Den Musikern macht die Arbeit im Homeoffice sichtbar Spaß.
Foto: Volkmar Otto/Polizei

PotsdamBolero von Maurice Ravel schallt durch die Dachgeschosswohnung in Steglitz. In wohlgeformten Tönen, gespielt auf einer Querflöte. Ulrike Ebenfeld steht mit ihrem Instrument im Wohnzimmer vor der geöffneten Balkontür. Sie trägt eine Uniform der Brandenburger Polizei. Nur dass auf ihren Schulterklappen keine Sterne leuchten, sondern eine silberfarbene Harfe zu sehen ist. Die 50-Jährige ist beim Landespolizeiorchester Brandenburg angestellt.

Auf dem Notenständer steht auch ihr Smartphone. Darauf läuft ein Video, auf dem ihr Kollege Paul Wagner zu sehen und mit Trommelschlägen zu hören ist. Bolero geht nur mit Trommel. Ulrike Ebenfeld muss bei diesem Mini-Konzert, das von ihrem Orchesterleiter Christian Köhler aufgenommen wird, ihren Einsatz richtig treffen. Sie unterbricht ihr Spiel. „Das machen wir noch mal“, sagt sie.

Das Landespolizeiorchester geht in Zeiten von Corona neue Wege, die in die Wohnzimmer seiner Musiker führen. Mehr als 250 Auftritte absolviert das Orchester jedes Jahr – zu Landesempfängen, als normales Berufsorchester und bei Präventionsveranstaltungen in Schulen sowie Seniorenheimen. Da Berlin seit 2004 kein Polizeiorchester mehr hat, sind die Musiker auch in der Hauptstadt unterwegs.

Mehr als 20.000 Klicks

Nun aber ist alles anders. Seit dreieinhalb Wochen bleibt der Tourenbus in Potsdam-Eiche, wo das Polizeiorchester normalerweise übt. Zusammen auftreten oder auch proben ist für die 45 Musiker nicht mehr möglich. In der Corona-Krise sind sie, so heißt es offiziell, in der „Arbeitsortflexibilisierung“ – im Homeoffice. Gespielt wird jetzt mit Abstand.

Köhler schickte seine Musiker – drei Frauen und 42 Männer – Mitte März mit Noten zum Üben nach Hause. Wie Schüler, deren Lehrer Hausaufgaben mitgaben. Dann sandte ihm sein Schlagzeuger Paul Wagner ein selbst aufgenommenes Musikvideo aus seinem Wohnzimmer. „Das fand ich klasse, ich habe ihm gesagt, er soll sich seine Uniform anziehen und das ganze noch einmal spielen und aufnehmen“, erinnert sich der 40-jährige Dirigent.

Mit dem Clip ging Köhler zum Social-Media-Team der Polizei. So entstanden die Wohnzimmerkonzerte, die nun auf Twitter und Youtube veröffentlich werden. Einige der Kurzfilme bringen es mittlerweile auf mehr als 20.000 Klicks.

„Ich finde es gut, wenn man als Orchester nicht einfach so abtaucht“, sagt Musiker-Chef Christian Köhler. Auch, weil die Kollegen im Gegensatz zu den vielen freischaffenden Musikern das Privileg hätten, als Angestellte der Polizei weiter bezahlt zu werden. Dafür gebe es Musik für alle.

Stargeiger Daniel Hope wurde aufmerksam

Zweimal die Woche werden die Konzerte in den Wohnungen der Polizei-Musiker aufgenommen. Von ernsten Stücken, über eigene Kompositionen bis hin zu lustigen Variationen. So entstand der mitreißend gespielte „Baby Elephant Walk“ eines Klarinette spielenden Paares ebenso wie die Jazzvariation der Brandenburg-Hymne „Märkische Heide“, aufgenommen von einem Saxofonisten, oder der märchenhafte Song „Over the Rainbow“, den die Bassposaunistin einspielte.

Auf den „Baby Elephant Walk“ sei laut Köhler sogar das Team von Stargeiger Daniel Hope aufmerksam geworden, der das Video in einem seiner eigenen aufgezeichneten Homekonzerte verwenden wollte.

Die Ideen für die einzelnen Clips kämen von den Musikern selbst, sagt der Orchesterleiter. Mindestens zwei Drittel der Kollegen mache mittlerweile mit bei den Konzerten. Freiwillig, wie der Dirigent betont. Denn jedem von ihnen sei bewusst, dass man die veröffentlichten Videos nicht mehr so einfach wegbekomme aus dem Netz.

Ulrike Ebenfeld war bis zum Jahr 2004 im Berliner Polizeiorchester. Als es aufgelöst wurde, bewarb sie sich in Potsdam und spielt seitdem für die Brandenburger Polizei. Sie habe sich schon überwinden müssen, bei den Kurzkonzerten mitzumachen, gibt sie zu. Immerhin stehe man dabei im Mittelpunkt – anders als bei Auftritten mit einem großen Orchester. Und sie sei schon ein wenig schüchtern und zudem eine Perfektionistin, fügt sie lächelnd hinzu. Deswegen wird „Bolero“ so oft wiederholt, bis jeder Ton sitzt.

Die rennende Kontrabassistin

Das Landespolizeiorchester wolle mit den Mini-Konzerten den Menschen im Land etwas Positives vermitteln, sagt Orchesterleiter Köhler. Es wolle Freude machen, die Leute ein paar Minuten wegführen von den vielen furchtbaren Nachrichten, die durch die Coronavirus-Pandemie auf die Menschen einströmen.

Christian Köhler hofft, dass seine Musiker bald wieder zusammen proben und auf Tournee durch Brandenburg gehen können. „Wer in einem Orchester ist, der will mit anderen gemeinsam musizieren und nicht alleine spielen“, sagt er.

Acht Kurzkonzerte hat der Orchesterleiter bereits im „Kasten“. Ravels „Bolero“ wird der nächste Clip sein, in dem die flötespielende Ulrike Ebenfeld, der Schlagzeuger Paul Wagner und auch noch ein Klarinettist zu seinen sein werden. Die Videos der Musiker werden zu einem Konzert zusammengeschnitten. Demnächst, so verrät Christian Köhler, werde es ein Video einer „rennenden Kontrabassistin“ geben. Mehr verrät er nicht. Der Vorfreude zuliebe.