Guben - Guben. Erich Honecker trug ihn, man kennt den einstigen DDR-Partei- und Staatschef gar nicht ohne. Und auch die Blues Brothers waren nur echt mit ihm – dem Filzhut aus Guben. Der Hutmachermeister Carl Gottlob Wilke erfand die wasserabweisende Kopfbedeckung 1822. Der Hut machte die Neißestadt im Osten Brandenburgs weltbekannt.

Heidemarie Höhne hat bis zum letzten Tag in den Hutwerken gearbeitet, in der Verwaltung. Vor 15 Jahren stellte das Unternehmen die Produktion ein. Doch Heidemarie Höhne ging nicht zum Arbeitsamt oder zog der Arbeit hinterher, wie so viele aus der einstigen Wilhelm-Pieck-Stadt: Stattdessen machte sie sich mit ihrer Kollegin, der Hutmacherin Petra Kubec, selbstständig. Heute ist die Firma Gubhut das einzige Unternehmen im Spree-Neiße-Kreis, das Hüte herstellt.

Fragt man die 63-Jährige, warum sie geblieben ist, muss sie nicht lange nachdenken. „Ich bin Ur-Gubenerin, meine Wurzeln sind hier“, erzählt sie. Die Stadt habe ihren Reiz. Sie liege in einer schönen Landschaft, habe ein schönes Zentrum. „Warum soll ich weg?“, fragt sie. Sicher, ein paar mehr Geschäfte wären schön und ein paar schnuckelige Gaststätten. „Und ein Kino“, sagt sie. Das einstige Filmtheater gibt es noch, es steht sogar unter Denkmalschutz. Aber Filme werden dort schon lange nicht mehr gezeigt. Will Heidemarie Höhne ins Kino, muss sie 30 Kilometer bis Eisenhüttenstadt oder 45 Kilometer bis Cottbus fahren.

Auch Carola Huhold ist geblieben. Obwohl sie Tag für Tag mit der schrumpfenden Stadt zu tun hat, den demografischen Wandel hautnah erlebt. Carola Huhold ist in der Verwaltung als Fachbereichsleiterin für die Stadtentwicklung zuständig. Guben schrumpft so stark wie keine andere Stadt in Brandenburg.

„Wir stehen vor einer großen Herausforderung“

Die Verwaltung ist in die einstigen Hutfabrik gezogen, dort hat auch die Stadtplanerin ihr Büro. Die Eckdaten hat sie sofort parat. „Mitte der 1980er-Jahre lebten in Guben 38 000 Einwohner“, erzählt sie. Allein im Chemiefaserwerk fanden 7 500 Frauen und Männer Arbeit. Wohngebiete wurden aus dem Boden gestampft, Plattenbauten, die als komfortabel und begehrt galten.

Dann kam die Wende, die Industriebetriebe wurden zerschlagen. Die Arbeitsplätze verschwanden. „Die Arbeitsämter zahlten Kopfprämien, damit die Leute dorthin zogen, wo Facharbeiter gebraucht wurden. Das fällt uns heute auf die Füße“, sagt Carola Huhold. Die Plattenbauten leerten sich. Heute steht in manchen Wohngebieten jede zweite Wohnung leer.

Gerade einmal 17.500 Menschen leben noch in der Grenzstadt. Bis 2030 wird es noch einmal ein Drittel weniger sein, so die Prognosen. Zum Wegzug kommt die Alterung. Kamen zu DDR-Zeiten jährlich 600 Gubener zur Welt, so sind es heute 85. Zur gleichen Zeit starben 280 Bewohner. „Wir stehen vor einer großen Herausforderung“, sagt Carola Huhold. 2 400 Wohnungen wurden in den vergangenen zwölf Jahren abgerissen. „Der Rückbau erfolgt von außen nach innen“, erläutert die Stadtplanerin. „Wir reißen nicht ganze Komplexe auf einmal ab, schon um bestehende Strukturen nicht zu zerstören.“ Freiwerdende Quartiere aber werden nicht mehr vermietet.

8,2 Millionen Euro Fördergeld hat Guben nach Angaben des brandenburgischen Infrastrukturministeriums allein aus dem Programm Stadtumbau Ost für den Rückbau erhalten, weitere neun Millionen Euro, um die Innenstadt aufzuwerten. Aus anderen Fördertöpfen flossen weitere Millionen. Die Stadt gehört zu den 34 märkischen „Stadtumbaustädten“, denen Wegzüge und demografischer Wandel einen hohen Anteil an leerstehenden Wohnungen bescherte.

Zwar konnte der Leerstand in diesen Berlin-fernen Orten auf durchschnittlich neun Prozent reduziert werden. Doch laut Infrastrukturministerium schrumpft die Bevölkerungszahl in der Peripherie in den nächsten 15 Jahren um weitere 18 Prozent. Bis 2020 wird es weitere 20 000 Wohnungen geben, die nicht mehr benötigt werden. Ziel sei es, sagt Sprecher Steffen Streu, die Innenstädte schön zu machen und damit die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich die Menschen dort wohlfühlen. Auch Verkehrsanbindungen gehörten dazu.

Auf der anderen Seite des Flusses sieht die Welt anders aus

Gubens Innenstadt ist in den vergangenen Jahren tatsächlich hübsch geworden. Viele Häuser sind saniert. Die einstige Hutfabrik hat sich ins Ensemble eingepasst. Das Torhaus, einziges Überbleibsel der früheren Villa der Hutfabrikantenfamilie Wilke mitten in der Altstadt, hat nach Jahren einen Investor gefunden. Im Erdgeschoss soll ein Restaurant entstehen, im Obergeschoss Büros. „Es sind kleine Schritte“, sagt Carola Huhold.

Was Guben aber vor allem fehlt, sind junge Leute, ist der Anreiz, dass sie bleiben. Im polnischen Gubin, auf der anderen Seite des Flusses, ist das anders. Wer die Neiße überschreitet, und das ist Alltag zwischen den einst zusammengehörenden Städten, trifft auf verschiedene Welten. In Guben gehen meist ältere Leute spazieren, in Gubin sind die Spielplätze voll. „Vor allem bei schönem Wetter ist dieser Unterschied ganz deutlich zu spüren“, sagt Carola Huhold.