Eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Fanmeile am Brandenburger Tor, ohne die Hunderttausenden, ausgelassen feiernden Fans? Das ist kaum vorstellbar. Doch derzeit deutet nichts darauf hin, dass der Senat gemeinsam mit dem Bezirk Mitte die Sicherheitsprobleme rechtzeitig lösen wird. Die Fanmeile steht auf der Kippe. „Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem die Veranstaltungen zu groß sind, um sie ohne einen sicheren und fest installierten Außenzaun zu genehmigen“, sagt Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) der Berliner Zeitung.

Krisengespräche seit 2013

Doch gerade um diesen 2,40 Meter hohen Sicherheitszaun streitet sich der Bezirk seit Anfang 2013 mit Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Der lehnt eine feste Umzäunung des östlichen Teils des Großen Tiergartens ab und hatte deshalb auch die Planungen für den Ausbau der Festmeile im vergangenen Jahr neun Monate lang auf Eis gelegt. Mehrere Krisengespräche seit letztem Sommer brachten kaum Fortschritte. Mittlerweile ist so viel Zeit vergangen, dass der 4,2 Kilometer lange Sicherheitszaun bis zur WM nicht mehr komplett installiert werden kann.

Angesichts der Loveparade-Katastrophe 2010 in Duisburg mit 21 Toten lehnt Spallek es deshalb ab, weiter allein die Verantwortung zu übernehmen. „Wir werden nicht mehr den Prellbock für andere spielen. Wir konzentrieren uns jetzt auf unsere Kernaufgaben.“ Das heißt: Der Bezirk gibt nur wie andere Behörden Stellungnahmen ab. Denn für Großveranstaltungen wie Fanmeile oder Silvesterparty ist wegen der Straßensperrung die Verkehrslenkung Berlin bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Genehmigungsbehörde. Bislang hatte der Bezirk stellvertretend für den Senat die Großveranstaltungen betreut und koordiniert – immer abgestimmt mit Senatskanzlei und Sicherheitsbehörden.

Ein Bauzaun ist für Besucher nicht sicher

Doch warum geht Spallek jetzt auf Konfrontationskurs? Wohl deshalb, weil Verabredungen, die bei einem Krisentreffen Ende Februar getroffen wurden, nicht eingehalten werden. Bei dem dreistündigen Gespräch hatten Innenstaatssekretär Bernd Krömer sowie der Polizeipräsident und der Landesbranddirektor wie schon mehrfach zuvor unmissverständlich erklärt, dass ein sicherer, im Boden verankerter Außenzaun unabdingbar sei, weil der bisher verwendete Bauzaun den Sicherheitsanforderungen nicht genüge.

Bekannt wurde dabei, dass während der Silvesterparty Besucher einen Bauzaun an einem Fluchtweg umgestoßen haben. Bei einer Panik hätten sich Menschen in den Gittern verfangen können und wären totgetreten worden. Gutachter bescheinigen den Veranstaltungen am Brandenburger Tor, „materiell und personell an der Grenze zu sein“. Bei der Silvesterparty waren 720 Polizisten im Einsatz sowie sämtliche zertifizierten Sicherheitsdienste aus Berlin und Brandenburg. „Mehr geht nicht“, sagen Sicherheitsleute.

Bei dem Treffen wurde auch besprochen, dass der 3,5 Millionen Euro teure Zaun als Teilprojekt vorgezogen und aus dem Gesamtpaket zum 48 Millionen Euro teuren Ausbau der Partystrecke herausgelöst werden soll. Geprüft werden sollten binnen 14 Tagen Kompromissvarianten, um den Streit beizulegen. So könnte etwa im Bereich des Schlosses Bellevue ein mobiles Zaunsystem mit 70 Zentimeter tiefen Bodenhülsen zum Einsatz kommen. Etwa 80 Prozent des Zaunes sollen fest installiert werden. Jetzt heißt es intern, dass die Prüfung erst Ende April abgeschlossen sei. „Da wird nichts vorgezogen im Senat“, sagt Spallek.

"Der Tiergarten soll kein Hochsicherheitstrakt werden"

Senatssprecher Richard Meng und Müllers Sprecherin Daniela Augenstein betonen, dass derzeit Gespräche geführt werden. „Ein fester Zaun um den Tiergarten ist hochumstritten. Die Frage ist, kriegen wir Sicherheit mit einem etwas stabileren Zaun als dem Bauzaun hin“, sagt Meng. Das müssten jetzt die Experten beantworten. Allerdings sei man noch nicht soweit, dass Lösungen vorliegen. Klar sei aber auch: „Den Tiergarten wollen wir nicht zu einem Hochsicherheitstrakt machen.“

Daniela Augenstein kann nicht nachvollziehen, dass sich der Bezirk jetzt der Verantwortung entziehen will. „Es werden verschiedene Varianten zum Zaun auch vom Bezirk geprüft. Wir wollen eine Fanmeile.“ Wenn die Prüfungen abgeschlossen sind, werden Wege und Lösungen formuliert, dann setze man sich wieder zusammen. Einen Termin nannte sie nicht.

Senatssprecher Meng bekräftigt, dass es in diesem Jahr Großveranstaltungen am Brandenburger Tor gibt. Gefährdet der Zaunstreit die Fanmeile? „Hoffentlich nicht“, sagt Meng. Ein klares Nein ist das nicht.