Die Schlesische Straße ist in Höhe der Cuvrystraße in Kreuzberg an diesem Freitagmittag mit Absperrgittern abgeriegelt. Weder Fußgänger noch Fahrzeuge kommen an dieser wichtigen Verkehrsader von Kreuzberg nach Treptow hindurch. Polizisten stehen hinter den Gittern, dahinter umgibt Flatterband die sogenannte Cuvry-Brache, eines der letzten unbebauten Grundstücke mit bester Lage an der Spree. Die wackligen Bretterbuden hinter dem Bauzaun sind menschenleer. Ihre Bewohner stehen hinter den Absperrgittern. Einer nach dem anderen wird von Polizisten flankiert auf das Gelände geleitet, um seine Habe zu holen: Schlafsäcke, Gitarren, Taschen, Hundewelpen. Einer trägt zwei Paddel hinaus.

Es ist der Tag nach dem Großbrand auf dem besetzten Gelände, auf dem Flüchtlinge, Roma-Familien und Obdachlose vor zwei Jahren ein Hüttendorf errichtet haben. Ohne Toiletten, ohne fließendes Wasser. Am Donnerstagabend soll es dort Streit gegeben haben, bei dem eine Holzbude in Brand gesteckt worden sein soll.

„Drei Hütten, in denen Westafrikaner lebten, wurden durch das Feuer zerstört“, sagt Polizeisprecherin Kerstin Ziesmer. Zwei Männer wurden leicht verletzt, fünf Tatverdächtige festgenommen. Die 21 bis 45 Jahre alten Beschuldigten stammen aus Polen und Estland. Gegen sie wurde zuerst wegen eines versuchten Tötungsdelikts ermittelt. „Der Verdacht hat sich nicht bestätigt. Wir gehen nun von schwerer Brandstiftung aus“, so Ziesmer. Drei der Männer wurden bis zum Abend wieder wieder entlassen, die verbliebenen sollen einem Haftrichter vorgeführt werden.

Bis in den Vormittag sicherten Kriminaltechniker Spuren am Tatort. Eine Drohne lieferte Luftbilder von dem rund 12.000 Quadratmeter großen Areal. Zu dieser Zeit hatten bereits alle Bewohner das Gelände verlassen. „Kurz nach 11 Uhr haben wir das Grundstück an den Eigentümer übergeben“, sagt Ziesmer.

Cuvry-Brache wird geräumt

Vertreter der Eigentümergesellschaft um den Münchener Investor Artur Süsskind hatten einen Sicherheitsdienst engagiert, dessen Mitarbeiter kurz darauf begannen, die beiden Zugänge zum Hüttendorf mit einem Gitterzaun abzusperren, eine Polizeihundertschaft blieb zur Unterstützung vor Ort. In den kommenden Tagen erwägen die Eigentümer offenbar, die Hütten vom Gelände entfernen zu lassen. Gegenüber der Berliner Zeitung wollten sich die Eigentümer nicht äußern.

Unklar ist, wie viele Menschen in den slumartigen Verschlägen gehaust haben. Die Polizei spricht von mindesten 100 Personen.

Genau weiß das auch Jörg Flähmig nicht. Flähmig ist Büroleiter der Kreuzberger Grünen-Bürgermeisterin Monika Herrmann, er ist seit dem Morgen an der Cuvry-Brache. Flähmig sagt, dass die Bewohner keinerlei Verträge mit dem Eigentümer oder Wohnrechte gehabt hätten. Nun also auf der Straße ständen. Deswegen hat er Zettel dabei, die er verteilt. Darauf sind die Anlaufstellen für „Wohnungsnotfälle“ aufgelistet. „Die können die Betroffenen aber erst ab Montag wieder aufsuchen. Bis dahin bleiben ihnen nur die Notunterkünfte“, erklärt Flähmig.

Was nun mit dem Grundstück geschieht, um das seit Jahren gestritten wird, kann er nicht sagen. „Der Bezirk hat mit diesem Areal eigentlich nichts zu tun, das ist ein Privatgrundstück“, sagt er. Für den Bebauungsplan sei die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zuständig.

Aus Polizeikreisen verlautet, dass die Eigentümer des Geländes schon vor Monaten einen Antrag auf Räumung bei der Polizei gestellt haben. Die Behörde habe wegen der Flüchtlingsproblematik davon abgeraten und auch, weil in Kreuzberg dann mit Krawallen zu rechnen sei.

Artur Süsskind hatte das Grundstück an der Spree im Jahr 2011 vom Land Berlin gekauft. Er plant auf dem Gelände eine Wohnanlage und Einzelhandel. Die Baugenehmigung dafür hat er bereits.

Erst am Nachmittag hebt die Polizei die Sperrung der Schlesischen Straße wieder auf. Zu dieser Zeit versammeln sich bereits einige Unterstützer der einstigen Bewohner der Cuvry-Brache und rufen zu Demonstrationen auf. Bis zum Abend bleibt es ruhig, etwa 70 bis 100 Menschen protestieren friedlich vor den Absperrungen.

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