, lebt bundesweit jede zweite Bio-Legehenne in Großbetrieben mit mindestens 30000 Tieren, in Brandenburg sollen es sogar 90 Prozent der Tiere sein.

Diese Größenordnungen zeigen, dass die  Bio-Branche derzeit ein Opfer des eigenen Erfolgs ist, sagte Benjamin Raschke der Berliner Zeitung. Er ist in der Grünen-Landtagsfraktion Sprecher  für  ländliche Entwicklung, Umweltpolitik und Tierschutz.

Riesiger Bedarf an Bio

„An diesem Beispiel zeigen sich zwei Dinge: Erstens gibt es einen riesigen Bedarf an Bio-Lebensmitteln, der derzeit gar nicht vernünftig gedeckt werden kann. Und zweitens zeigt sich, dass dringend Regeln nötig sind, die der Staat festlegen muss.“ Raschke sagte dies zur  Mittagszeit, als er sich  gerade ein paar Eier machte. „Die stammen von der Nachbarin, da weiß ich Bescheid über die Herkunft.“

Die Grünen plädieren dafür, dass der Staat strenge Auflagen für die Ställe erlassen muss – egal ob für Hühner, Rinder oder Schweine. Schließlich zeige der Boom der Großställe auch bei  Bio-Betrieben, dass der Markt solche Dinge eben nicht allein regele. „Diese großen Bio-Hühnerställe gibt es doch nur, weil sie  erlaubt sind“, sagte Raschke.

Da sei  auch die Landesregierung gefragt, die dafür sorgen könne, dass etwa ein geplanter Großstall bei Oranienburg mit mehr als 42000 Bio-Legehennen nicht gebaut werden darf. Eine Bürgerinitiative kämpft seit Jahren dagegen, die Berliner Zeitung berichtete über den Protest bereits Anfang vergangenen Jahres.

Den guten Ruf nicht aufs Spiel setzen

Die Grünen fordern, dass das Land Alternativen zu solchen Großställen fördern sollte, wie zum Beispiel kleine „mobile Hühnerställe“ für etwa 400 Tiere. „Dafür sind aber in Brandenburg Baugenehmigungen nötig“, sagte Raschke. „Andere Bundesländer haben diese Regelung  bereits  abgeschafft.“ Aber die Landesregierung hofiere immer nur alles, was groß ist. „Wir und die Verbraucher haben einen hohen Anspruch an Bio, der immer weniger eingelöst wird“, sagte Raschke.

„Bio hat  zurecht einen guten Ruf. Den darf man nicht aufs Spiel  setzen. Das könnte  aber passieren, wenn weiter nur auf große  Betriebe gesetzt wird.“

Wie viele Hühner pro Quadratmeter?

Unter anderem stellt sich die Frage, ob die Verbraucher  überhaupt erkennen können, ob Eier von halbwegs glücklichen Hühner gelegt wurden?  Nein, sagte Luise Molling von der Verbrauchervereinigung Foodwatch  (Slogan: „Die Essenretter“). „Als Verbraucher können Sie nicht erkennen, wie es den Hühnern ergangen ist.“

Denn in den Vorschriften der EU für Bio-Ställe und in den Regeln der Bundesländer geht es vor allem um die logistischen Haltungsbedingungen für Bio-Betriebe. Also zum Beispiel darum, wie viele Hühner pro Quadratmeter stehen dürfen,  wie groß der Bio-Anteil im Futter sein soll, und wie oft Antibiotika gegeben werden darf.

Mehr tun für Tiergesundheit

„Es ist aber nicht vorgeschrieben, dass die Hühner, die dort leben, tatsächlich auch  gesund sein müssen“, sagte Luise Molling. „Das heißt, selbst wenn Sie das teuerste Ei kaufen – wie etwa von Demeter, die zu den Verbänden mit den höchsten Standards bei den Haltungsbedingungen gehören –, dann können Sie nicht mit Sicherheit sagen, ob das Ei von einem gesunden Tier stammt.“

Deshalb fordere Foodwatch klare gesetzliche Vorgaben, die auf die Gesundheit jedes einzelnen Tieres abzielen.  „Haltungsbedingte  Krankheiten und vermeidbare Schmerzen sind bei  allen Haltungsformen stark verbreitet“, sagte sie. „Da ist Bio auch nicht viel besser als die konventionelle Haltung. Deshalb fordern wir klare Vorgaben für Gesundheit aller Tiere.“ Dann sei die Größe der Ställe gar nicht so entscheidend. „Man kann Tiere auch in großen Ställen gut halten und in kleinen schlecht.“

Die derzeitige Lage hat sich auch daraus ergeben, weil hierzulande  die vergleichsweise strengen EU-Regeln für Bio-Hühner aufgeweicht wurden. Derzeit ist zwischen Branche und Tierschützern umstritten, wie groß ein Hühnerstall  sein darf.

Die 3000er-Frage

„Nach EU-Bio-Verordnung dürfen in Bio-Betrieben bis zu 3.000 Legehennen in einem Stall gehalten werden“, sagte Achim Wersin, Sprecher des Potsdam Agrarministeriums.  „Die EU hat 2014  schriftlich ausgeführt, dass sich mehrere Ställe mit je 3.000 Legehennen auch unter einem Dach befinden können.“ Die Ställe müssten aber baulich voneinander getrennt sein. Doch es sei nicht näher definiert, was damit gemeint ist. In Deutschland hat die Länderarbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau festgelegt, dass ein Betrieb auch aus mehreren 3.000er Einheiten bestehen kann. Dabei können die Tiere auch in zwei Etagen übereinander gehalten werden.

Kritiker bemängeln, dass die geforderte bauliche Trennung nicht etwa festlegt, dass die jeweils 3.000 Tiere in unterschiedlichen Häusern untergebracht sind. „Manchmal sind die Einheiten in einem Gebäude auch nur durch Holzwände getrennt“, sagte Luise Molling von Foodwatch. „So entstehen  schnell Betriebe mit 40.000 Tieren.“

Viele Tierschützer fordern, dass ein Bio-Hühnerbetrieb tatsächlich  nur 3.000 Tiere an einem Standort halten darf. Denn im Auslauf sorgen die Tiere dann auch noch für reichlich  Geruchsbelästigung.

Mehr Informationen
über Legehennenhaltung von Foodwatch finden Sie in dem Report Ich wollt', ich wär' kein Huhn