Golda Meir war die einzige Premierministerin in der kurzen Geschichte Israels.
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BerlinDie Historiker Ralf Balke und Julien Reitzenstein fordern derzeit dazu auf, die Pacelliallee in Dahlem nach der ehemaligen israelischen Politikerin Golda Meir zu benennen. Mit Blick auf die antisemitischen Parolen von Eugenio Pacelli als Papst Pius XII. während der NS-Zeit, soll dessen Name von den Straßenschildern der Allee entfernt werden. Die einzige Premierministerin in der kurzen Geschichte Israels soll ihn ersetzen, heißt es in der Petition, die die zwei Historiker veröffentlicht haben.

Gut ist, dass die Initiative die Berliner dazu einlädt, ihre Geschichtsbilder zu hinterfragen. Die Erinnerung an historische Figuren ist eine dynamische Angelegenheit, die sich stets im Dialog befinden muss. Aber mit ihrem Umbenennungsvorschlag liegen Balke und Reitzenstein falsch. Denn Golda Meir (1898-1978) war zwar die wichtigste Frau der israelischen Politik in den schmerzhaften Jahren um den Yom-Kippur-Krieg und hat gewiss zur Förderung der Frauenrechte im Nahen Osten beigetragen. Aber auch ihre politische Haltung zur Palästinenserfrage sollte berücksichtigt werden.

Und da lässt sich nicht ignorieren, dass Meir trotz ihrer sozialdemokratischen Orientierung die Spannung zwischen Israelis und Palästinensern aktiv erhöht hat. „Wir verzeihen den Arabern, dass sie unsere Kinder töten. Wir verzeihen ihnen nicht, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten“, soll sie gesagt haben. Und auch sonst betonte sie die Opferrolle der Israelis im Nahostkonflikt, während sie in den ersten Jahren der Besatzung die israelischen Siedlungen im Westjordanland erweiterte. Es war durchaus ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem palästinensischen Problem, die 1977 zu einem Wandel der politischen Stimmung geführt hat und dazu, dass zum ersten Mal eine rechtspolitische Partei die israelische Parlamentswahl gewann. 

Ein weiterer Grund, die Pacelliallee nicht nach Meir zu benennen, wäre ihre Haltung gegenüber nicht-israelischen Juden. Für die überzeugte Zionistin, waren die Juden im Ausland Feinde des modernen Judentums. Nach dem Eichmann-Prozess, als in Israel die Erinnerung an die Opfer der Shoah zum ersten Mal in den Vordergrund rückte, sagte sie (zitiert nach Wikiquote): „Wer eine Mischehe eingeht, schließt sich den sechs Millionen an.“  Die Erinnerung an die ermordeten Juden im Holocaust zu instrumentalisieren, war für Golda Meir eine legitime Methode, um Israelis vor einer Assimilation zu warnen. Mit der Verwendung des Begriffes „Mischehe“ überführte sie rassistische Motive in einen rein-jüdischen Kontext– eine Sprachlogik, die die israelische Weltauffassung bis heute verletzend beherrscht.

Die Initiative zur Benennung einer Berliner Straße nach Golda Meir deckt  die Problematik der deutsch-israelischen Beziehung auf. Die deutsche Toleranz gegenüber Juden muss nicht immer nach israelischer Bestätigung suchen. Der ehrliche Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland steht seit mindestens drei Jahrzehnten für sich und birgt ein vielfältiges und weltoffenes deutsches Judentum, das im Gegensatz zu dem partikularen, geschlossenen Geschichtsverständnis der jüdischen Identität in Israel steht. Statt einer umstrittenen israelischen Figur sollte die deutsche Aufklärungsarbeit lieber eine nationale Persönlichkeit ehren, die für die Entstehung universellen, demokratischen und facettenreichen jüdischen Lebens in Deutschland sorgte und der Rolle unseres Landes in der Weltpolitik entspricht.

Mein Vorschlag: Der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis (1927-1999), der in mehreren öffentlichen Debatten für die multiperspektivische jüdische Einsicht in Deutschland kämpfte. Damit würde nebenbei der Zentralrat selbst geehrt, der in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert. Auch das wäre eine schöne Geste.

Der Autor ist Historiker, in Israel geboren und aufgewachsen und lebt seit 8 Jahren in Berlin.

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